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Nachspiel | Beitrag vom 30.12.2018

Extremes Klettern weltweitDie Sehnsucht nach Abenteuern

Von Ernst Vogt

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Zwei Bergsteiger blicken auf den Ama Dablam im Himalaya.  (imago stock&people)
Zwei Bergsteiger blicken auf den Ama Dablam im Himalaya. (imago stock&people)

„Bergsteigen ist die Kunst, dorthin zu gehen, wo man umkommen könnte – und nicht umzukommen“, sagt Reinhold Messner. Der Wunsch, die Zivilisation zu verlassen und die Gefahren der Natur zu überwinden, treibt viele Menschen in die Berge.

Shishapangma, 8.027 Meter hoch. Einer der 14 Achttausender. Der Berg steht in Tibet, wenige Kilometer von der nepalesischen Grenze entfernt. Ines Papert aus dem Berchtesgadener Land und ihr Partner Luka Lindic wollen eine neue Route durch die Südflanke klettern. 

"Als Alpinist schlummert in jedem der Wunsch, einmal auf einen hohen Berg zu steigen, einen Achttausender."

Doch als Auftakt der Expedition ist eine Erstbegehung am Siebentausender Nyanang Ri geplant. Ines Papert und Luka Lindic schlafen in einem winzigen Zelt, das sie auf rund 6.500 Meter Höhe aufgestellt haben. In einer Randkluft an einem vermeintlich sicheren Platz. Doch die Sicherheit entpuppt sich als trügerisch. 

"Dann hat’s über Nacht viel mehr geschneit als erwartet und durch die großen Schneefälle ist die Flanke ins Rutschen gekommen. Und ich hab‘ das gehört, morgens um vier Uhr, reiße Luka aus dem Schlaf, wir müssen sofort raus aus dem Zelt. Ich habe die Zeltstangen gebrochen, die Zeltwand zerrissen und bin seitlich raus, während er über den Normaleingang das Zelt verlassen hat. Der Schnee hat schon auf die Beine gedrückt. In letzter Minute haben wir es geschafft, die Flucht anzutreten."

Ohne Ausrüstung auf dem Berg

Ines Papert und Luka Lindic mussten zuschauen, wie ihr Zelt komplett in den Schneemassen verschwindet. Und mit dem Zelt ihre ganze Ausrüstung, inklusive der Kletterseile. Dabei sind die Seile die Lebensversicherung, um wieder vom Berg herunter zu kommen. Einzig und allein die Lawinenschaufel blieb außerhalb der Schneemassen. Zum Glück. Drei Stunden mussten sie abwechselnd graben, um wieder an ihre Ausrüstung heranzukommen.

"Der einzige Wunsch war: Lass uns so schnell wie möglich von hier verschwinden. Wir waren total unter Schock, haben zwei Tage nicht darüber reden können. Jeder hat versucht, das Geschehen für sich zu verarbeiten, bis wir gemerkt haben: Wir müssen das besprechen. Das war jetzt so knapp am Tod vorbei."

An ein Weiterklettern war nicht mehr zu denken. Luka Lindic und Ines Papert haben es zwar noch einmal probiert, aber bald mussten sie erkennen: Es ist besser, das Scheitern zu akzeptieren.

"Das hat mich so geschlaucht, dieses Erlebnis, dass bei mir die Energiereserven aufgebraucht waren und dann haben wir die Expedition abgebrochen. Mit dem Glück, dass nichts weiter passiert ist. Ja, der Schock sitzt heute noch."

Reinhold Messner über das Scheitern

Der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner hat jahrzehntelang das Geschehen an den Achttausendern bestimmt und als Erster die 14 höchsten Gipfel der Erde bestiegen. Heutzutage verarbeitet er seine Erfahrungen in Büchern und setzt seine Akzente in der "Philosophie des Abenteuers".

"Der größte Wert der Berge ist diese Menschenfeindlichkeit, sonst ist die Spannung nicht vorhanden. Da oben ist der Mensch ein winziges verlorenes Wesen und nur als solches kann er Erfahrungen machen."

