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Breitband | Beitrag vom 16.03.2019

Facebook in der KriseInternetgigant sucht neues Geschäftsmodell

Jochen Dreier

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Mark Zuckerberg mit gesenktem Kopf in nachdenklicher Pose während einer öffentlichen Anhörung. (picture alliance / AP Photo / Andrew Harnik)
Mark Zuckerberg im April 2018 bei seiner Anhörung auf dem Capitol Hill in Washington. Zahlreiche Skandale machen dem Konzern zu schaffen. Gelingt ein Neuanfang? (picture alliance / AP Photo / Andrew Harnik)

Mehr Privatheit, bessere Verschlüsselungstechniken: Mark Zuckerberg will Facebook entscheidend verändern - insbesondere das bisherige Geschäftsmodell des Web-Giganten wird damit auf den Kopf gestellt.

2018 war ein Jahr voller Skandale und schlechter Zahlen für Facebook. Eine Geldstrafe wegen des Cambridge-Analytica-Skandals, bei dem Daten von Millionen Nutzern abgegriffen wurden und an das Wahlkampfteam von Donald Trump verkauft wurden. Es gab Datenlecks und Vorwürfe wegen der Verbreitung von Fake News, wovon weltweit Populisten bei Wahlen profitiert haben könnten und tödliche Gewalt gegen Minderheiten wie die Rohingya in Myanmar befeuert hat. Und zusätzlich musste Zuckerberg dann noch einräumen, dass die Nutzungszahlen in Europa erstmals zurückgegangen sind.

Großer Einschnitt in die Firmenphilosophie

Und jetzt ein Blogpost, der sich liest, als würde der gute Zwilling von Mark Zuckerberg das Ruder übernehmen: "Ich glaube, dass die Kommunikation sich in der Zukunft zunehmend auf vertrauliche, verschlüsselte Dienste verlagern wird, in denen die Menschen sich darauf verlassen können, dass das, was sie einander mitteilen, sicher bleibt."

Und weil diese Aussagen nicht nur überraschend, sondern eben aus Zuckerbergs Feder auch so unglaubwürdig wirken, schreibt er den Zweiflern gleich entgegen: "Ich verstehe, dass viele Leute nicht glauben, dass Facebook eine solche auf Privatsphäre fokussierte Plattform aufbauen würde oder überhaupt wollen würde."

Nutzer wollen mehr Privatsphäre

Das Geschäftsmodell war und ist auf das genaue Gegenteil ausgelegt. Und so lesen sich dann auch die Reaktionen darauf. Markus Böhm legt auf SpiegelOnline den Finger in die Wunde:

"Zuckerberg erwähnt in seinem Post, dass der Trend seit einigen in Jahren in Richtung privater statt öffentlicher Kommunikation geht. Er spricht aber nicht aus, dass Facebook selbst ein gewichtiger Grund dafür ist."

Das ist genau der Punkt. Nicht nur die neben den Abhörskandale rund um Snowden und der NSA, sondern auch Facebook hat viele Menschen zu einem stärkeren Schutz der Privatsphäre getrieben. Sie wollen nicht, dass ihre Kommentare oder Posts für immer öffentlich im Netz zu finden sind.

Sie ziehen sich in private Gruppen zurück, statt öffentlich zu kommunizieren, sie nutzen verschlüsselte Messenger. Schon jetzt bietet der Messenger WhatsApp, der zum Facebook-Konzern gehört, verschlüsselte Kommunikation an. Eine Reaktion auf Kritik, bevor zu viele User die App wechseln.

Bloß eine "jämmerliche Schutzbehauptung"?

Manfred Kloiber vom Deutschlandfunk meint aber:

"Wenn Zuckerberg nun argumentiert, durch die Zusammenlegung werde die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung auf mehr Dienste im Facebook-Kosmos ausgeweitet, dann erscheint sie wie eine jämmerliche Schutzbehauptung. Sie richtet sich in erster Linie an die Politik, die in vielen Staaten offen darüber nachdenkt, Facebook endlich einen ordnungspolitischen Rahmen zu verpassen."

In diese Bresche schlagen viele Kommentatoren. Denn der Ruf nach Zerschlagung des Konzerns wird immer lauter. In der EU diskutiert man schon lange, wie Facebooks Macht eingeschränkt werden kann und auch in den USA ruft etwa die Senatorin und Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren dazu auf, Facebook zu zerschlagen. Und das ist nicht unvorstellbar. In den 80ern wurde der Telekommunikationskonzern At&T zerschlagen und Microsoft entging dieser harten Regulierung in den 90ern nur knapp.

Das neue Facebook schützt die Macht des alten Facebook

Facebook könnte also gezwungen werden einzelne Dienste zu verkaufen. Mit einem Schachzug, der auch im Blogpost erneut angedeutet wird, könnte Zuckerberg diesem Schicksal entgehen. Und dieser Zug sieht ironischerweise eine Zusammenlegung vor:

"Wenn du heute jemandem auf Facebook schreiben möchtest, dann musst du den Messenger nutzen, auf Instagram Direct oder eben auf Whatsapp. Wir wollen den Menschen eine Wahl geben, so sie alle erreichen können, in allen Netzwerken und von jeder App."

Auf den ersten Blick ein Dienst am Nutzer, vor allem weil dann alle Nachrichten verschlüsselt sein sollen. Aber auch ein mögliches Mittel gegen Regulierung, das sagte Martin Fehrensen vom Socialmedia-Watchblog gegenüber Deutschlandfunk Kultur: Denn es wäre durch die Zusammenlegung "dementsprechend schwierig für die Politik, da ran zu gehen und zu sagen, das wollen wir jetzt aufbrechen. Denn das ist alles miteinander verschränkt."

Zuckerberg könnte also mit seiner Idee eines neuen Facebooks vor allem die Macht des alten Facebooks schützen wollen.

Geldmaschine auf der Suche nach neuem Geschäftsmodell

Trotzdem macht seit dem Blogpost ein Begriff die Runde: der Pivot. Viele Analysten sind der Meinung, dass dies der Wendepunkt ist, an dem Facebook sich grundlegend ändern wird und muss. Denn wenn private Nachrichten und Chatgruppen im Vordergrund stehen sollen, dann würde die große Geldmaschine von Facebook eine viel kleinere Rolle spielen: der Newsfeed.

"In an encrypted messaging app and advertiser can’t see who you are or what you are interested in nearly as well as you are used to be", erklärt Casey Newton vom Onlinemagazin "The Verge". "Instead Facebook will give businesses the opportunity to buy and sell things in the messenger. There are still a lot of details that need to be worked out."

Was Newton hier beschreibt, erinnert stark an WeChat, den chinesischen Giganten mit dem bereits eine Milliarde Menschen chatten, spielen, bezahlen und einkaufen.

Es könnte aber durchaus sein, dass Facebook schon zu viel Vertrauen verspielt hat, so dass die enttäuschten Nutzer in Zukunft kein Interesse haben werden, noch mehr ihrer Aktivitäten dort zu verbinden. Der Pivot könnte zu spät kommen.

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