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Die Reportage | Beitrag vom 18.02.2018

Fachkräftemangel in DeutschlandÄgyptische Ärztin im Behördendschungel

Von Anna Osius

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Jan Kielstein und Judy Ghoniem sitzen im Klinikum Raunschweig am Schreibtisch und schauen auf einen Bildschirm. Kielstein zeigt mit einem Stift auf den Bildschirm. (Jan Kielstein / privat)
Chefarzt Jan Kielstein hat die ägyptische Ärztin Judy Ghoniem ans Klinikum nach Braunschweig geholt. (Jan Kielstein / privat)

Im Februar 2017 berichtet ein Radiosender über Judy Ghoniem, eine 38-jährige Ärztin aus Kairo, die perfekt Deutsch spricht und in Deutschland arbeiten will. Der Leiter des Klinikums Braunschweig hörte zu und will sie einstellen - ein bürokratischer Hürdenlauf beginnt.

"Das war schon immer ein Traum von mir, in Deutschland zu arbeiten, ich hab immer von Deutschland geschwärmt."

Das sagt Judy Ghoniem, heute 39 Jahre alt, Rheumatologin aus Kairo. Sie hat ihr Abi an der Deutschen Schule gemacht, 20 Jahre später will sie endlich in Deutschland arbeiten. Die Karten stehen nicht schlecht. Es herrscht Fachärztemangel, Rheumatologen werden dringend gebraucht.

In einem Radiobeitrag erklärt Judy:

"Ich surfe jetzt seit zwei Monaten ununterbrochen im Internet, ich habe einen Lebenslauf auf Deutsch geschrieben und ich will sehen, was ich für Chancen hätte."

Jan Kielstein im Klinikum in Braunschweig (Jan Kielstein /privat)Professor Jan Kielstein, Chefarzt am Städtischen Klinikum Braunschweig, hört Judy Ghoniem im Radio - und will sie sofort einstellen (Jan Kielstein /privat)

Der Beitrag wird gehört, auch von Professoer Jan Kielstein, Chefarzt am Städtischen Klinikum in Braunschweig. Er braucht dringend Personal.

"Und als die Sendung vorbei war, hab ich mir gedacht: So jemanden hättest du gern in deinem Team. Und jetzt gib dir mal Mühe, schneller zu sein als all die anderen Kliniken in Deutschland, die auch nach qualifizierten Ärzten suchen, gerade im Bereich der Rheumatologie."

Jobangebot kommt sofort - aus Braunschweig

Als Judy Ghoniem das Angebot aus Braunschweig bekommt, ist die Freude riesig. Sie ruft direkt in der Klinik an und dann geht's los: Judy fliegt nach Deutschland, um das Krankenhaus kennenzulernen. Sie ist begeistert.

"Das Gute bei der Klinik ist: Sie ist sehr multikulti, es gibt viele ausländische Ärzte dort, ich fühle mich nicht als Fremdkörper."

Seit Generationen ist Judys Familie eng mit Deutschland verbunden. Ihr Großvater war in den 1950er und 1960er Jahren Kulturrat an der ägyptischen Botschaft in Bonn, erhielt für seine Verdienste zur deutsch-ägyptischen Verständigung das Bundesverdienstkreuz. Judys Mutter wuchs teilweise im Rheinland auf.

Judy machte in Kairo als Jahrgangsbeste ihr deutsches Abitur. Zuhause wird deutsch gesprochen, auch später mit Judys Söhnen Omar und Ahmed. Die beiden Jungs gehen ebenfalls auf die deutsche Schule. Der 11-jährige Omar freut sich auf Deutschland.

"Ein schönes Land, alles dort ist anders, es gibt viele Pflanzen, auch die vielen Berge und Wälder, Drachenfels und so. Ich möchte gerne in Deutschland studieren und arbeiten."

Und Judy fügt hinzu:

"Deutschland ist ein Teil von uns. Wir haben unsere Identität nicht verloren, wir sind immer Ägypter geblieben. Aber wir haben das Gute von beiden Seiten."

Kurz nach Sonnenuntergang, nachdem das erste Mahl des Tages eingenommen und das Fasten gebrochen wurde, füllen sich in der islamischen Altstadt von Kairo die Gassen und Straßen mit Menschen. (picture-alliance / dpa / Matthias Tödt)Kurz nach Sonnenuntergang füllen sich in der Altstadt von Kairo die Straßen mit Menschen. (picture-alliance / dpa / Matthias Tödt)

"Womöglich stempelt man mich als Flüchtling ab?"

