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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 28.12.2014

Ex-Sportjournalist Ulrich Fey Endlich Clown Albert sein

Von Anke Petermann

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Der ehemalige Journalist Ulrich Fey arbeitet heute als Clown in Seniorenheimen. (picture alliance / dpa / Foto: Roland Holschneider)
Der ehemalige Journalist Ulrich Fey arbeitet heute als Clown Albert in Seniorenheimen. (picture alliance / dpa / Foto: Roland Holschneider)

Viele Jahre berichtete der Journalist Ulrich Fey über Fußball und die großen Sportereignisse auf dieser Welt. Dann machte er das Lachen mit seiner heilenden Wirkung zum Beruf. Heute besucht er als Clown demente Menschen und spricht, singt und lacht mit ihnen.

Vorm Badezimmer-Spiegel der Demenz-WG verwandelt sich Ulrich Fey in einen Clown. Knallrote Punkte setzt er sich auf die Wangen, passend zum Pulli, die Lippen malt er an, umrandet sie weiß, pudert das gesamt Gesicht hell.

"Ich schmink mich nur sehr dezent, weil ich ja sehr nah an den Leuten bin."

Beim Umziehen legt Fey unter der karierten Hochwasserhose Knieschoner an,

"weil die meisten Leute sitzen, und wenn ich denen auf Augenhöhe begegnen will, muss ich irgendwie runtergehen, und sonst kriege ich wunde Knie und Blutergüsse."

Als FAZ-Sportredakteur war Ulrich Fey einer, zu dem manche aufschauten. Warum er umsattelte auf diesen "komischen" Beruf, der ihn phasenweise aus Respekt vor seinen betagten Gesprächspartnern in die Knie zwingt?

"Clownerie hat mir einfach mehr Spaß gemacht als Sportjournalismus", sagt der Endfünfziger mit staatlich anerkanntem Clowns-Abschluss. Mit Hobby-Kursen begann sein neues Berufsleben. Inzwischen bildet er Pflege- und Betreuungskräfte in Sachen Komik fort, arbeitet als Humor-Coach.

"Mit der Arbeit bei alten Menschen habe ich angefangen, weil ich damals als Clown einfach Geld brauchte. Und dann hab‘ ich Altenheime angeschrieben, und dann habe ich ganz klein angefangen, und dann kam die Liebe zu den alten Menschen dazu, wie vorher die Liebe zum Sport war, und jetzt ist die Liebe zu den alten Menschen. Und da gibt’s aber mehr zurück als beim Sport, das ist der Vorteil."

Clown Albert bei der Arbeit 

Nur, auf den ersten Blick sieht es nicht danach aus, als gäbe es viel zurück. Frau M. schaut durch Ulrich Fey hindurch, ihr Blick wirkt auf Fremde finster. Fey, alias Clown Albert, lässt sich davon nicht beirren, setzt sich neben sie, stiert auf die Spekulatius, stibitzt einen. Macht auf konspirativ.

"Ich steh total auf Kekse, Frau M., sind die gut, die Kekse?"

Die bis dahin völlig teilnahmslose Frau nimmt einen Spekulatius und gibt einen kleinen Genuss-Laut von sich. Albert freut sich über den gelungenen Dialog, kaut ebenfalls genüsslich, winkt quer übern Tisch zu Frau N., grinst. Will der Clown lustig sein? Im Theater vor zahlendem Publikum ja. In der Demenz-WG keinesfalls. Da sei wichtig, 

"dass ich keine Absicht habe, denn nur so kann sich etwas entwickeln. Und wenn einer nur rumsitzt und in der Gegend rum guckt, dann setz’ ich mich nur daneben und mache gar nichts, lasse den die Nähe spüren und dann gucken wir, was sich entwickelt. Deshalb ist das so unspektakulär bis langweilig für Außenstehende, weil da nix passiert. Da gibt’s nichts ´hoho` oder Witze, hinfallen oder Wassereimer umschubsen oder so, da gibt’s nichts."