Für Reinhold Messner gehört das Scheitern zum Extremalpinismus dazu. Er plädiert für den Verzicht auf technische Hilfsmittel beim Klettern genauso wie er für den Verzicht auf Sauerstoffflaschen beim Höhenbergsteigen wirbt.

"Wenn es keine Unmöglichkeit mehr gibt, dann gibt es auch nicht mehr die Auseinandersetzung. Das Bergsteigen lebt von Anfang an von: möglich oder unmöglich."

Reinhold Messner vor der Königsspitze in Südtirol. (dpa / picture-alliance)Reinhold Messner vor der Königsspitze in Südtirol. (dpa / picture-alliance)

Viele junge Kletterer und Bergsteiger verfolgen die Expeditionen der modernen Abenteurer wie Alexander und Thomas Huber, Stefan Glowacz, Robert Jasper und Hansjörg Auer. Ihre Ziele im Jahr 2018 waren Grönland und der Karakorum. Die meisten Alpenvereinsmitglieder haben Respekt vor der Leistung der Protagonisten, aber auch kritische Aspekte schwingen mit:

"Es ist doch eine sehr einsame Geschichte, ich find’s fast auch a bissl irre. Also ohne Sicherung am anderen Ende der Welt die Wand hoch, das ist ein Heldentum, das mir keine Bewunderung abringt."

"Es ist ein Hype, gut vermarktbar. Man kann gut heldenmäßige Fotografien und dramatische Filmaufnahmen machen."

"Faszinierend finde ich’s schon. Sie können es, aber trotzdem kann immer noch etwas schiefgehen. Es geht um Adrenalin, das ist für mich aber kein ausreichender Grund, um sich selbst in Gefahr zu bringen."

"Die müssen ja da hinfliegen. Jeder muss schauen, was sein CO2-Fußbabdruck ist und schauen, wo er ihn so stark wie möglich reduzieren kann."

"Mit allen Seilen abgestürzt"

Die Anmarschwege im Karakorum-Gebirge in Pakistan sind weit. Das weiß kaum einer besser als der bayerische Extremkletterer Thomas Huber. Er war bereits zweimal in der Nähe des Siebentausenders Latok 1. Den Gipfel hatte er nicht erreicht. 2018 brach er zum dritten Mal zu diesem gewaltigen Gipfel auf. Seit 40 Jahren hat niemand mehr den Latok 1 bestiegen. Ziel war eine Erstbegehung durch die Nordwand. Diese wurde im Vorfeld auch von einer russischen Seilschaft probiert – mit tragischem Ausgang.

"Den Gipfel haben sie nicht geschafft, weil das Wetter schlecht geworden ist. Sergey Glazunov ist dann abgeseilt und beim Abseilen ist dann ein Unfall passiert – man weiß nicht genau, was passiert ist, auf jeden Fall ist er mit allen Seilen abgestürzt. Alexander Gukov hatte nichts mehr, saß ca. zehn Tage auf 6.500 Meter Höhe ohne Essen und wurde dann mit einer spektakulären Rettungsaktion aus dem Berg ausgeflogen."

"Mountain impossible"

Als "Mountain impossible" – als unmöglicher Berg – wird der Latok in Bergsteigerkreisen betitelt. Nicht zuletzt deshalb galt dieser Gipfel international als das "Ziel der Ziele" des Jahres 2018. Thomas Huber, dessen Kletterkarriere an hohen Bergen vor zwei Jahrzehnten an einem der Nachbargipfel begonnen hat, näherte sich diesmal dem Latok 1 bei strahlendem Wetter. Zum Akklimatisieren ging es auf den Panmah Kangri, 6046 Meter hoch. Dieser freistehende Berg sieht aus wie eine Pyramide aus Fels und Eis. Thomas Huber erreichte den exponierten Klettergipfel mit seinem Südtiroler Kletterpartner Simon Gietl.

"Als wir dann da oben gestanden sind bei bestem Wetter, kein Wind, dass die Natur knistert, du hast den K2 im Hintergrund gesehen und die Latoks, du bist jetzt da am richtigen Ort. Wir waren sprachlos."

