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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.07.2017

Ex-Neonazi über seinen Ausstieg"Hass hat immer eine Rolle gespielt"

Von Ronny Arnold

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Symbolbild: Ein Mann trägt einen Hoodie. (imago/Ikon Images)
Ein Bild von Enrico können wir nicht zeigen: Er will anonym bleiben, damit niemand Rückschlüsse auf seine Identität ziehen kann. (imago/Ikon Images)

In Sachsen werden Neonazis dazu ermutigt, aus der Szene auszusteigen. Selbst wenn nur wenige Personen das Aussteigerprogramm in Anspruch nehmen, ermöglichen diese Einblicke in eine Szene, die als extrem gewaltbereit gilt. Unser Korrespondent hat einen Aussteiger getroffen.

"Wir hatten alle gemeinsam den gleichen Feind - und den galt es zu bekämpfen."

Ich lerne Enrico im Internet kennen - mit Kaputzenpulli und Sonnenbrille, verschwommenem Gesicht und verzerrter Stimme. Es sind kurze Interviewsequenzen, in denen er über die Zeit vor und nach seinem Ausstieg erzählt.

Zwischen Enricos verfremdeten Bildern sind Aufnahmen von Neonazi-Demos und Rechtsrockkonzerten zu sehen. Den Link geschickt hat mir das Aussteigerprogramm Sachsen. Ihr erstes Youtube-Video mit Enrico ist 53 Sekunden lang - elf weitere hat die Initiative mittlerweile online gestellt.

Die Filme sollen Neonazis zum Ausstieg bewegen, ihnen einen Weg raus aus der Szene aufzeigen - und vermitteln, welch Hass und Menschenfeindlichkeit bei Rechtsradikalen an der Tagesordnung ist. Gegen alles, was nicht ins eigene Weltbild passt: Juden, Linke, Schwule, Lesben, Ausländer.

Aus Video: "Wir haben angehalten, sind aus den Autos raus und haben die zusammengeschlagen - mit Fäusten, mit Füßen, mit Gegenständen. Ich war teilweise wie in so einem Rausch."

Er will nicht erkannt werden

Seit vier Jahren ist Enrico raus aus der Szene. Wir treffen uns an einem unauffälligen Ort in Leipzig - kein Klingelschild, keine Namen, keine Details. Bis heute lebt Enrico zurückgezogen, seine wahre Identität kennt nur sein Beraterteam. Knapp zwei Stunden unterhalten wir uns über seine rechte Vergangenheit. Der Deal zum Interview: Enrico bleibt anonym, seine Antworten erscheinen nicht im Originalton, werden nachgesprochen. Niemand soll Rückschlüsse ziehen können.

"Ich bin vor vier Jahren ausgestiegen. Hab vom ersten Tag an jeglichen Kontakt zur rechten Szene abgebrochen, bin in eine andere Stadt gezogen, hab eine Familie gegründet und Kinder bekommen. Das Propagandamaterial hab ich dem Aussteigerprogramm übergeben, einiges hab ich auch selbst vernichtet. Angst hab' ich bis heute. Die rechte Szene ist wie eine Sekte: Wer aussteigt, gilt als Vaterlandsverräter und hat den Tod verdient."

Enrico war über 20 Jahre in der rechten Szene in Sachsen aktiv, hat sich vom freien Kameraden langsam zum NPD-Mitglied hochgearbeitet. Bereits mit 13 rutscht er in die Szene ab, stellt sich gegen das System. Er rebelliert früh, erst gegen die Enge in der DDR, dann, kurz nach der Wende, gegen die neue Freiheit mit all ihren Unsicherheiten. Enricos Familie bricht auseinander, die Eltern trennen sich, er sucht Halt bei neuen Freunden. Seine Ersatzfamilie trifft Enrico bald regelmäßig im Jugendclub: sie tragen Springerstiefel und Bomberjacken, abrasierte Haare, grölen Nazilieder. Wer nicht mitzieht, wird selbst verprügelt und auf Linie gebracht.

Gewalt war von Anfang an gegenwärtig

"Gewalt hat von Anfang an eine Rolle gespielt. Man musste sich seinen Ruf erkämpfen. Ich war erst Mitläufer, hab alles aufgesaugt wie ein Schwamm. Mit 16 war ich dann richtig dabei in der Szene. Hab dann auch an ersten Vorträgen teilgenommen. Unsere Quellen waren Bücher und Propaganda aus der NS-Zeit. Ich wurde immer fanatischer, war ständig wütend, hab nach Schuldigen gesucht. In meinem Umfeld hat das keinen interessiert. Ich bin mit einem selbst gedruckten T-Shirt von Adolf Hitler herumgelaufen, auf dem er den Hitlergruß zeigt. Und einem Hakenkreuz auf der Gürtelschnalle. Das hat niemanden gestört, keiner hat etwas gesagt."

