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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.07.2010

Exzessive soziale Merkwürdigkeit

Peter Sloterdijk: "Scheintod im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft als Übung", Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 146 Seiten

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Peter Sloterdijk (AP Archiv)
Peter Sloterdijk (AP Archiv)

Seit Platons Akademie-Gründung gab es viele Intellektuelle, die sich denkend in ein Anderswo begaben, das nicht von dieser Welt ist. Peter Sloterdijk untersucht historische Formen dieses "Scheintods" und übt Kritik an der Metaphysik.

Berühmt ist die Geschichte, die Platon im "Symposion" überliefert: Sokrates kommt deutlich zu spät zum Essen, weil er im Torhof nebenan wie angewurzelt stehengeblieben war, um nachzudenken und dabei von seinen Gedanken vollständig absorbiert wurde.

Für Peter Sloterdijk ist Sokrates der erste "Scheintote", an dessen Herumsteherei die "exzessive soziale Merkwürdigkeit" des Denkens sichtbar wird. Der Denker oder auch Philosoph, Homo theoreticus, Intellektuelle oder Wissenschaftler - Sloterdijk bleibt im Durchgang durch die Jahrhunderte großzügig, was Definitionen angeht -, setzt sich denkend in ein Anderswo ab, das nicht von dieser Welt ist: "Im wirklichen Denken gehören die Gedanken eher zu ihren Mitgedanken als der Denker zu seiner Mitwelt."

In dem Essay "Scheintod im Denken", dem eine Vorlesung im Rahmen der Unseld Lectures an der Universität Tübingen im Juni 2009 vorausging, untersucht Sloterdijk historische Formen des Scheintods qua Denken, seit Platon im Jahr 387 v. Chr. seine Akademie "als vorbildlose Institution zur Beherbergung der Absencen" gegründet hat - und zwar als Reaktion auf den Zusammenbruch des athenischen Polis-Modells, also der Demokratie.

Die Philosophie wird, so betrachtet, "eine Tochter der Niederlage und zugleich deren Kompensation durch geistreiche Flucht nach vorn". Die Liebe zur Weisheit erscheint als die "reinste Form von Verliererromantik - Umdeutung einer Niederlage in einen Sieg auf anderem Felde". Als einen letzten überragenden Vertreter des scheintoten Denkens stellt Sloterdijk den Phänomenologen Edmund Husserl vor, der seine Überlegungen von allen Einflüssen des körperlich-irdischen Existierens befreien wollte (und sich später revidiert hat).

Sloterdijks anspruchsvolle Ausführungen sind im Grunde eine kreative Neuformulierung der europäischen Metaphysik-Geschichte - und münden erwartungsgemäß in deren Kritik. Denn den denkenden Scheintoten als völlig "neutralen Beobachter" kann es nach heutigem Verständnis nicht geben. Seiner Thriller-Semantik treu, stellt Sloterdijk zehn "Attentäter" vor (von Marx und Nietzsche über Georg Lukacs bis zu Michel Foucault und Judith Butler), deren Wirken "mit der Tötung eines Scheintoten gleichbedeutend" ist. Soll heißen: Die Annahme, restlos rein denken bzw. beobachten zu können, wird als Illusion entlarvt; an jeder Erkenntnis der "lokale Charakter" sichtbar. Objektiv sind allenfalls apparative Messungen in den Naturwissenschaften.

In "Scheintod im Denken" verzichtet Sloterdijk auf aktuelle Bezüge; er meidet, anderes als etwa in "Zorn und Zeit" (2006), die geistigen Kampfzonen der Gegenwart. Seine Metaphernexzesse sind - wie anders? - heikel und hilfreich: heikel, weil naturgemäß unscharf, hilfreich, weil die Stoffe griffig-lebendig werden. Wer den Sog geistiger Welt-Entfremdung niemals verspürt hat, wird "Scheintod im Denken" für ein gespenstisches Buch halten. Wer aber dem Scheintod geistiger Arbeit je erlag, darf sich auf eine kluge, wenn auch teils grobe Obduktion all jener Denk-Leiber freuen, die seit Sokrates den stolzen Scheintod starben.

Besprochen von Arno Orzessek

Peter Sloterdijk: Scheintod im Denken. Von Philosophie und Wissenschaft als Übung
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
146 Seiten, 10 Euro

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