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Religionen / Archiv | Beitrag vom 05.05.2012

Evangelisch, katholisch, muslimisch

Religionsunterricht als Wahlkampfthema im Norden

Gothart Magaard im Gespräch mit Anne Françoise Weber

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Kinder in der Schule: Soll der Religionsunterricht gemeinsam oder getrennt gegeben werden? (picture alliance / dpa)
Kinder in der Schule: Soll der Religionsunterricht gemeinsam oder getrennt gegeben werden? (picture alliance / dpa)

Grüne und SPD wollen den konfessionellen Religionsunterricht durch eine gemeinsame Religionskunde ersetzen. Piratenpartei und die Linke wollen ihn ganz abschaffen. Die CDU hält am konfessionell getrennten Unterricht fest – das ist auch die Linie der katholischen Kirche. Die Nordelbische Landeskirche hingegen setzt auf einen Religionsunterricht für alle in evangelischer Verantwortung. Warum?

Anne Françoise Weber: Morgen wird in Deutschlands Norden gewählt. Rund 2,2 Millionen Wählerinnen und Wähler werden die Zusammensetzung des Landtags in Schleswig-Holstein bestimmen. Ein Thema des Wahlkampfes interessiert uns jetzt hier in "Religionen": Grüne und SPD wollen den konfessionellen Religionsunterricht durch eine gemeinsame Religionskunde ersetzen, Piratenpartei und die Linke wollen ihn ganz abschaffen. Die CDU hält am bisher gegebenen konfessionell getrennten Unterricht fest – das ist auch die Linie der katholischen Kirche.

Die evangelische Kirche, in diesem Fall die Nordelbische Landeskirche, ist hier nicht ganz so kategorisch. Im Stadtstaat Hamburg praktiziert sie nämlich schon ein anderes Modell: einen Religionsunterricht für alle in evangelischer Verantwortung. Ich habe vor der Sendung mit Gothart Magaard gesprochen, dem Bischofsbevollmächtigten der Nordelbischen Kirche im Sprengel Schleswig und Holstein. Zunächst habe ich ihn gefragt, ob er wegen dieser Religionsunterrichtsfrage jetzt am liebsten eine Wahlempfehlung für alle evangelischen Christen aussprechen würde?

Gothart Magaard: Wahlempfehlung nicht – wie freuen uns zwar über die interessante Debatte und den großen Zuspruch auch für den Religionsunterricht, aber haben jetzt keine unmittelbare Wahlempfehlung. Die habe ich nicht vor, heute hier abzugeben.

Weber: Sie haben schon Gesprächsbereitschaft signalisiert, also das heißt, Sie halten nicht unbedingt nur am konfessionellen Religionsunterricht fest, Sie haben aber auch gesagt, ich zitiere: "Das Feld Religionsunterricht ist allerdings komplexer, als es in einem Wahlkampf darstellbar ist." Wo liegt denn die Komplexität, wo liegen die Fallstricke bei diesem Thema?

Magaard: Auf der einen Seite muss man vielleicht auch noch einmal klarmachen, wie die rechtlichen Grundlagen sind. Laut Grundgesetz ist ja der Religionsunterricht ein ordentliches Lehrfach. Er wird in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt – das ist ja zunächst einmal die Grundlage. Das heißt, wir sind in einem engen Gespräch, in einer guten Partnerschaft auch mit dem Land und den Parteien, und diese Bestimmung des Grundgesetzes sagt ja auch aus, Kinder und Jugendliche zur Entwicklung einer religiösen Identität zu befähigen, das gehört eben auch zur wesentlichen Erziehungsaufgabe des Staates.

Nun haben wir in Schleswig-Holstein sehr unterschiedliche Landstriche, wir haben großstädtisch bedingte Situationen auch mit durchaus multireligiöser Bevölkerung, und wir haben auch große ländliche Bereiche, wo sich diese Frage einer sich immer mehr ausdifferenzierenden religiösen Landschaft nicht so sehr stellt. Insofern müssen wir auch die Erfahrung, die wir in Hamburg machen, die guten Erfahrungen, die wir da machen, noch einmal sorgfältig im Blick auf die Übertragbarkeit prüfen.

