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Im Gespräch | Beitrag vom 10.07.2019

Ex-Bahnradsportlerin Kristina Vogel "Geduld ist das Unwort meines Lebens geworden"

Moderation: Marco Schreyl

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Ex-Bahnradsportlerin Kristina Vogel beim Weltcup 2018 winkend im Rollstuhl auf der Rennbahn  (Sascha Fromm)
Heute müsse sie niemandem mehr etwas beweisen, das genieße sie auch, sagt die Ex-Bahnradsportlerin Kristina Vogel. (Sascha Fromm)

Sie gehört zu den erfolgreichsten Bahnradfahrerinnen: Kristina Vogel holte elf Weltmeistertitel. Dann das Unglück: Am 26. Juni 2018 stößt sie mit einem anderen Fahrer zusammen. Seither ist sie querschnittsgelähmt und kämpft sich zurück ins Leben.

Ein Live-Interview morgens um 9 Uhr? Kein Problem für Kristina Vogel: Pünktlich kommt sie mit ihrem eigenen Auto – umgerüstet auf Handgasbetrieb –, einen leichten Rollstuhl zusammengeklappt auf dem Beifahrersitz. Zwei Handgriffe – und er ist montiert, ein beherzter Schwung – und sie sitzt darin.

Und das ein knappes Jahr nach ihrem Trainingsunfall.

Bis dahin galt sie als die deutsche Bahnrad-Hoffnung: elf Weltmeistertitel, zwei Olympiasiege – neben einer Australierin ist die heute 29-Jährige die erfolgreichste Fahrerin der Welt. Heute teilt sie dieses Leben ein in das alte, das der Leistungssportlerin mit dem "schweineharten Training". Ihr neues Leben beginnt mit dem 26.Juni 2018: Beim Training prallt sie mit 60 Stundenkilometern auf einen niederländischen Fahrer. Seither ist sie querschnittsgelähmt.

"Das mit dem Laufen wird nie wieder was"

Ihre Erinnerung an den Unfall: "Ich wurde wach und ich wusste sofort: Okay, Kristina, das hier ist wirklich ernst. Beruhig' dich, atme und solange du klar bist, versuch' den Unfallhelfern zu helfen. Und der nächste Moment ist, als mir meine Radschuhe ausgezogen worden sind und die dann in der Hand von Max Dörnbach diese Radrennbahn verlassen, und ich gar nicht gemerkt habe, dass jemand etwas an meinem Bein gemacht hat. Da war klar: Ok, das mit dem Laufen wird nie wieder was."

Crowdfunding-Aktion der Freunde

Noch während sie im Krankenhaus liegt, starten ihre Teamkollegen und Freunde eine Crowdfunding-Aktion; in wenigen Tagen kommen mehr als 120.000 Euro zusammen. "Ich hab' vor Freude und Rührung da wirklich geweint. Ich war so baff, weil man da erst verstanden hat, wie man doch von der Welt geliebt und wertgeschätzt wird."

Das Geld hilft: Das gemeinsame Haus mit ihrem Lebensgefährten und Ex-Bahnradprofi Michael Seidenbecher muss umgebaut werden, sie benötigt mehrere Rollstühle. Ihr wichtigstes Ziel: So schnell wie möglich zurück ins Leben kommen. "Micha ist der Grund, der mich angetrieben hat, weshalb ich so schnell selbstständig sein möchte, gerade, um ihm ein bisschen Last abzunehmen. Er ist sofort immer da, er ist näher als meine Familie, ich teile mit ihm jeden Tag. Und wenn ich mal nicht kann, muss er mich zum Beispiel tragen. Wenn ich mal nicht kann, ist er meine Beine."

Aufgeben gibt’s nicht!

Zuallererst will sie vieles allein schaffen. Sie ist eine Kämpferin. Sich durchzubeißen, hat sie nicht nur im Leistungssport gelernt, sondern auch in ihrer Ausbildung zur Polizistin. Aufgeben gibt’s nicht. "Ich bin ganz schlecht, wenn es darum geht, Hilfe anzunehmen. Andererseits gebe ich gern selber Hilfe."
Also trainiert sie weiter. Nicht mehr auf dem Rad, dafür Bogenschießen und andere Kraftübungen, um ihren Oberkörper stabil zu halten – und um möglichst viele Dinge im Alltag aus eigener Kraft erledigen zu können. Auch hier lässt sie nicht locker. "Geduld ist das Unwort meines Lebens geworden."

"Ich hab alles erreicht, was ich erreichen kann"

Ihrer Zeit als Radprofi trauert sie nicht hinterher, sagt Kristina Vogel. "Ich hab alles erreicht, was ich erreichen kann und ich trauere nichts hinterher – und drum kann ich jetzt frei gucken." Am Schluss habe auch viel Druck auf ihr gelastet. "Die WM 2018 war für mich psychisch einer der schwersten Wettkämpfe in meinem ganzen Leben."

Heute müsse sie niemandem mehr etwas beweisen, das genieße sie auch. Und es warten bereits neue Aufgaben auf sie: Sie ist Botschafterin der Bahnrad-Weltmeisterschaften 2020 in Berlin, wird Fernsehkommentatorin bei Radsportveranstaltungen. Vor kurzem wurde sie als Parteilose für die CDU in den Erfurter Stadtrat gewählt. Ihre Themen? "Sport, Sicherheit und Inklusion."

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