Alkohol spielt bald eine zentrale Rolle - je mehr die Kameraden konsumieren, desto aggressiver werden sie. Mittendrin, Enrico, auch sein Hass auf Kommunisten, Homosexuelle, Juden und Ausländer wächst. Aufgeputscht ziehen sie durch die Straßen und suchen sich ihre Opfer.

"Dann ging es los, dass ich eben auch die ersten Straftaten begangen hab: Sachbeschädigung, Propagandadelikte, Körperverletzung. Wir haben Asylbewerberheime überfallen, haben Brandsätze in offene Fenster und Türen geworfen. Gedanken hab ich mir damals nicht darüber gemacht. Das war alles Dreck für mich, Abschaum, ich hab die gar nicht als Menschen angesehen. Hab mich auch nie mit den Opfern befasst. Ein schlechtes Gewissen gab es damals nicht. Auch keinen Moment der Reue nicht, bei niemandem. Ich wäre damals zu der Zeit auch in der Lage gewesen, einen Menschen zu töten. Das hätte mir nichts ausgemacht."

Mit leiser, ruhiger Stimme spricht Enrico über seine Taten. Vergessen hat er die Bilder von den nächtlichen, meist unter Alkohol begangenen Straftaten bis heute nicht. Und die Reue? Ist mittlerweile bei ihm angekommen.

"Der Hass hat mich krank gemacht"

"Ich kann bis heute nachts schlecht schlafen. Hab sinnlos die Jahre verschenkt, weil ich mein halbes Leben in der rechten Szene verbracht habe. Gebracht hat mir das gar nichts! Aber es war unglaublich schwer, das abzulegen, Kontakte abzubrechen. Da waren Leute dabei, die ich aus dem Sandkasten kenne. Aber ich musste das machen. Weil der Hass, der hat mich angewidert, hat mich krank gemacht. Ich wollte einfach nicht mehr wütend sein."

Für Stephan ist Enricos Geschichte eine von vielen, er hat sie so oder so ähnlich schon öfter gehört. Stephan arbeitet für das sächsische Aussteigerprogramm. Er ist sehr wahrscheinlich am Telefon, wenn Ausstiegswillige erstmals die Hotline der Initiative anwählen.

"Wer hier Anfang der 90er-Jahre war und miterlebt hat, wie auch relativ gesetzloser Raum entstanden ist, der kann das sehr gut nachvollziehen, wie Feindbilder sehr schnell in Gewalt umgeschlagen sind. Und wer in der Zeit schon in Szenen war, der macht so einen klassischen Lauf, wie wir das bei Enrico erleben.
Also viele Menschen, die sich an uns wenden, sind schon lange in der Szene. Und dementsprechend zieht sich auch der Ausstiegsprozess sehr, sehr lang hin. Klar ist, man kann nicht von einem Tag auf den anderen ideologisch so ganz abschalten. Und die Frage ist ja: Wann ist jemand ausgestiegen? Muss der dann Linksliberaler werden? Das wird nicht bei jedem gelingen. Ich glaube aber, dass Enrico ein gutes Beispiel ist, weil er reflektiert, was er tut. Und das ist schon mal ein entscheidender Schritt.

260 Tausend Euro gibt der Freistaat Sachsen jährlich für das Programm aus. Seit 2011 wurden 73 Fälle bearbeitet, teilt das Innenministerium mit. 13 seien mittlerweile erfolgreich abgeschlossen, neun aktuelle Fälle kurz davor. Jeder, der die Szene erfolgreich verlasse, sei ein Gewinn für Demokratie und Rechtsstaat und damit auch ein Beleg für den Erfolg dieses Programms, lässt sich Sachsens Innenminister Markus Ulbig zitieren. Die Initiative richte sich dabei explizit nicht nur an Rechtsextreme, sagt Ricardo, der ebenfalls für das sächsische Aussteigerprogramm arbeitet, sondern an alle Personen, die aus extremistischen Gruppierungen raus wollen.

"Das Aussteigerprogramm hat 2011 die Arbeit aufgenommen mit dem klaren Auftrag, Menschen zu unterstützen, die aus der rechtsextremistischen Szene aussteigen möchten. Im Laufe der Beratungsarbeit ist für uns deutlich geworden: Dieser ausschließliche Fokus ist in dieser Form nicht aufrecht zu erhalten. Wir haben schon sehr frühzeitig Berührungspunkte zur organisierten Kriminalität gehabt, ins Hooliganumfeld, was problematisch, also hochgradig gewalttätig ist und Schnittmengen zur rechtsextremen Szene aufgewiesen hat. Und wir haben spätestens seit drei Jahren eine Diskussion um religiös begründeten Extremismus in der Bundesrepublik laufen, die auch an uns als Programm nicht spurlos vorbei gegangen ist. D.h. wir sind im Grunde genommen für alle politischen Formen des Extremismus ansprechbar. Es können sich also auch Personen an uns wenden, die aus linksextremistischen Gruppen aussteigen möchten."

