Donnerstag, 14.11.2019
 

Interview / Archiv | Beitrag vom 26.03.2019

Experte über Wissenschaftskommunikation "Man braucht eine aufgeklärte Öffentlichkeit"

Jürgen Renn im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Die Verpackung eines Unkrautvernichtungsmittel, das den Wirkstoff Glyphosat enthält. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)
Das Pflanzengift Glyphosat: Ist es krebserregend oder nicht? Gesundheitsbehörden haben das immer wieder unterschiedlich beurteilt. (dpa / picture alliance / Patrick Pleul)

Ob Glyphosat, Gentechnik oder Elektromobilität: Zu Themen wie diesen gehen Expertenmeinungen oft auseinander. Umso wichtiger für jeden Einzelnen, die Interessen dahinter zu erkennen, meint der Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn. Doch wie kann das gelingen?

Liane von Billerbeck: Heute wird die "Experimenta" eröffnet in Heilbronn, Deutschlands größtes Science Center, eine, wie es so schön heißt, Wissens- und Erlebniswelt auf rund 25.000 Quadratmetern mit interaktiven Exponaten, Kreativstudios und Laboren, einer Sternwarte und einem Science Dome mit Wissenschaftsshows. Im Herbst geht es weiter, da startet in Berlin das "Futurium".

Klingt gut, oder? Alles prima also in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit? Darüber will ich jetzt reden mit Professor Jürgen Renn, Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, der jetzt am Telefon ist. Schönen guten Morgen!

Jürgen Renn: Guten Morgen!

Billerbeck: Wie steht es denn in Deutschland um den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, vor allem, wenn man das jetzt nicht so als Präsentation betrachtet, sondern die strittigen Fragen in den Blick nimmt, die strittigen Forschungsfragen? Also ich sage mal Glyphosat, Impfung oder bemannte Raumfahrt beispielsweise.

Renn: Ich glaube, es ist besser geworden. Es steht nicht schlecht um die Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Wir haben inzwischen auch einen ziemlich kritischen Wissenschaftsjournalismus, aber ich glaube, den brauchen wir auch, denn die Themen der Wissenschaft rücken uns immer näher, viele Entscheidungen auch sozusagen der Gesellschaft hängen von Wissenschaft und Technik ab.

Was machen wir mit der Energiewende, Glyphosat haben Sie schon angesprochen, und dann gibt es immer wieder sozusagen die Meinungsvielfalt, dann gibt es irgendwelche Experten, die sagen sozusagen aus dem Bauch heraus, das und das ist so und so, was weiß ich, Stickstoffoxid ist gar nicht schädlich.

Ich glaube, da braucht man eine aufgeklärte Öffentlichkeit. Die muss vor allen Dingen auch wissen, wie Wissenschaft funktioniert, sonst kann man diese Expertenmeinungen gar nicht richtig einschätzen.

Wo Interessengruppen im Spiel sind

Billerbeck: Was sind denn da die bevorzugten Mittel? Ich habe ja jetzt gerade geschildert, dass ein Center eröffnet wird, die "Experimenta" in Heilbronn. Das ist ja eher also die große Oper der Wissenschaftskommunikation, aber es gibt ja noch ganz andere: Ausstellungen, Diskussionsforen, Kongresse, Wettbewerbe, lange Nacht der Wissenschaften, Festivals. Welche halten vor, welche sind also am nachhaltigsten? Was sagen Sie?

Renn: Die richten sich natürlich auch an ganz unterschiedliche Zielgruppen. Einerseits finde ich es toll, dass man Familien, dass man Schüler an die Wissenschaft heranführt. Da sind solche Formate besonders wirksam. Ich glaube aber auch, dass die kritische Auseinandersetzung sowas wie Foren braucht, wo man wirklich über die Alternativen, die sich uns stellen – ich sagte ja schon das Beispiel Energiewende, Elektromobilität, ist das die Mobilität der Zukunft, wie kann das sozusagen produktiv gestaltet werden –, das sind Themen, die man einfach nicht über eine Hochglanzvermittlung rüberbringen kann. Da braucht man auch Diskussionsmöglichkeiten.

Ich glaube zum Beispiel, dass das "Futurium", das Sie auch schon erwähnt haben, das im Herbst seine Tore in Berlin öffnet, dafür genauso einen Ort bieten wird, weil da sollen zum Beispiel alternative Zukunftsszenarien diskutiert werden. Da sollen sich die Menschen eine Meinung darüber bilden, soll es so oder anders weitergehen.

Aber man braucht natürlich, wie gesagt, eine Menge Hintergrundinformationen, und deswegen ist der Wissenschaftsjournalismus, der auch deutlich macht, wo sind Interessengruppen im Spiel, wer will was, was steckt eigentlich an wirtschaftlichen Interessen hinter manchen Wissenschaftsvisionen dahinter, das braucht man auch. Glücklicherweise gibt es den zunehmend.

