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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.05.2014

Fachkräftemangel"Brauchen mehr englischsprachige Angebote"

Hochschulexperte: Universitäten und Unternehmen müssen offener werden

Volker Meyer-Guckel im Gespräch mit Christopher Ricke

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Studenten sitzen in einem Hörsaal der Universität Koblenz-Landau (picture alliance / dpa / Thomas Frey)
Besonders in den technischen Fächern Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik fehlt der Nachwuchs. (picture alliance / dpa / Thomas Frey)

Fehlende Nachwuchs-Techniker sollen aus dem Ausland angeworben werden. Damit der Mangel gelöst werden kann, müssten Universitäten und Wirtschaft sich aber grundlegend wandeln, sagte der stellvertretende Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.

Christopher Ricke: Deutschland kommen offenbar die Fachleute abhanden: In den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik zählen die Unternehmen inzwischen 50.000 Personallöcher, die dringend gestopft werden sollten, um die deutsche Volkswirtschaft fit zu halten. Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik, kurz MINT, ist ja seit Langem ein Thema. In den Schulen gibt es Förderschwerpunkte, man wirbt für mehr Frauen in diesen doch recht männlich geprägten Bereichen. Anscheinend reicht das alles aber nicht. Darum wollen Hochschulen und Arbeitgeber jetzt im Ausland systematisch um Studenten werben. Da ist auch der Stifterverband vorne mit dabei – das ist eine Initiative der Wirtschaft, die seit knapp 100 Jahren für gemeinsame Verantwortung von Unternehmen und Stiftungen für Wissenschaft und Bildung in Deutschland steht. Volker Meyer-Guckel leitet die Arbeitsgruppe „Internationalisierung der MINT-Bildung", er ist jetzt am Telefon. Guten Morgen, Herr Meyer-Guckel!

Volker Meyer-Guckel: Schönen guten Morgen.

Ricke: In welchen Ländern schauen wir uns denn da am besten um?

Meyer-Guckel: Na ja, am besten in den Ländern, mit denen wir auch wirtschaftliche Beziehungen pflegen, und zwar zunehmend, das sind vor allen Dingen auch die BRIC-Staaten, also Indien, China, Russland und Brasilien, aber es gibt viele Zielländer, mit denen wir als Unternehmen sehr eng zusammenarbeiten und auf die wir uns noch ein bisschen zielgerichteter konzentrieren sollten mit unseren Rekrutierungsstrategien ausländischer Studierender.

Ricke: Ich habe jetzt ehrlich gesagt erwartet, Sie zählen mir ein paar Europäer auf, aber die, die Sie nennen, die sind natürlich ... Die guten Leute dort, die gucken natürlich auch zum Beispiel nach Kanada oder in die USA, die müssen doch nicht unbedingt nach Deutschland.

Meyer-Guckel: Das ist richtig, und deshalb haben Sie auch ein wichtiges Stichwort genannt: In der Europäischen Union gibt es ja auch eine Ungleichverteilung von Arbeit und Qualifikationen. Wir haben sehr viele jugendliche Arbeitslose in den südeuropäischen Ländern. Das ist für uns natürlich auch ein großes Potenzial, also wir würden ja sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Wir würden unser Fachkräfteproblem lösen, wenn wir diese Menschen in unser Arbeitsleben integrieren könnten, und dort die Arbeitslosigkeit senken.

Ricke: Aber sind das denn wirklich Mathematiker und Informatiker, die dringend Arbeit suchen und deswegen vielleicht auch auswandern? Denn auch Mathematiker, Informatiker, Techniker, die braucht es doch überall.

Kein Nachwuchsproblem in den Naturwissenschaften

Meyer-Guckel: Die braucht es überall, die braucht es aber natürlich vor allen Dingen in Ländern, die sehr industriegeprägt sind. Das sind nicht alle südeuropäischen Länder. Unsere Wirtschaft ist sehr industriegeprägt mit hohem Anteil an Hightech-Industrie, und deshalb brauchen wir das besonders, wobei auch hier zu unterscheiden ist. Also wir haben in den naturwissenschaftlichen Fächern eigentlich kein großes Nachwuchsproblem, da ist das Angebot von Fachkräften etwa mit der Nachfrage ausgeglichen. Vor allen Dingen die technischen Fächer, Maschinenbau, Elektrotechnik, Informatik – das ist ein wirklich großes Problem in Deutschland.

Ricke: Da ist Deutschland ja auf dem internationalen Markt aktiv. Da ist die Handels- und Wirtschaftssprache Englisch. Ist das auch eine Brücke, weil doch Deutsch eine recht schwere Sprache ist? Und wenn ein Student erst mal Deutsch lernen muss, geht er dann vielleicht doch lieber woanders hin?
Meyer-Guckel: Das ist in der Tat ein Wettbewerbsnachteil. Sie haben ja eben gesagt, andere Länder, die angelsächsischen Länder sind viel erfolgreicher in der Anwerbung ausländischer Studierender. Das liegt an der Sprache. In der Tat: Wir brauchen viel mehr Internationalisierung unserer Studiengänge, das heißt eben auch, englischsprachige Angebote. Das können komplette Studiengänge in Englisch sein, das können aber auch Hybridkonstruktionen sein, wo ein Teil in Englisch und dann vielleicht ein Teil im weiteren Verlauf des Studiums auf Deutsch angeboten wird. Insgesamt brauchen wir, glaube ich, in der Studieneingangsphase vor allen Dingen Brückenkurse, die die Integration in das deutsche Studiensystem, aber auch in die deutsche Kultur stärken.