Und doch ist der Schritt auszuwandern groß: Judys Facharzt in Rheumatologie wird in Deutschland nicht sofort anerkannt, sie müsste also als Stationsärztin beginnen. Sie ist gläubige Muslimin, trägt Kopftuch. Und fürchtet, in Deutschland als Flüchtling abgestempelt zu werden

"Mich hat kein Mann dazu gezwungen, es war meine Entscheidung, es heißt nichts weiter, als dass ich mich zu meiner Religion bekenne, das ist alles."

In Ägypten sind die beruflichen Möglichkeiten begrenzt, nicht nur was die Vergütung anbetrifft.

"Dadurch dass die Ressourcen in Ägypten knapp sind, können wir die Patienten nicht richtig behandeln. Wir müssen teilweise Medikamente nehmen, die nicht die richtigen für die Krankheit sind, weil sie billiger sind."

Judys Mann arbeitet als Onkologe in Saudi-Arabien - damit sich die Familie das Schulgeld für die Kinder weiter leisten kann. Die beiden führen eine Fernbeziehung.

Die Familie fasst gemeinsam den Beschluss, es in Deutschland zu versuchen.

Nicht mitgerechnet: die Bürokratie

Einige Wochen später an der Deutschen Botschaft in Kairo. Es ist 8 Uhr morgens. Zielstrebig steuert Judy auf das Gebäude hinter hohen Mauern aus Beton zu, in einen Hand eine große Tasche voller Papiere, an der anderen ihren kleinen Sohn Ahmed. Omar, der 11-Jährige, trottet etwas müde hinterher. Es ist einer von vielen Terminen, den Judy für das Visum bereits an der Botschaft hatte.

Judy Ghoniem steht mit Dokumenten in der Hand am Empfang der deutschen Botschaft in Kairo (Deutschlandradio / Anna Osius)Die Ärztin Judy Ghoniem vor der deutschen Botschaft in Kairo (Deutschlandradio / Anna Osius)

Der erste Schalter, an dem sie vorsprechen müssen, ist nicht mehr als eine Art Fenster in der Außenmauer des Gebäudes, hinter Sicherheitsglas prüft eine Mitarbeiterin, ob die Unterlagen komplett sind. Judy blättert in den Papieren, zieht Dokumente hervor. Habe ich alles beisammen, fragt sie leise? Ihre Hände zittern leicht. Es fehlen noch Kopien. Judy geht in einen Copyshop. Als sie zurückkommt, ist am Schalter ein lange Schlange.

Später ist sie optimistisch: mit ihrem Visum sehe alles gut aus, habe man ihr gesagt. Die Familie will in den Sommerferien nach Deutschland ziehen, damit die beiden Kinder direkt zum neuen Schuljahr anfangen können. Eine Wohnung hat die Familie bereits gefunden - mit Hilfe des Klinikums. Der Mietvertrag ist unterschrieben - ab dem 1. Juli muss in Braunschweig Miete gezahlt werden. Eigentlich ein guter Plan. Prof. Jan Kielstein:

"Hürden haben wir beide, als wir beschlossen haben, ja wir machen das, nicht gesehen."

Doch die Behörden spielen nicht mit. Erst Wochen nach dem Visumsantrag, erfährt Judy au Nachfrage, dass das Visum nicht ausgestellt werden kann. Es fehlt ein entscheidendes Dokument fehlt: die Berufserlaubnis aus Deutschland.

Professor Kielstein schaltet sich ein, versucht zu vermitteln. Vergeblich. Die Emails werden schärfer, empörter, wütender.

"Verschiedenen Institutionen haben sich nicht gescheut, Wassergräben und Mauern mit Stacheldraht aufzubauen, in einer Vehemenz, die ich nicht für möglich gehalten hätte."

Die Behörden spielen nicht mit

Die Situation ist festgefahren. Denn der zuständige niedersächsische Zweckverband zur Approbationserteilung hatte so einen Fall noch nicht.

Die Kommissarische Leiterin Maike Meyer Wrobel:

"Wir erteilen eine Berufserlaubnis selber erst, wenn der Antragsteller in Deutschland ist und eine Anschrift hier nachweist."

Judy steckt im Behördenwirrwarr: ohne Berufserlaubnis kein Visum, und ohne Visum keine Einreise nach Deutschland, um dort eine Berufserlaubnis bekommen. Ein Teufelskreis?

Die Lösung wäre die Zusicherung einer Berufserlaubnis. Doch die dauert Wochen. Und so zieht sich das Visumsverfahren hin.