Die Kulisse könnte atemberaubender kaum sein, denn die Gipfel ragen wie Lanzen in den Himmel.
 
"Das sind die steilsten, schönsten, wildesten Berge, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Da hab‘ ich mein Bergsteigerherz eingepflanzt. Wenn ich mir was wünschen dürfte: Ich würde gern alle diese Berge besteigen, und dann brauche ich keine mehr besteigen. Sie sind majestätisch. Es ist das Beste  für mich."
 
Schritt für Schritt – so wird bei einer Siebentausender-Expedition die Höhe gesteigert – und letztlich auch die Kletterschwierigkeit. Nach dem Panmah Kangri sollte der Latok 3 erstiegen werden und danach das eigentliche Ziel, der Latok 1. Doch das Wetterfenster war zu kurz.

"Der Wetterbericht war gar nicht so schlecht, aber das Wetter dagegen eine Katastrophe. Wir haben dann den Berg drei Wochen nicht mehr gesehen. Und dann haben wir nach drei Wochen schlechten Wetters die Expedition abgebrochen. Am Latok 1 ist der Winter eingekehrt und dann hast du dort oben keine Chance mehr."

Blick von der nepalesischen Stadt Pokhara auf einen Berg im Himalaya.  (Unsplash / Samrat Khadka)Blick von der nepalesischen Stadt Pokhara auf einen Berg im Himalaya. (Unsplash / Samrat Khadka)

Es gibt abwechslungsreichere Szenarien als wochenlang im Basislager zu hocken und auf besseres Wetter zu warten. Aber einen Lagerkoller in der bayerisch-Südtirolerischen Seilschaft hat es nicht gegeben.

"Man motiviert sich ständig, weil man immer an das Beste glaubt. Mit dem Simon hab‘ ich einen Partner kennenlernen dürfen, der immer motiviert ist. Und er hat so a bissl den englischen Humor, der wohl dem Südtiroler Humor ähnlich ist. Er hat gesagt: Solange der Parmesan nicht ausgeht, kann es noch nicht so schlimm sein. Aber dann ist irgendwann der Parmesan ausgegangen und er hat gesagt: Jetzt wird’s nicht mehr so fein." 

Ebenfalls im Karakorum-Gebirge unterwegs war der österreichische Extrembergsteiger Hansjörg Auer. Er eröffnete eine neue Route an einem Siebentausender, dem Lupghar Sar West. 

"Bei mir ist es immer so, dass das Alleinsein in den Bergen schon immer da ist und was ich gern mache. Es liegt auf der Hand, dass man anfängt zu kombinieren. Wie wär’s allein in der Höhe? Meine Idee, dass ich das erleben möchte, wie sich das anfühlt. Man ist schon im Team in dieser Höhe exponiert, durch das Alleinsein wird das noch verschärft."

Allein in den Bergen

Hansjörg Auer gilt als einer der stärksten Extrembergsteiger weltweit. Der 34-Jährige aus dem Ötztal hat sich durch Solo-Begehungen, unter anderem auch in den Dolomiten, einen Namen gemacht. Sein Ziel war ambitioniert: die Westwand des Lupghar Sar West, 7.157 m hoch, im Norden von Pakistan. Und das Ganze im Alleingang.

"Es ist schon beeindruckend, weil man zielgerichteter ist, es gibt weniger links und rechts. Die Einstellung muss da sein, aber wenn’s losgeht, fühlt man sich viel stärker als sonst. Es ist ähnlich wie beim Soloklettern. Wenn man solo durch eine steile Felswand klettert, kommt man sich a bissl wie unsterblich vor und so fühlt es sich auch in der Höhe an."

Die Dimensionen des Alleingangs von Hansjörg Auer erschließen sich aus den Zahlen: Das Basislager hat er auf 4.500 Meter Höhe eingerichtet. Bis zum Gipfel waren es 2.600 Höhenmeter. Die Westwand hatte 1.100 Klettermeter in der Senkrechten zu bieten. Trotz dieser Herausforderungen war der Ötztaler sehr schnell unterwegs. Aber bei einem Zwischenfall hatte er Glück.