Hinzu kommt – und jetzt gehe ich schon einmal auf die Hamburger Situation ein in Hamburg, mit dem Stichwort Religionsunterricht für alle in evangelischer Verantwortung – diese Tradition, die im Wesentlichen dazu führt, dass die Klassen nicht geteilt werden, sondern gemeinsam unterrichtet werden, dieser Ansatz ist ja entstanden aus einer sehr starken interreligiösen Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Ebenen.

Weber: … es gibt auch einen Gesprächskreis, der diesen Religionsunterricht mit betreut, nicht wahr?

Magaard: Genau. Also aus diesem Gesprächskreis ist insgesamt der Impuls herausgekommen, doch diesen Ansatz zu entwickeln, einen Religionsunterricht für alle, und es gibt einen Gesprächskreis, der sich eben auch mit Beteiligten unterschiedlicher Religionsgemeinschaften über das Konzept verständigt, auch wenn es bisher immer dann auch noch einen Religionsunterricht für alle in evangelischer Verantwortung bleibt. Und im Moment wird in Hamburg diskutiert, ob nicht auch die muslimischen Gemeinden anerkannt werden als Religionsgemeinschaft, und wie sich dieses Konzept dann unter diesen Bedingungen weiterentwickeln lässt. Da sind wir …

Weber: Bisher sind Muslime auch in diesem Gesprächskreis neben Buddhisten, Juden und Aleviten vertreten.

Magaard: Genau. Und die Resonanz ist unter allen, die dort vertreten sind, sehr positiv. Das Modell ist in Hamburg hoch anerkannt, muss aber weiterentwickelt werden, wenn zu den anerkannten Religionsgemeinschaften eben auch die muslimischen Gemeinschaften gehören.

Weber: Wenn wir uns das jetzt noch mal genauer angucken, mit dieser evangelischen Verantwortung, das bedeutet, die evangelische Kirche hat den Hut auf und vor allem die Lehrkräfte sind alle von der evangelischen Kirche ausgebildet worden, natürlich an staatlichen Hochschulen, wie das überhaupt bei Religionslehrern der Fall ist. Ist das aber nicht doch ein Gewissenskonflikt, da einerseits von der Kirche her zu kommen und andererseits eben für alle Religionsunterricht anzubieten, das heißt auch, Religionen vorzustellen, die dem Lehrer, der Lehrerin doch ferner sein werden als ihr eigener evangelischer Glaube?

Magaard: Zum Religionsunterricht gehört ich denke auch in der konfessionellen Ausprägung ja die eigene Überzeugung, der eigene Standpunkt. Und wir meinen, es ist keinesfalls gesagt, dass eine Religionskunde da wirkungsvoller wäre. Die Identität, die Verwurzelung der Lehrkräfte in einer Tradition ist schon eine unaufgebbare Grundlage, auch für einen Dialog, auch einen interreligiösen Dialog, und insofern denke ich nicht, dass es zu Gewissenskonflikten kommt, weil ja das Thema Auseinandersetzung mit unterschiedlichen christlichen Konfessionen, aber auch Religionen ohnehin zum Kernbestand des Religionsunterrichts gehört. Und gerade in einer solchen Form. wo dies auch in einer abgestimmten Weise geschieht, denke ich, führt das dazu, dass die Lehrkräfte selber auch von einem noch klareren Fundament aus diesen Unterricht auch gestalten können.

Weber: Was bedeutet das Ganze jetzt für die Ökumene? Man muss sagen, in Hamburg ist die katholische Kirche nicht mit im Boot, sondern bietet eigenen konfessionellen Religionsunterricht an. Ist das nicht seltsam, dass die Protestanten dann im Grunde näher mit den Juden, Buddhisten, Muslimen und Aleviten zusammenarbeiten als mit den katholischen Kollegen?

