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Tonart | Beitrag vom 29.05.2015

Experimental-MusikSchockierend heilsam

Von Martin Risel

Experimental-Musiker Matthew Herbert (picture alliance / dpa / Foto: Marijan Murat)
Der Experimental-Musiker Matthew Herbert bei einem Konzert in Stuttgart (picture alliance / dpa / Foto: Marijan Murat)

Der britische Elektro-Musiker Matthew Herbert hat für REM und Björk produziert, Film- und Theatermusiken komponiert. Mit seinem Album "The Shakes" kehrt er zur elektronischen Clubmusik zurück. Und die Videos dazu sind wie ein Blick aus dem Fenster.

Fast ein bisschen nach den großen Alben von Joe Jackson klingt dieser neue Song, aber man darf sich nicht täuschen lassen: Matthew Herbert kennt und braucht keine Vorbilder. Der Brite war immer schon ein Elektro-akustischer Zauberer, der sich für sein Zauberreich eigene Regeln geschaffen hat: Ein Dogma-ähnliches Manifest mit dem Verbot schon existierender Sounds. Innovation als Ausgangsthese.  

So wurde er zuletzt Kreativ-Direktor der neu gestalteten BBC Radiophonic Werkstatt, Komponist am Royal Opera House und nahm ein Album auf mit dem Publikum an der Deutschen Oper Berlin.

"Ja, ich hab ne Menge verschiedener Projekt gemacht zuletzt: An der Deutschen Oper, am National Theatre und am Royal Opera House in London, Radiosendungen, verschiedene Sachen, die alle neu für mich waren. Und ich glaube, ich wollte wieder zu etwas Vertrauterem zurückkehren, wo ich die Regeln kenne."

Musik für den kleinen Avantgarde-Club

Also schreiben jetzt alle von seiner Rückkehr zum Dancefloor – was nicht ganz richtig ist: Schon im vergangenen Jahr hat er mit ein paar Underground-Platten wieder auf die Tanzfläche gelockt. Aber auch hier darf man sich nicht täuschen lassen: Matthew Herbert war nie einer für die Großraumdisko, eher für den kleinen Avantgarde-Club und für die Playlists der sophisticated DJs und Elektro-Produzenten. Und auch denen hat er jetzt ein Konzept entgegen zu setzen:

"Es geht darum, die Kontrolle über die Maschinen wieder zu erlangen. Es gibt in der elektronischen Musik im Moment so einen Kampf, bei dem die Maschinen übernehmen. Nicht erst seit Kraftwerk gibt es eine erstaunliche Geschichte der Maschinenmusik. Aber ich wollte wieder an die Emotionen heran und nicht vom dancefloor-sound und Rhythmus abgelenkt werden. Wieder versuchen, sich in Melodien zu verlieben."

Zwei Gastsänger sorgen mit ihrer Stimme für die emotionalste Komponente, drei Bläser sind dabei. Und die originären Sounds im Sinne seines Dogmas hat der 43-Jährige wieder aus verschiedensten Quellen gesampelt: Gebrauchten Kugeln und Granaten, einer großen Kirchenorgel, Geräuschen von globalisierungskritischen Protestmärschen, vor allem aber ganz persönlichen Dingen aus seinem täglichen Umfeld zum Zeitpunkt der Album-Produktion im vergangenen Sommer: Das Klavier seines Großvaters, Spielzeug seiner kleinen Söhne, Küchengeräte:

"Das ist, als wenn man mein Leben in zwei Teile schneidet und öffnet wie einen Apfel. Und man diesen Moment spürt im Sommer 2014."

Und da hat er dann auch – seit vielen Jahren mal wieder – für einen Song seine Dogma-Regeln gebrochen und die legendäre Roland 909 Drum-Machine benutzt. Denn bei aller Ernsthaftigkeit will er sich selbst auch nicht zu ernst nehmen. Und den eigenen Status kritisch hinterfragen:

"Es geht mir darum, selbst zu reflektieren: Ich lebe privilegiert in einem hübschen Haus, habe zwei gesunde Kinder. Und zur gleichen Zeit haben es viele Menschen sehr schwer: Die Familien der entführten Mädchen in Nigeria, syrische Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, Christen im Irak oder was-auch-immer. Und darum geht’s mir auf meinem Album: Meine Privilegien in Frage zu stellen."

Videos als bewegliche Stillleben

Nachdenken über die eigene Sicherheit und die anderer im gesellschaftlichen Kontext, intoniert in solchen ruhig dahinfließenden Klanggemälden – auch sowas ist zwischen den beatbasierten neuen Stücken zu finden.

Dazu passt die optische Umsetzung von "The Shakes" innerhalb eines besonderen Weges, sie der Öffentlichkeit zu präsentieren: Seit März wird jede Woche ein Track samt Video als Stream veröffentlicht. Die Videos hat Matthew Herbert selbst inszeniert als bewegliche Stillleben: Kein Schnitte, keine hektischen Bildfolgen, ein Kamera-Standbild wie ein Blick aus dem Fenster. Na klar, der Gesamt-Konzept-Künstler hat sich auch hierbei wieder was gedacht:

"Ich sehe in letzter Zeit das Problem, dass wir Musik vor allem als Bilder sehen, besonders die jüngere Generation. Und da hab ich gedacht: Bevor wir normale Videos für die Singles drehen, übernehme ich die Verantwortung für alle Bilder zu meinem Album. Und das sollten Orte zum Reflektieren sein, also irgendwie still."

So wie "The Shakes" alle überrascht, die jetzt ein reines Dancefloor-Album von Matthew Herbert erwartet haben und schlicht ein weiteres Meisterwerk bekommen, das mehr ist als das, wird diese optische Herausforderung mit Videos als Stillleben sicher die jüngere Generation schocken. Vielleicht ein heilsamer Schock? Freuen würde es den Musiktherapeuten Matthew Herbert.

"Das ist das größte Kompliment, wenn man diese Generation schocken kann."

Mehr zum Thema:

Matthew Herbert - Der Sound der Tätowiernadel wird Musik
(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 02.10.2014)

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