"Eine Schrecksekunde hatte ich: Ich bin 15 Meter abgestürzt, als eine Schneebrücke gebrochen ist. Aber das kriegt man nicht so mit, weil man dann so müde ist. Habe zwei Eisschrauben verloren. Aber da ist man so in der Welt drin, dass man das gar nicht mitbekommt." 

Ein kleiner Fehler kann die Expedition gefährden

Dabei stand die Solo-Expedition bereits zu Beginn auf des Messers Schneide. Hansjörg Auer hatte nämlich durch ein Missgeschick einen Teil seiner Ausrüstung eingebüßt.

"In dem Fall hat ein Träger die blaue Tonne verloren. Sie ist 150 Meter runtergefallen und im Bachbett zerschellt. Da merkt man, wie wenig es braucht, dass eine Expedition nicht gelingt."

Letztlich hat der Extrembergsteiger alle Schwierigkeiten gemeistert: den extrem brüchigen Grat, den Auf- und Abstieg komplett mit Steigeisen und ein kaltes Biwak auf 6.200 Meter Höhe, bei minus 20 Grad. Das Alleinsein am Lupghar Sar West am Ende der Welt stellte für Hansjörg Auer eine größere Herausforderung dar als die Kletterprobleme.

"Die Sache ist die, wenn du allein bist, musst du alles selbst ausgleichen. Wenn du im Team bist, dann sind noch zwei da. Wenn du eine mentale Schwäche hast, musst du es selbst ausgleichen, um dich stark zu machen."

Im Everest Base Camp in 5.380 Meter Höhe haben viele Bergsteiger ihre Zelte aufgestellt.   (imago stock&people)Im Everest Base Camp in 5.380 Meter Höhe haben viele Bergsteiger ihre Zelte aufgestellt. (imago stock&people)

Wer bergsteigerische Höchstleistungen an den höchsten Gipfeln der Erde erwartet, der wird enttäuscht werden. Großer Andrang herrschte auch in diesem Jahr am Mount Everest, doch Spitzenalpinisten waren dort nicht zu finden. Hunderte von Bergsteigern wollten auf der Normalroute zum prestigeträchtigen Gipfel aufsteigen. Bei so viel Gedränge blieb die Kletter-Elite fern. Der Südtiroler Bergführer Hanspeter Eisendle gilt als profunder Kenner der Szene.

"Früher war die Zahl 8.000 ein Garant für das absolute Limit. Heutzutage ist es so, dass auf Achttausendern Spitzenalpinisten mit Sonntagsbergsteigern unterwegs sind."

Die Entwicklung, so Hanspeter Eisendle, geht in eine andere Richtung:

"Ich glaube, dass sich der große Alpinismus auch auf den hohen Bergen weiterentwickeln wird. Der höchste Schwierigkeitsgrad oder die Höhe der Wand wird weniger eine Rolle spielen als wie sehr man sich in dieser Wand exponiert."

Der Karakul-See in China mit Blick auf das Pamir-Gebirge in Zentralasien. (CPA Media/Pictures From Asia)Der Karakul-See in China mit Blick auf das Pamir-Gebirge in Zentralasien. (CPA Media/Pictures From Asia)
Allein an einem Sechs- oder Siebentausender in einem abgelegenen Tal, fernab jeglicher Zivilisation – das gilt als große Exposition. Dass es für ihn auch ein bisschen drunter sein darf, das hat Alexander Huber, der jüngere der Huberbuam, in diesem Jahr bewiesen. Es muss nicht immer eine Free-Solo-Kletterei am Limit sein – wie vor zehn Jahren am Grand Capucin im Montblanc-Gebiet. Diesmal war der Chokto Ri im Karakorum das Ziel, 6.166 Meter hoch. Mit Fabian Buhl als Bergpartner und der Herausforderung, eine der längsten Kletterrouten der Welt zu meistern: insgesamt 56 Seillängen. Von der Ferne sieht der Südpfeiler aus wie eine Himmelsleiter. Aus der Nähe betrachtet, sind es vier Grataufschwünge mit zunehmender Steilheit. 