Magaard: Also für die Ökumene ist es zunächst einmal im Allgemeinen denke ich kein Problem, weil wir auf vielen Feldern sehr eng zusammenarbeiten zwischen katholischer und evangelischer Kirche im Norden, da gibt es viele gute Beispiele für. An dieser Stelle allerdings gehen wir unterschiedliche Wege. Wir sind als evangelische Kirche und Nordelbische Kirche gleichwohl der Meinung, dass es ein hohes Gut ist, die Klassen so weit wie möglich zusammenzuhalten. Auch wenn die katholischen Schwestern und Brüder da einen anderen Weg gehen, werden wir diesen Weg weitergehen.

Weber: Sie haben schon gesagt, Schleswig-Holstein hat ganz unterschiedliche Sozialstrukturen, es gibt eben auch den ländlichen Raum, der nicht so multi-religiös ist. Wäre dieses Hamburger Konzept da überhaupt übertragbar?

Magaard: Genau das ist die Frage. Also man wird es so nicht 1:1 auf das ganze Land übertragen können. Vielleicht muss man die unterschiedlichen Sozialräume berücksichtigen. Es kommt aber noch ein zweites Problem hinzu: dass hier in Schleswig-Holstein nicht in Sicht ist, dass die muslimischen Religionsgemeinschaften eine entsprechende Anerkennung in Sicht haben oder anstreben. Das heißt, wir haben auch rechtlich eine andere Perspektive, sodass wir eher darauf setzen, dass das Modell unterschiedlicher Kooperationen noch ausbaufähig ist, nicht nur zwischen evangelischem und katholischem Religionsunterricht, sondern möglicherweise eben auch mit einzelnen Gemeinden. Es ist in dem Religionsunterricht ja durchaus auch üblich, Menschen einzuladen und auch authentisch bestimmte Stimmen auch im Religionsunterricht wahrnehmbar zu machen. Das geschieht bisher und das könnte durchaus ausgebaut werden, und wir haben den Eindruck, dass das in der schleswig-holsteinischen Situation doch der sinnvolle nächste Schritt ist.

Weber: Das hieße aber Einzelregelungen für jede Schule und je nachdem, welche andere Gemeinde jetzt in diesem konkreten Dorf oder Stadt vorhanden ist?

Magaard: Ja, das ist richtig und berücksichtigt aber eben die unterschiedlichen Sozialräume, die wir haben, bietet aber die Möglichkeit, in bestimmten Großstädten wie Kiel oder Flensburg, Neumünster, Lübeck, auch andere Wege zu gehen und zu einer stärkeren Kooperation an der Stelle zu kommen. Wir haben einfach noch nicht diese Kultur von interreligiösem Dialog auf ganz unterschiedlichen Gebieten, wie er in Hamburg erfreulicherweise schon seit vielen, vielen Jahren sehr viele gute Ergebnisse zeigt. So weit sind wir noch nicht, und das wird man zu späterer Zeit dann möglicherweise da noch mal anders bewerten.

Weber: Wie erklären Sie sich denn, dass das Thema Religionsunterricht jetzt überhaupt zum Wahlkampfthema geworden ist? Ist das ein Ausdruck dafür, dass die Gesellschaft sich zunehmend säkularisiert und Religion für manche eben keine große Rolle mehr spielt, oder liegt es daran, dass die Muslime deutlicher zu hören sind? Warum kommt so was plötzlich im Wahlkampf auf?

Magaard: Ich denke, es sind unterschiedliche Faktoren: Auf der einen Seite ist es schlicht Unkenntnis über die Qualität des Religionsunterrichts, der erteilt wird, und auch über seine Inhalte, das ist Punkt eins. Zum Zweiten: Sicherlich erkenne ich in manchen Äußerungen auch das Interesse daran, dass das kulturelle Lernen aneinander verstärkt wird. Das kann man ja durchaus auch unterstützen wollen. Und hinzu kommt auch, dass das Thema Religionen in einer gewissen Konkurrenz steht, auch mit Musik beispielsweise, zu anderen Fächern, und man auch in Schulen und Elternschaft durchaus auch werben muss für den Wert einer religiösen Bildung oder existenziellen Wissens gegen manche Vorherrschaft von funktionalem Wissen. Es gibt ja Eltern, die durchaus sagen: Mathe ist viel wichtiger als Religion. Da muss man deutlich machen, welchen Wert es auch hat, eine religiöse Bildung zu vermitteln, um die eigene Kultur zu verstehen, um einen eigenen kritischen Standpunkt entwickeln zu können und dann auch dialogfähig zu werden.