Alkoholorgien, Bordellbesuche, Kriminalität

Passiert sei das genau einmal, so Ricardo. Der überwiegende Teil der Ausstiegswilligen komme bis heute aus der rechten Szene. Enrico erzählt, dass ihn erst der Ausstieg wirklich zum Nachdenken gebracht habe. Zweifel kamen dem heute etwa 40-jährigen allerdings schon fünf Jahre vor dem konkreten Bruch mit den Kameraden. Enrico fing an, heimlich Zeitungsartikel über Aussteigerprogramme zu sammeln. Hauptgrund: Das Verhalten führender NPD-Mitglieder.

"Es gab Alkoholorgien im Ausland, Bordellbesuche, kriminelle Aktionen, es wurden Drogen konsumiert. Die haben die eigene Ideologie mit Füßen getreten. Nach Außen wurde das Saubermann-Image gepflegt, aber hinter verschlossenen Türen haben sich die NPD-Leute genauso benommen und die selben Lieder gegrölt wie die freien Kameraden. Das war wie im Sturmlokal."

Trotzdem war die NPD jahrelang seine politische Heimat. Er eiferte damals führenden Funktionären wie Holger Apfel und Udo Vogt nach, wollte aufsteigen in der Partei, weg von der Straße. Heute sieht Enrico die Partei kritisch, gerade weil er sie so gut kennt.

"Etwa ein halbes Jahr musste man sich beweisen und sich eine saubere Weste zulegen. Man hat dann die Kleidung gewechselt, hat sich Haare wachsen lassen, hat am Infostand den netten Nazi raus hängen lassen. Das war sehr familien- und kinderfreundlich. Gern gesehen waren junge Mütter am NPD-Stand, es gab Hüpfburgen. Die Kontakte zwischen NPD und freien Kameraden war dabei immer stark. Das war alles gut vernetzt, da wurde auch aktiv für die Partei geworben. Verbieten würde ich die NPD trotzdem nicht, weil die ganzen Leute dann in den Untergrund gehen. Das wäre viel gefährlicher."

Sachsens Neonazi-Szene ist unübersichtlich

Stephan vom Aussteigerprogramm sieht das ähnlich. Denn die freie Szene sei noch wesentlich unübersichtlicher und schwerer zu kontrollieren - gerade in Sachsen. Die rechtsextreme "Gruppe Freital" sei da nur ein Beispiel. Was in seinen Augen im Freistaat bis heute fehlt: eine starke Zivilgesellschaft, die sich klar gegen Rechts positioniert.

"Natürlich ist die Szene in Ostdeutschland oder in Sachsen stark. Aber auch in Westdeutschland. Ich glaube, die Unterschiede liegen eher nicht in der Stärke der Szene, als im Verhalten der Restbevölkerung. Hier die Problematik, die wir immer wieder sehen die letzten 25 Jahre, dass es eigentlich mehr Zivilgesellschaft bedarf, die relativ schnell sagt: Das wollen wir hier nicht! Was wir immer wieder merken ist, dass der gesellschaftliche Druck auf Leute, die als Rechtsextremisten ausgemacht sind, eine wichtige Rolle spielt. Weil das empfinden die schon sehr stark, sie sind Ausgegrenzte. Und dieser Druck ist nicht angenehm. Das merken wir schon, dass zum Beispiel viele nicht möchten, dass ihre Kinder mit dem gleichen Druck aufwachsen. Und das haben wir also mehrere Male erlebt, dass das genau der Ausstiegsgrund war."

Enrico ist raus aus der rechten Szene, hat das Kapitel für sich abgeschlossen. Er führe jetzt ein unpolitisches Leben, gehe zu keinen Demos mehr, auch Pegida und AfD interessierten ihn nicht. Er wähle auch keine rechten Parteien mehr, sagt er. Im Gespräch und auch im Video bezeichnet sich Enrico als Patriot. Für ihn ist das kein bedenklicher Begriff, sondern einfach eine Tatsache.

"Ich hab immer noch ein Heimatgefühl, aber das hat nichts mehr mit einem fanatischen Hintergrund zu tun wie damals. Ich muss das auch nicht mehr jedem sagen. Der Staat sollte den Rechten einfach Begriffe wie Familie, Heimat und Vaterland nicht überlassen. Das nutzen die nur aus. Ich bin Patriot, das ja. Und ich bin, nur weil ich jetzt ausgestiegen bin, auch kein Linker geworden oder ein super toller Demokrat. Ich bin jetzt einfach ein stinknormaler Mensch, mit Familie und Kindern. Das steht für mich an erster Stelle. Und alles andere interessiert mich nicht mehr."

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