"Wir waren schon 20 Seillängen unterwegs, bis wir den ersten Gipfel erstiegen haben, sind wieder abgestiegen bis zur Scharte zwischen erstem und zweitem Aufschwung und folgen zwei ziemlich senkrechte Felspfeiler, richtig schwierig und dann noch zur Krönung ein 200 Meter Gipfelgrat aus Schnee und Eis."

2.200 Klettermeter hatte Alexander Huber mit seinem Seilpartner zu bewältigen. Dabei waren die Verhältnisse nicht immer ideal.

"Wir sind uns bewusst, dass an einem so hohen Berg das Eis immer vorhanden sein wird und wir hatten eine Woche lang schlechtes Wetter mit viel Niederschlag. Das heißt die Vereisung war dann sehr hoch, aber ganz ehrlich, das ist ja genau die Herausforderung."

Den Extremkletterern Alexander Huber und Fabian Buhl geht es nicht allein um die Leistung, um das Sportliche. Bergsteigen bedeutet auch: Leben mit und in der Natur – und da gibt es oft besondere Momente.

"Gerade wenn man auf über 5.000 Meter mittendrin in einem Pfeiler wach wird, dann geht die Sonne auf: das erste Licht in den Bergen. Man ist schon hoch genug hinausgekommen, dass man alle Gipfel überblickt: Die leuchten im ersten Licht."

Tausend Meter über dem Abgrund zelten

Den Tiefblick mussten die Kletterer sieben Tage lang aushalten, als sie in der Wand waren. Als Unterkunft diente ihr winziges Biwakzelt.

"Wir haben mitten in diesem Pilier Rouge biwakiert, da war unser Zelt platziert. Es gab genau einen Absatz, der waagrecht war auf 2.200 Meter Kletterstrecke. Wir konnten komfortabel drin schlafen, aber eines ist klar: Wenn du aus dem Zelt rausgehst, geht’s 1.000 Meter runter und wenn du nach oben schaust, geht’s 1.000 Meter rauf."

Der Lohn für die Mühe sind die Minuten, die man am Gipfel verbringt. 

"Da ist es sensationell, den Weitblick zu genießen, mitten in den berühmtesten Bergen – K2, Broad Peak, Chogolisa – unglaublich, das erleben zu dürfen.

Klettern ohne der Umwelt zu schaden

Auf ein ganz anderes Abenteuer hat sich der bayerische Extremkletterer Stefan Glowacz eingelassen. Mit Anfang zwanzig hatte er die ersten Kletterwettbewerbe gewonnen. Mit über fünfzig reizte ihn die Weite Grönlands. Sein Anspruch:

"Heutzutage müsste man ein Zeichen setzen, dass man als naturliebender Extremkletterer eine Expedition durchführen kann am Ende der Welt ohne dabei einen CO2-Footprint zu hinterlassen." 

Und das sah so aus: mit dem Elektroauto von München nach Schottland, von dort mit einer Segelyacht bis Grönland und dann weiter zu Fuß einmal quer über die Insel. Rund 1000 Kilometer Wegstrecke über das grönländische Inlandeis, zunächst lange ansteigend, von 600 auf 3.200 Meter Meereshöhe. Das Gehen bei bitterer Kälte mit einem 130 Kilo schweren Proviantschlitten wurde zu einer Herausforderung.

"Wir hatten nur einen einzigen Ruhetag. Da war das Wetter so schlecht, wir hatten minus 40 Grad, im ersten Drittel der Überquerung. Wir waren auch von den ganzen Portagen so erschöpft, aber du kommst nicht zur Ruhe, weil da liegen 800 Kilometer noch vor dir. Du denkst, da liegst du einen Tag im Zelt und müsstest eigentlich unterwegs sein."

