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Interview / Archiv | Beitrag vom 08.04.2011

Exakte Beurteilung ist schwierig

Radionuklide nicht unbedingt gefährlich für Meeresorganismen

Günter Kanisch im Gespräch mit Nana Brink

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Das Atomkraftwerk Fukushima, direkt am Pazifik gelegen (AP)
Das Atomkraftwerk Fukushima, direkt am Pazifik gelegen (AP)

Günter Kanisch, Diplom-Physiker am Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut, hat vor dem Hintergrund der Meerwasser-Verseuchung bei Fukushima auf die Erfahrungen mit der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield verwiesen.

Nana Brink: Das war die gute Nachricht: Das Leck im Reaktorblock 2 in Fukushima konnte abgedichtet werden. Und jetzt kommt die schlechte Nachricht: Die Betreiberfirma Tepco hat Mitte der Woche angekündigt, rund 11.500 Tonnen leicht radioaktives Wasser ins Meer fließen zu lassen - sie tun es bereits. Das verseuchte Kühlwasser in den Reaktoren behindert das Vorgehen der Arbeiter. "Wir haben keine andere Wahl", sagte Regierungssprecher Edano, und fügte hinzu: "Das tut uns sehr leid." Und derweil darf in einer 20-Kilometer-Zone um das Kraftwerk Fukushima nicht mehr gefischt werden. Wie verkraftet der Pazifik diesen GAU? Das möchte ich erfahren von Günter Kanisch. Er ist Physiker am Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut, das ist ein Forschungsinstitut des Bundes für ländliche Räume, Wald und Fischerei, und er ist dort in der Leitstelle Umweltradioaktivität. Einen schönen guten Tag, Herr Kanisch!

Günter Kanisch: Ja, schönen guten Tag!

Brink: Welche aktuellen Messwerte für Radioaktivität haben Sie denn von der Küste Japans?

Kanisch: Wir verfolgen seit einer ganzen Reihe von Tagen insbesondere zwei Serien von Messreihen, die sich auf die Aktivität im Meerwasser beziehen. Einerseits ist das die von dem Betreiber ins Internet gestellt Messreihe an verschiedenen Punkten vor dem Auslaufbereich des Reaktors. Dort haben wir Messdaten vorliegen bis einschließlich 5. April, das war Dienstag, einen Tag nach der Einleitung. Dort sind naturgemäß höhere Werte zu finden. Die andere Messreihe, die für uns eigentlich interessanter ist, ist diejenige, die 30 Kilometer vor der Küste liegt, an der an acht oder inzwischen mehr Messpunkten Wasserproben genommen werden und auf Jod und Cäsiumisotope untersucht werden. Diese Messreihe zeigt naturgemäß schon um Größenordnungen kleinere Konzentrationen im Meerwasser und sie zeigt seit mehr als einer Woche eigentlich rückläufige Werte.

Brink: Können Sie denn aber trotzdem erklären, was das für die Lebewesen bedeutet? Gibt es da überhaupt gar keine vergleichbaren Studien, was dies anrichten könnte?

Kanisch: Solche Studien sind gemacht worden zum Vergleich in Bezug auf die radioaktiven Ableitungen der Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield, die ja in die Irische See einleiten und insbesondere in der Mitte der 70er-Jahre erhebliche Mengen an Radionukliden in die Irische See eingeleitet haben. Dazu gehörte naturgemäß auch das Cäsium 137, das damals in jedem Jahr mit Mengen von 5000 Tera-Becquerel eingeleitet wurde. Ein Tera-Becquerel ist also eine eins mit zwölf Nullen dahinter. Das sind also sehr große Mengen gewesen. Es sind Studien durchgeführt worden im Rahmen einer europäischen Marina-II-Studie, wo die Strahlenwirkung auf die Organismen betrachtet worden sind, und da haben sich eigentlich keine kritischen Größenordnungen für die Tiere in der Irischen See ergeben.

Brink: Können Sie dann sagen, dass diese Verklappung von 11.500 Tonnen leicht radioaktivem Wasser ins Meer, was gerade passiert in Japan, unbedenklich ist?

Kanisch: Das kann ich noch nicht sagen, zumindest aber sehen wir, dass die Konzentrationen im Meerwasser dort jetzt nicht gerade wieder drastisch angestiegen sind durch diese Einleitungen.

Brink: Es soll Experten zufolge noch rund 60.000 Tonnen verseuchtes Wasser weiterhin eingeleitet werden, weil es einfach die Arbeiten in den Reaktorengebäuden stört. Kann man das verantworten?

Kanisch: Im Vergleich zu diesen Einleitungen in die Irische See bei Sellafield, dort sind diese jährlichen Einleitungen für alle Radionuklide Jahr für Jahr bilanziert, das heißt erfasst worden, und die sind bekannt und mit denen kann man dann auch Rechnungen durchführen. Bei Fukushima wird das schwierig, weil diese Einleitmengen in Becquerel oder Tera-Becquerel in der Form nicht bekannt sind.

Brink: Günter Kanisch, Physiker am Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut, ein Forschungsinstitut des Bundes für ländliche Räume, Wald und Fischerei. Schönen Dank für das Gespräch!

Kanisch: Ja, bitte schön!


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