Albert sieht, dass Frau N. keinen Tee mehr im Glas hat. Entrüsteter Blick zur Pflegerin, dann zu Frau N.

Pflegerin: "Ich bin nicht mehr im Dienst."

Albert: "Frau, N.! Alles muss man selber machen! Ne?!"

Frau N.: "Bäbäbä!"

Albert:"Kann ich auch. Moment: be,be,be!"

Frau N.: "Viel schöner!"

Albert: "Also, ihres finde ich auch schön. Bäbä, des kann ich nicht so. Dieses kann ich noch – bebebe – da hab‘ ich lange für geübt."

Frau N.: "So war‘s ja dann doch, doch, doch gut."

Albert: "Hat was gebracht!"

Die Komik entsteht ganz absichtslos. Frau N. fühlt sich verstanden. Die Weißhaarige taut sichtlich auf, lässt sich gern von Clown Albert tätscheln und umarmen.

"Privat würde ich das nie tun, aber als Clown darf ich das. Der Clown ist grundsätzlich harmlos, von dem geht keine Gefahr aus. Das kriegt jeder mit, so dement er auch ist."

"Es ist ein Ros entsprungen…"

Singen mit dem Clown

Fey alias Albert hat die Damen vom Kaffeetisch aufs Wohnzimmer-Sofa begleitet, beim Singen nutzen ihm eine Gesangs-Ausbildung und die Zeit als Messdiener. Alma strahlt Albert an und singt aus voller Kehle.

"…wohl zu der halben Nacht."

Albert: "War n bisschen tief, Alma, ne."

Alma: "…wovon Jesaja sprach, das steht ja hier gar nicht."

Albert: "Genau. So isses."

"Über diese Erinnerungen stellen sie dann fest, oh mich gibt’s ja noch. Das wissen die nicht mehr. Die wissen manchmal nicht, wo ihr Arm anfängt und n anderer Arm aufhört. Und dadurch, dass ich Ihnen Nähe gebe, sie berühre und halte und möglicherweise an alten Erinnerungen anknüpfe, bekommen sie zumindest für ne Zeit ein temporäres Selbst wieder zurück. Das ist ne Menge. Kann man aber nicht abhaken auf irgendwelchen Fragebögen vom Medizinischen Dienst oder so."

Ulrich Fey selbst gibt es so viel, dass er dem Sportjournalismus nicht nachtrauert. Der schrumpft im Rhein-Main-Gebiet ohnehin, weil bei FAZ, Frankfurter Rundschau und Darmstädter Echo gekürzt wird. Das findet der Berufsclown ganz und gar nicht komisch. Und überhaupt:

"Also mir fehlt echt die Komik im Sportjournalismus. Zum Beispiel haben die Glossen auch kaum noch Platz. Es gibt kaum noch Sport-Glossen. Es ist alles bierernst, alles! Boah, ist das n Ernst: Doping, Skandale, Korruption! Ich meine, ist auch alles wichtig, aber es ist nicht alles."

Im Fußball: zu viel Geld im Spiel, als dass man über Eigentore lachen dürfte. Schade findet das Clown Albert, der endlich die komische Ader der stets ernst wirkenden Frau B. entdeckt hat. Die bekommt gerade Besuch von Enkel Peter. "Weißt du, was deiner Oma Spaß macht?“, fragt ihn der Clown:

"Wenn du sagst: vier Flaschen Bier. Aber auf Chinesisch. Das heißt: sss ping pichu. Das macht der meistens Spaß, wenn man sagt: sss ping pichu."

Frau B. lacht gemeinsam mit Tochter und Enkel. Zum ersten mal an diesem Tag. Und Ulrich Fey weiß: jetzt hat er den richtigen Beruf.

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(Deutschlandradio Kultur, Reportage, 21.09.2013)

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