Im dem grönlandische Ort Tasiilaq leben rund 2.000 Menschen. (Unsplash / Filip Gielda)Im dem grönlandische Ort Tasiilaq leben rund 2.000 Menschen. (Unsplash / Filip Gielda)
Außenstehende würden eine Grönlanddurchquerung zu Fuß zwischen Monotonie und Meditation einordnen. Für Stefan Glowacz und sein kleines Team war es ein Grenzabenteuer mit Risiken und Gefahren. In eineinhalb Monaten von der West- bis zur Ostküste Grönlands. Ein besonderer Moment war die Ankunft.

"Auf einmal denkst du, wie eine Fata Morgana am Horizont eine Erhebung zu sehen: Nunataks, die ersten Felsgipfel, die aus dem Eis ragen und das ist ein eindeutiges Zeichen: Jetzt bist du langsam auf der anderen Seite angekommen und das ist so ein tolles Gefühl gewesen; das haben wir richtig genossen."

Für ein Kletter-Highlight am Ende der Durchquerung blieb Stefan Glowacz keine Zeit mehr. Sie waren einen Monat zu spät dran – in Grönland war der Winter eingekehrt. Eine Erstbegehung hatte Robert Jasper, der Kletterer aus dem Schwarzwald, bei seiner Grönland-Solo-Expedition fest eingeplant. 30 Tage lang war er allein unterwegs, zu Fuß und im See-Kajak. Er hat große Alpen-Wände wie die Eiger-Nordwand allein durchstiegen, aber das Abenteuer Grönland war noch anspruchsvoller.

"Es war neue diese Exponiertheit. Du hast keine Rettung weit und breit. Ich war vier Wochen alleine unterwegs und das nagt an der Psyche. Das war absolut ein Grenzgang für mich."

Der Fox Jaw Cirque, eine Bergkette, die wie das Gebiss eines Raubtieres aussieht, war Robert Jaspers bergsteigerisches Ziel. Der Molar Spire, eine 450 Meter hohe Granitnadel, hatte es ihm angetan. Doch am Ende wurde es sehr eng für den 50-jährigen Schwarzwälder.

"Es hat angefangen zu regnen kurz vor dem Gipfel. Da hab‘ ich mir gesagt: Das lass‘ ich mir nicht mehr nehmen. Dann sind die letzten Seillängen zum Nervenspiel geworden. Weil der Fels richtig rutschig geworden ist, wie Schmierseife. Es war verdammt schwer. Und ich war froh, als ich auf dem Gipfel war. Es war mystisch mit den Wolken, gespenstisch, das hat ihm die Würze gegeben."

Nächtlicher Blick auf eine Gebirgslandschaft beim Tengboche Kloster in Khumjung, Nepal. (Unsplash / Martin Jernberg )Nächtlicher Blick auf eine Gebirgslandschaft beim Tengboche Kloster in Khumjung, Nepal. (Unsplash / Martin Jernberg )

Die Extrembergsteiger erzählen von einer anderen Welt und sorgen für Gänsehaut in Talkshows und in Vortragssälen. Sie befriedigen ein Stück weit die Sehnsucht des modernen Menschen nach Entdeckungen in einer archaischen Natur. Das Publikum nimmt sie als Profisportler wahr, die mit ihren Geschichten um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit konkurrieren.

"Fußballer können alle vier Jahre Weltmeister werden, aber der erste der auf dem Mount Everest war, ist halt der erste und einzige, der als Erster auf dem Mount Everest war. Das ist alles nur ein Mal und dann ist es vorbei. Die sind eigentlich eine sehr bemitleidenswerte Spezies als Profisportler , die Bergsteiger."

"Diese Leistung fasziniert mich, das sind halt neue Horizonte. Das Problem ist, wo sind die Grenzen?"

Auch die Todesgefahr ist beim Abenteuer in der Senkrechten präsent. Der Extremkletterer erprobt sich in einer wilden Bergnatur. Reinhold Messner definiert das moderne Abenteuer als Auseinandersetzung "Mensch – Berg". Und bringt es auf den Punkt.

"Das ist die Kunst, dorthin zu gehen, wo man umkommen könnte – und nicht umzukommen."

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