Ricke: Da geht es ja nicht nur um Sprache, man hört ja von deutschen Universitäten, dass ausländische Studenten oft unter sich bleiben, dass es mit der Integration nicht so weit her ist. Glauben Sie, dass man das mit Kursen lösen kann?

Kulturwandel an Universitäten notwendig

Meyer-Guckel: Das erfordert in der Tat einen Kulturwandel insgesamt und da sind mehrere Faktoren wichtig. Wir brauchen mehr internationales Lehrpersonal. Also wenn insgesamt die deutsche Professorenschaft internationaler wird – und da hinken wir auch hinter anderen Ländern hinterher –, dann wird sich der ganze Campus heterogenisieren im Sinne von Diversity. Wir brauchen allerdings auch mehr als immer nur projektorientierte Förderung. Also Internationalität wird leider nicht durch Landesgelder ausreichend finanziert an den Hochschulen, also mit Grundmitteln, sondern es gibt beständig Programme des DAAD, vom Bund finanziert im Wesentlichen: Das sind aber projektorientierte Förderungen, die nicht, letztendlich nicht nachhaltig sind. Wir brauchen eine stetige Grundförderung dieses Querschnittsthemas Internationalität an unseren deutschen Hochschulen.

Ricke: Herr Meyer-Guckel, Sie haben freundlicherweise Ihren Lebenslauf auf der Webseite des Stifterverbandes, und dem entnehme ich, dass Sie ja auch im Ausland studiert haben. Was machen wir denn mit denen, für die wir Ausland sind, die zu uns kommen, die man teuer mit Förderprogrammen ausbildet, was macht man, dass die dableiben und nicht wieder in ihre Heimat zurückgehen?

Arbeitgeber müssen ausländische Absolventen integrieren

Meyer-Guckel: Das ist allerdings in der Tat auch ein wichtiges Thema. Wir müssen auch nicht nur in die Studieneingangsphase, also auf die Integration schauen, sondern auch auf die Studienausgangsphase. Wir haben ja zwei Probleme. Erstens: Ausländische Studierende kommen zwar gerne zu uns, also wir haben durchaus gesteigerte Zahlen in den vergangenen Jahren, aber nur wenige, sehr wenige machen bei uns tatsächlich auch den Studienabschluss. Von diesen sehr Wenigen wiederum gehen nur etwa 20, 30 Prozent in den deutschen Arbeitsmarkt, obwohl es nach Umfragen 70, 80 Prozent gerne möchten. Das heißt, auch hier brauchen wir viel mehr Integration, und hier sind vor allen Dingen auch die Arbeitgeber gefordert, mit Trainee-Programmen, mit Stipendienprogrammen, mit Praktika in deutschen Filialen, aber auch in ausländischen Filialen von Global Playern diese Menschen besser zu integrieren und auch in die Kultur des deutschen Arbeitsmarktes einzuführen. Ich glaube, da gibt es viel mehr Kooperationsmöglichkeiten zwischen Hochschulen, zwischen Career Centern und Unternehmen, als bisher genutzt wurden, übrigens auch digitale Angebote von Unternehmen, also digitale Lehrangebote, digitale Beschreibungen von Arbeitsplätzen, die zum Beispiel bei der Rekrutierung ausländischer Studierender nützlich sein können. Auch die müssen wir verstärkt einsetzen.

Ricke: Herr Meyer-Guckel, wenn ich all die Probleme, die wir jetzt besprochen haben, nebeneinander auf den Tisch lege, ist mir der Tisch zu kurz. Wir haben doch auch in Deutschland eine ganz große Zahl an Schulabgängern, wir haben auch Studienanfänger in den MINT-Bereichen – da haben wir dann dummerweise, gerade bei Maschinenbau und bei Informatik, wieder viele Studienabbrecher. Warum gelingt es uns denn nicht, die jungen Leute bei der Stange zu halten, erst mal vor der eigenen Tür zu kehren, bevor wir mühsam Fachleute aus dem Ausland akquirieren?

Zahl der Studienabbrecher senken

Meyer-Guckel: Das ist auch wieder ein komplexes Problem. Also in der Tat: Wir haben im Prinzip drei Stellschrauben, um mehr Fachkräfte zu rekrutieren. Das eine ist, Begabungsreserven zu nutzen. Sie haben das Problem des Frauenanteils in vielen Fächern angesprochen. Der Frauenanteil unterscheidet sich auch hier. In den Naturwissenschaften ist er sehr gewachsen, auch sehr hoch, in vielen technischen Fächern sind wir überhaupt nicht vorangekommen. Dazu kommt natürlich, dass Mathematik, dass Naturwissenschaften in den Hochschulen – gerade die Naturwissenschaften – kaum noch kontinuierlich unterrichtet werden, und das ist auch wichtig, um sozusagen von der Breite zur Spitze zu kommen. Und das dritte Thema ist in der Tat der Studienabbruch. Hier müssen wir auch einfach besser werden. Es ist viel volkswirtschaftliches Potenzial, was verloren geht. Aber auch da arbeiten ja die Hochschulen dran, allein schon, indem sie nun mal Monitoring-Systeme einführen, weil vielfach weiß man ja gar nicht, was mit den Studierenden passiert.

Ricke: Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband, ganz herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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