Für Judy Ghoniem ist das Hin und Her eine Katastrophe - die Zeit läuft ihr davon. Die Kinder verpassen den Schulbeginn in Braunschweig - Ahmed hat keinen ersten Schultag. Die Wohnung in Braunschweig steht weiter leer - bei einer monatlichen Miete von 700 Euro - ein Vermögen für Judy, die ja in Deutschland noch kein Einkommen hat. Und ihre Arbeitsstellen in Ägypten und Saudi-Arabien haben Judy und ihr Mann bereits gekündigt - im festen Glauben, bald in Deutschland zu sein. Die Familie sitzt mit Geldsorgen auf gepackten Koffern in Kairo - und Judy ist verzweifelt.

"Ich kann nachts nicht mehr schlafen. Ich bleibe bis um drei wach und laufe im Zimmer hin und her, weil ich nicht weiß, wie ich das machen soll. Die Ungewissheit macht mich verrückt."

Omar, Ahmed und Judy Ghoniem stehen im Flughafen in Kairo und blicken in die Kamera (Deutschlandradio / Anna Osius)Die Ärztin Judy Ghoniem mit ihren Söhnen Omar und Ahmed am Flughafen in Kairo. (Deutschlandradio / Anna Osius)

Jan Kielstein, der Chefarzt aus Braunschweig wendet sich an höhere Stellen, ruft bei Landesministerien an, beim Auswärtigen Amt und Bundesgesundheitsministerium. Er schreibt mehr als 300 Emails.

"Abgrundtief geschämt für mein Land"

"Das Ganze ging sogar soweit, dass in einem Nebensatz gesagt wurde, es läge vielleicht daran, dass sich das Klinikum einsetzt, weil Geld im Spiel ist. Spricht, wir werden bestochen, um die Familie nach Deutschland zu holen. Das sind so Momente, wo man doch sehr ins Zweifeln kommt. Ich hab dann das Gefühl entwickelt, das sich mich abgrundtief geschämt habe, für mein Land, dass es Menschen so schwer macht, die alles auf dem Silbertablett mitbringen, was man sich nur wünschen kann."

Als sich der Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig schließlich einschaltet, geht es plötzlich ganz schnell. Die Approbationsbehörde in Niedersachsen signalisiert der deutschen Botschaft in Kairo, dass eine gute Aussicht auf Erteilung einer Berufserlaubnis besteht. Die Botschaft stellt das Visum aus und hilft auch bei weiteren Anträgen. Sofort bucht Judy einen Flug. Judys Ehemann ist noch in Saudi-Arabien, er kommt nach. Alle sind aufgeregt.

Endlich - es geht los.

Die Familie wird in Braunschweig von Chefarzt Kielstein freudig begrüßt. Die Kinder gehen schon am nächsten Tag auf ihre neuen Schulen - und finden sich gut zurecht. Aber Judy muss weiter auf ihre Berufserlaubnis warten. Solange hospiert sie am Klinikum in Braunschweig - eine Ärztin mit 12 Jahren Berufserfahrung. Sie ist verzweifelt. 

"Ich fühl mich total verloren! Also wenn die in zehn Tagen nicht da ist, dann packe ich meine Koffer und gehe."

Dann endlich gibt die Behörde grünes Licht - Judy unterschreibt ihren Arbeitsvertrag für sechs Jahre am Klinikum Braunschweig. Die Familie ist am Ziel. Einerseits.

Judy Ghoniem (rechts) mit Kolleginnen in Klinikum in Braunschweig (Jan Kielstein / privat)Die Geschichte von Judy Ghoniem (rechts): fast wie ein Märchen (Jan Kielstein / privat)

Andererseits - und das erzählt Judy Ghoniem in einem Interview, das sie aktuell mit uns geführt hat - ist das Leben keineswegs paradiesisch. Sie arbeitet viel und hat leider trotzdem viel zu wenig Zeit für ihre Patienten. Das hatte sie so nicht erwartet und versteht nicht, weshalb Ärzte in Deutschland mit administrativen Aufgaben zugeschüttet werden. Auf ihre Approbation wartet sie immer noch.

"Wenn man meine Erfahrung nicht anerkennt, wenn man mich behandelt wie jemand, der frisch von der Uni kommt, dann weiß ich nicht, ob ich das durchhalte. Ich weiß auch nicht, ob ich das dann noch will."

Ihr Mann, Onkologe und damit ebenfalls eine in Deutschland dringend gesuchte Fachkraft, spricht Englisch, Arabisch und Französisch, aber kein Deutsch. Er würde lieber heute als morgen wieder als Arzt arbeiten, aber zuerst muss er die Sprache lernen. 400€ im Monat bezahlt die Familie für einen Sprachkurs - viel Geld, Judy Ghoniem ist schließlich Alleinverdienerin.  

Die rundum gute Nachricht ist: Omar und Ahmed sind glücklich in Braunschweig. Sie haben schnell Freunde gefunden, lieben Fußball und sind Fans von Eintracht Braunschweig.

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