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Interview | Beitrag vom 13.12.2019

Ex-Caritas-Generalsekretär zum Armutsbericht 2019 Eine Armut, die nicht überwunden werden kann

Georg Cremer im Gespräch mit Stefan Karkowsky

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Das Bild zeigt schemenhaft zwei Menschen, die in einer Unterführung auf dem Boden sitzen und Passanten in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. (imago stock&people/Michael Schick)
Armut in einem reichen Land: Bild aus Hessens reicher Kur- und Hauptstadt Wiesbaden (imago stock&people/Michael Schick)

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat seinen Armutsbericht 2019 vorgestellt. Georg Cremer war lange Jahre Generalsekretär der Caritas und erklärt, von welcher Armut der Bericht spricht – und was daraus folgt.

Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband schlägt seit Jahren regelmäßig Alarm: Sein Geschäftsführer Ulrich Schneider warnt vor Altersarmut und bedauert die Rentner. Im Prinzip hat er das auch gemacht, als er am Donnerstag den Armutsbericht 2019 seines Verbandes vorgestellt hat, mit einer kleinen Änderung allerdings: Die Armut in Deutschland nimmt nicht mehr zu, sie nimmt sogar leicht ab, wie es in dem Bericht heißt.

Georg Cremer war von 2000 bis 2017 Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes und hat sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Er betont, dass die Armutsquote oder das Armutsrisiko ein statistischer Wert sei und die relative Armut messe, nicht die absolute. Die EU-Definition spricht von "in Armutsrisiko lebend" und sieht das gegeben bei dem, "der ein verfügbares Nettoeinkommen von 60 Prozent des mittleren Einkommens hat".

Single mit 1000 Euro ist arm

In Deutschland seien das bei den vom Paritätischen Wohlfahrtsverband verwendeten Daten bei einem Single weniger als 1035 Euro, bei einem Paar mit zwei Kindern etwa 2400 Euro. Typischerweise seien auch Studenten betroffen, selbst wenn die sich nicht arm fühlten. 

Cremer sagt, es sei durchaus sinnvoll, relative Armut zu erfassen. "Wer etwa als Rentner von 800 Euro lebt, ist eben von vielem ausgeschlossen, was diese Gesellschaft prägt." Ein reiches Land dürfe nicht nur auf Indizien absoluter Armut gucken, bekräftigt Cremer. 

Im Prinzip sei die Quote der Armut relativ konstant, das Absinken in diesem Jahr sei minimal. Die gute Lage am Arbeitsmarkt schlage nicht sichtbar auf die Armutsquote durch, so Cremer. Das liege daran, dass es 800.000 mehr Studenten gebe als vor zehn Jahren, mehr Single-Haushalte und Alleinerziehende und auch mehr Flüchtlinge – was bei schlechterer Lage am Arbeitsmarkt die Armutsquote hochgetrieben hätte.

Guter Arbeitsmarkt zeigt sich im Bericht nicht

Die gute Beschäftigungslage zeige sich bei anderen Kennzahlen, etwa beim Rückgang der Quote der Empfänger von Arbeitslosengeld II. Die sei deutlich zurückgegangen, erklärt Cremer. "Und es zeigt sich auch, dass die Angst vor Arbeitslosigkeit runtergegangen ist und die Lebenszufriedenheit gestiegen ist."

Cremer kritisiert zwei Punkte am Grundrentenkonzept der Koalition, mit dem Altersarmut bekämpft werden soll: Erstens, dass nur Menschen profitierten, die 35 Jahre eingezahlt haben, zweitens, dass alle Rentenleistungen auf die Grundsicherung angerechnet würden, dass also Einzahlungen in die Rentenkasse nicht notwendig zu einer Leistung oberhalb der Grundsicherung führten: "Ich finde, ein Teil der Rentenankünfte sollte nicht angerechnet werden", sagt Cremer. 

Armut in einem reichen Staat?

Cremer sagt, das Armutsrisiko zeige eine Verteilung an, er fokussiere insbesondere auf die unteren Einkommensgruppen. Es sei durchaus sinnvoll, diese Statistiken zu erheben – selbst wenn diese Form von Armut nie komplett verschwinde. 

So gebe es auch in den skandinavischen Wohlfahrtsstaaten ein Armutsrisiko von zwölf Prozent relativer Armut, in Schweden liege die Quote auf deutschen Niveau von 16 Prozent, sagt Cremer. "Auch diesen Ländern ist es nie gelungen, die so gemessene Armut auszuradieren. Wir haben eine Definition von Armut, bei der die Armut realistischerweise nicht überwunden werden kann."

Deswegen würden auch andere Kriterien zusätzlich benötigt, meint der Pädagoge und habilitierte Volkswirtschaftler: "Wie viele Leute haben gar keinen Zugang zum Job? Wie hoch ist die Zahl der funktionalen Analphabeten? Wie entwickelt sich das Einkommen bei den Mini-Rentnern? Wie können wir die unterstützen? Wieviel Kinder werden nicht ausreichend unterstützt?" Cremer fordert eine differenziertere Armutsdebatte: "Damit wir die Probleme besser sehen, aber auch Erfolge sehen können – denn die gibt es auch."

(mfu)

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