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Studio 9 | Beitrag vom 18.04.2016

Ex-Mitarbeiterin Inge HannemannKampf für Menschenrechte in Jobcentern

Von Frederik Rother

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Die ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann am 20.11.2014 in Hamburg. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
Die ehemalige Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann ist inzwischen Politikerin. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Inge Hannemann wurde von ihrem Posten als Jobcenter-Mitarbeiterin suspendiert, weil sie öffentlich das Hartz-IV-System kritisiert hatte. Jetzt kämpft sie mit ihrer Initiative "Sanktionsfrei" gegen die Gängelung von Leistungsberechtigten.

Team-Sitzung bei der Initiative "Sanktionsfrei". Neun Mitarbeiter zwischen 20 und 30 sitzen an diesem Vormittag im Besprechungsraum des modernen Loftbüros in Berlin-Kreuzberg. Die Stimmung ist ausgelassen, das erste Spendenziel wurde wenige Tage vorher erreicht: 75.000 Euro sind durch Crowdfunding zusammengekommen.

"Dann glaube ich jetzt, dass wir es schaffen. Natürlich schaffen wir das."

Auch Inge Hannemann freut sich sichtlich, dass sie ihrem Ziel näher gekommen ist:

"Man kann es Vision nennen. Ich möchte einfach eine gerechtere Gesellschaft, ich möchte Menschen helfen, die von Hartz IV betroffen sind."

… und die Initiative "Sanktionsfrei" soll genau das leisten. Mit einer Online-Plattform will sie Hartz-IV-Empfänger unterstützen, denen die Leistungen vom Jobcenter gekürzt wurden – ihnen Rechtsberatung anbieten und Handlungsalternativen aufzeigen. Es soll sogar einen Solidartopf geben, aus dem Betroffene kurzfristige Darlehen erhalten können.

Als Jobcenter-Mitarbeiterin suspendiert

Mit ihrem Kampf gegen Hartz IV ist die gebürtige Hamburgerin bundesweit bekannt geworden. Vor drei Jahren wurde sie von ihrem Posten als Jobcenter-Mitarbeiterin suspendiert: Statt Sanktionen zu verhängen, hatte sie sich öffentlich dagegen ausgesprochen.

"Hartz-IV-Rebellin" nannten sie die Medien.

"Ich bin froh, dass es überhaupt Querulanten gibt. Weil, ich glaube ohne Querulanten würde es dahinplätschern, also gäbe es auch keine Öffentlichkeit von Missständen."

Während der Besprechung sitzt Inge Hannemann am Tischende. Die 47-Jährige mit den glatten, dunkelbraunen Haaren und der Brille hört konzentriert zu, ergänzt nur ab und zu etwas oder bringt ihre Meinung mit ein.

Im Besprechungsraum der Initiative hängt ein Plakat mit der Aufschrift: "Die Würde des Menschen ist sanktionsfrei" (Sanktionsfrei)Im Besprechungsraum der Initiative hängt ein Plakat mit der Aufschrift: "Die Würde des Menschen ist sanktionsfrei" (Sanktionsfrei)

Im Besprechungsraum der Initiative hängt ein großes Plakat: "Die Würde des Menschen ist sanktionsfrei" steht darauf. Dafür kämpft sie.

Tag für Tag werde gegen Gesetze verstoßen

In einem Promotion-Video der Initiative erklärt sie, warum:

"Ich bin Inge Hannemann und ich habe viele Jahre als Arbeitsvermittlerin in diversen Jobcentern gearbeitet. Und eines hab ich dabei festgestellt: Tag für Tag wird in den Jobcentern gegen Gesetze verstoßen…"

… indem zum Beispiel durch die Sanktionen das gesetzliche Existenzminimum unterschritten wird. Das sei menschenunwürdig, stellt Hannemann klar.

Dagegen will sie was unternehmen:

"Die Grundidee ist tatsächlich, die Menschen dazu aufzufordern, in den Widerstand zu gehen, gegen die Sanktionsbescheide auch rechtlich anzugehen, oder auch einen Widerspruch, und zu sagen, wir haben unser Recht und das Recht nehmen wir."

"Die waren nicht motiviert - die hatten Angst"

Viele Sanktionsbescheide der Jobcenter seien formell falsch, kritisiert die 47-Jährige. An diesem Punkt möchte sie mit ihrer Initiative ansetzen und Unterstützung leisten.

Fakt ist: Im vergangenen Jahr wurden knapp eine Million Sanktionen verhängt, die meisten aufgrund von Meldeversäumnissen. Gut 130.000 Hartz-IV-Empfänger waren davon betroffen.

Inge Hannemann glaubt bis heute nicht, dass Sanktionen funktionieren:

"Wenn ich sanktioniert habe, oder sanktionieren musste, oder mir kamen sanktionierte Menschen neu hinzu, die waren nicht motiviert. Die hatten Angst, sie haben sich mit Sicherheit nicht einen Arbeitsplatz gesucht, oder wenn, dann schnell über Zeitarbeit und waren nach zwei Monaten wieder da, weil's krank gemacht hat."

Das ist ihr Kampf: Gegen Sanktionen und Hartz IV. Sie wirkt dabei entschlossen und zielstrebig.

"Ich kämpfe nie gegen etwas, sondern für etwas. Für Menschlichkeit, für Menschenwürde, die Menschenreche, Umsetzung der Menschenrechte in den Jobcentern."

Seit vergangenem Jahr ist sie Politikerin

Bisher hierhin war es ein abwechslungsreicher Weg. Inge Hannemann hat keine geradlinige Berufsbiografie.

"Ich habe von Helfertätigkeiten bis zu Leitungsfunktionen glaube ich schon alles gemacht, ich war schon Betriebsrätin auch. Ich hab' glaube ich im Schnitt alle drei Jahre gewechselt."

Neues entdecken und dazulernen, das war ihre Motivation. Vor zehn Jahren wurde sie dann Jobcenter-Vermittlerin – mit dem bekannten Ende.

Seit vergangenem Jahr ist sie Politikerin und sitzt für die Partei "Die Linke" in der Hamburgischen Bürgerschaft. Sie versucht nun, ihre Anti-Sanktions-Pläne (auch) auf der politischen Ebene voran zu bringen.

Sie genießt ihre Rolle als Widersacherin und ihr gefällt der Gedanke, die Bundesagentur für Arbeit durch Klagen gegen fehlerhafte Bescheide herauszufordern. Dabei sieht sie sich in einer gewissen Tradition:

Angst vor dem körperlichen Zusammenbruch

Nach knapp eineinhalb Stunden Meeting ist allen Beteiligten noch einmal klar, wie viel ehrenamtliche Arbeit sie in den vergangenen Monaten in das Projekt gesteckt haben.

"Letzte Frage: wollen wir am Freitag alle zusammen Essen gehen? Weil es schon ziemlich cool ist, was wir gemacht haben…"

Diese Zeit ist auch an Inge Hannemann nicht spurlos vorbei gegangen, die immer wieder Angst hatte, körperlich zusammenzubrechen:

"War schon sehr anstrengend, weil natürlich immer dieses mitschwingt, können wir die Leute motivieren, kriegen wir die Summe zusammen, auch wenn wir uns sicher waren, aber klar, ist viel, viel Arbeit."

Jetzt geht es weiter, die Kampagne läuft noch bis zum 9. Mai. Bis dahin wollen sie insgesamt 150.000 Euro einsammeln.

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