Wissenschaft lebt von Kontroversen

Billerbeck: Eine Meinung bilden, haben Sie gesagt, die muss sich die Öffentlichkeit über das, was es an Alternativen auch gibt in der Forschung. Aber nun könnte man ja sagen, drüber reden ist ganz schön, aber, wie sagt man so, red du nur, red du nur, und ich mache trotzdem weiter, was ich will. Welche Verbindlichkeit – das ist so meine Frage –, welche Verbindlichkeit haben solche Debatten? Irgendwann muss man ja schließlich entscheiden.

Renn: Ich glaube, dass man in der Wissenschaft heute auch sehr gut zuhört, was es in der Öffentlichkeit an Meinungen gibt, was es auch vor allen Dingen an ethischen Vorstellungen gibt, was man machen soll mit der Gentechnologie und so weiter. Da findet schon ein echter Dialog statt, da, glaube ich, marschiert die Wissenschaft nicht einfach weiter.

Ich glaube aber, dass man deutlich machen muss, wie die Wissenschaft auch funktioniert, denn die Wissenschaft scheint so eine völlig von der normalen Welt abgekoppelte Sphäre, wo Experten nur unter sich sind, zu sein.

Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass man versteht, Wissenschaft lebt von Kontroversen, da gibt es Menschen, die machen auch Fehler, die haben unterschiedliche Meinungen, und ich glaube, wenn wir da ein größeres Verständnis für haben in der Öffentlichkeit, dann funktioniert der Dialog von beiden Seiten auch besser.

Billerbeck: Bekanntermaßen ist ein großer Teil der Wissenschaft sehr teuer, kostet Geld, auch die Wissenschaftskommunikation ist nicht für umsonst zu haben. Welchen Einfluss nehmen denn Sponsoren auf die Kommunikation?

Renn: Die nehmen schon einen großen Einfluss. Da gibt es sozusagen eine lange Geschichte, das fängt mit der Tabakindustrie an, und dann gibt es diejenigen, die Energieindustrie heute, die ihre Visionen natürlich unter das Volk bringen. Also wie gesagt, das gehört mit zu den Mechanismen, das ist in einer pluralistischen Gesellschaft auch ganz normal, dass es solche Interessengruppen gibt, aber ich glaube, das Wichtige ist, dass wir das durchschauen.

Das gehört mit zu einem aufklärerischen Wissenschaftsbegriff, dass wir diese Interessen auch wirklich deutlich machen und dass wir uns gerade nicht davon irritieren lassen, dass es in der Wissenschaft verschiedene Meinungen gibt. Das gehört zum Wesen der Wissenschaft dazu.

Zum anderen glaube ich, Sie haben vorhin gesagt, die Wissenschaft zieht dann ihr Ding dann doch irgendwie durch. Ich glaube, ein bisschen was ist da auch richtig dran, denn viele wirklich wissenschaftliche Durchbrüche, die kommen nur dann zustande, wenn man sozusagen auch der Erkenntnis folgt, also wenn man nicht sozusagen immer gleich auf die Anwendung schaut, sondern erst mal Raum gibt, damit wirklich neue Ideen entstehen können. Die entstehen nur in Freiräumen.

Wir brauchen ein Web des Wissens

Billerbeck: Nun gibt es ja nicht nur Medien wie Radio, Fernsehen, Agenturen, sondern wir haben viele neue Medien, die sogenannten sozialen Medien, das Internet, wo auch viel diskutiert wird. Welche Rolle spielen die inzwischen bei dem Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft?

Renn: Viele Wissenschaftler beteiligen sich aktuell an solchen sozialen Medien, haben ihre eigenen Blogs, auf denen sie kommunizieren. Ich glaube, das Internet ist inzwischen voll von wirklich sehr zugänglich gemachter Wissenschaft, von der man wirklich was lernen kann. Also ich glaube, dass das sehr aktiv genutzt wird.

Ich kann mir vorstellen, dass das noch viel weitergeht. Wir reden heute über ein soziales Web. Ich bin der Meinung, wir brauchen eigentlich ein Web des Wissens, wo das Wissen sozusagen noch stärker im Vordergrund steht und die Verbindung zwischen dem immer komplexer werdenden, immer spezialisierter werdenden Wissen auch deutlich gemacht wird. Ich glaube, da kann man noch eine Menge tun.

Ich glaube, das Web ist sozusagen die zukünftige Plattform, auf der auch die Wissenschaftsvermittlung zunehmend Raum gewinnen sollte.

Billerbeck: Heute wird in Heilbronn die "Experimenta" eröffnet, ein Ort, an dem die Wissenschaft die Öffentlichkeit begeistern soll und die Diskussion befeuern. Professor Jürgen Renn war mein Gesprächspartner, Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Renn: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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