Weber: Wenn die Piratenpartei und die Linke wirklich die Abschaffung des Religionsunterrichts fordern – ist das Ausdruck eines wirklich kirchenfeindlichen Klimas, dass die Kirchen im Grunde froh sein können, wenn es überhaupt noch einen Religionsunterricht für alle gibt?

Magaard: Ich habe den Eindruck, dass für manche der Religionsunterricht als ein gewisses Privileg der Kirchen gesehen wird und verkannt wird, dass es ein Teil eines öffentlichen Bildungsauftrages ist. Da müssten wir sicherlich noch weitere Gespräche führen und diskutieren, um diesen Wert des Religionsunterrichts auch für eine Gesellschaft deutlich zu machen. Es ist kein Privileg für die kirchliche Institution, auch nicht für die Religionen, und manchmal fehlt einfach auch die Kenntnis über einige verfassungsrechtliche Grundlagen, die im Moment an der Stelle überhaupt keinen Spielraum bieten, den Religionsunterricht abzuschaffen.

Weber: Das wäre meine nächste Frage gewesen, eben: Um ihn abzuschaffen, müsste man das Grundgesetz ändern. Wird es dafür jemals eine Mehrheit geben?

Magaard: Na, das ist eine sehr weitreichende Frage. In absehbarer Zeit kann ich mir das nicht vorstellen. Wir haben einen großen Konsens an der Stelle, alle großen Parteien unterstützen den Religionsunterricht. Auch wenn man in Einzelfragen des Konzeptes natürlich diskutieren kann und auch überlegt, wie kann er sich weiterentwickeln, so gibt es keine ernstzunehmenden Stimmen, die den Religionsunterricht abschaffen wollen.

Weber: Sie sagen, es ist kein Privileg, aber ein Privileg ist doch, dass die Kirchen über die Inhalte ziemlich frei bestimmen können. Also es steht zwar alles unter staatlicher Aufsicht, aber der Staat bestimmt eben die Inhalte nicht. Die Lehrbücher werden von den Kirchen abgenommen, die Lehrkräfte werden von den Kirchen ausgebildet. Das ist doch eine enorme Sonderstellung, und da fragen sich dann vielleicht doch manche: Warum die Kirchen und nicht irgendwelche Weltanschauungsverbände oder andere Religionen?

Magaard: Also ganz so ist es nicht. Die Lehrkräfte werden durch den Staat ausgebildet, sie werden natürlich … Am Ende auch gibt es eine kirchliche Beteiligung in den Prüfungen, jedenfalls hier ist es im Norden Deutschlands so. Und auch in den konzeptionellen Dingen, auch was Lehrbücher betrifft, gibt es ja einen engen Dialog auch mit den Ministerien, mit den staatlichen Stellen. Es ist keinesfalls so, dass die Kirchen alleine da irgendwie einen Durchmarsch organisieren. Insofern gibt es eine ganz starke Partnerschaft: Der Staat bietet die äußeren Rahmenbedingungen, auch die Ausbildung der Lehrkräfte, und die Kirche ist entscheidend beteiligt bei der inhaltlichen Gestaltung, eben den Grundsätzen für den Religionsunterricht, und das ist eine erfolgreiche Partnerschaft und kein Privileg. Und im Übrigen: Wenn die islamischen Gemeinden gleichermaßen anerkannt werden, dann haben wir auch eine erweiterte Situation, und dann werden es eben nicht nur die Kirchen sein. Und das wird sicherlich früher oder später kommen.

Weber: Es bleibt also Bewegung in der Frage des Religionsunterrichts, und die ist auch ein Thema im Wahlkampf für die Wahlen morgen in Schleswig-Holstein. Vielen Dank, Gothart Magaard, Bischofsbevollmächtiger der Nordelbischen Kirche für Schleswig und Holstein!

Magaard: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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