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Religionen / Archiv | Beitrag vom 21.08.2016

Evangelikale in BrasilienWie aggressive Predigten Gewalt säen

Von Ole Schulz

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Blick in den brasilianischen Senat am 11.5.2016. (picture alliance / dpa / Cadu Gomes)
Der brasilianische Kongress. Dort haben evangelikale Parlamentarier immer mehr Macht. Das zeigte sich auch bei der Abstimmung über die Amtsenthebung gegen Präsidentin Dilma Rousseff. (picture alliance / dpa / Cadu Gomes)

In Brasilien sind evangelikale Strömungen schon länger auf dem Vormarsch. Doch jetzt herrscht in manchen Predigten eine hohe Aggressivität gegenüber dem traditionellen afrobrasilianischen Kult. Sie wird für die steigende Gewalt gegen deren Anhänger verantwortlich gemacht.

"Mit der Hilfe von Gott, meiner Familie und aller Evangelikalen im Land, sage ich Tschau zur `Liebsten´ Dilma und der PT, der Partei der Finsternis! Und ich stimme mit Ja zum Impeachment gegen Dilma!"

Mitte April im brasilianischen Kongress. Der konservative evangelikale Pastor und Parlamentarier Marcos Feliciano beim umstrittenen Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff. Dass die Opposition die Abstimmung gegen die Arbeiterpartei deutlich gewinnt, liegt auch an den vielen Evangelikalen im Kongress.

"Die evangelikalen Parlamentarier bilden inzwischen eine eigene Fraktion. Ihren Einfluss hat man beim Impeachment gesehen. Und durch ihre politische Macht ist es ihnen gelungen, Genehmigungen für Radio- und Fernsehstationen zu erhalten. Sie haben eine große Medienmacht."

So Ivanir dos Santos. Er ist der Vorsitzende der "Kommission zur Bekämpfung von religiöser Intoleranz", einer nichtstaatlichen Organisation. Laut dos Santos hat sich das gesellschaftliche Klima in Brasilien mit dem Vordringen der Evangelikalen in Politik und Medien verhärtet.

Hetze gegen Homosexualität und Andersgläubige

Zur protestantischen Kirche gehören zwar auch Lutheraner, Baptisten und liberalere Freikirchen. Aber gerade Pastoren der neuen Pfingstkirchen predigen gegen Homosexualität und Andersgläubige. Sie hetzen auch gegen afrobrasilianische Religionen – und es bleibt nicht immer nur bei Worten. Im vergangenen Jahr wurde in Rio de Janeiro ein Mädchen schwer verletzt:

"Es war einer der schlimmsten Fälle: Ein Mädchen wurde von einer Gruppe Evangelikaler mit Steinen beworfen, als sie einen afrobrasilianischen Tempel verließ. Sie wurde getroffen und starb fast. In Schulen werden Kinder schlecht behandelt, weil sie Anhänger der Candomblé- oder der Umbanda-Religion sind – von Lehrern eines weltlichen Staates! Es kommt zu Konflikten zwischen Nachbarn und in Familien."

Keinesfalls alle Evangelikalen befürworten solche Übergriffe. So demonstrierten nach dem Angriff auf das Mädchen in Rio mehrere hundert Gläubige gemeinsam gegen Gewalt – darunter auch Evangelikale. Die religiös motivierten Übergriffe halten jedoch an, und laut neuer Studien richten sie sich vor allem gegen afrobrasilianische Religionen. Im Bundesstaat Rio de Janeiro ist das etwa bei mehr als zwei Drittel der Fälle so.

Ein nationaler Aktionsplan gegen religiöse Intoleranz wird gefordert

Ivanir dos Santos fordert darum einen nationalen Aktionsplan gegen religiöse Intoleranz – und erinnert daran, dass die Afrobrasilianer die Kultur und Musik, die Riten und Religion des Landes stark beeinflusst haben:

Samba in Rio (picture-alliance / dpa / Foto: MAXPPP)Samba-Tänzerinnen in Rio de Janeiro. Die Evangelikalen in Brasilien wollen sich gegen Einflüsse und gewachsene Traditionen der Afrobrasilianer abgrenzen. (picture-alliance / dpa / Foto: MAXPPP)

"Zu Weihnachten sieht man diesen Einfluss. Man trägt weiße Kleidung und  spendet der Meeresgöttin Yemanjá Blumen. Und auch der Samba ist durch diesen Kulturmix entstanden."

Doch statt das anzuerkennen, setzen vor allem die evangelikalen Pfingstkirchen auf Abgrenzung und strikte Regeln: kein außerehelicher Sex, kein Alkohol, keine Schimpfwörter. Erfolg haben sie dabei gerade in den Armenvierteln. Dass ein solch intolerantes Weltbild dort fruchtet, ist für den Schauspieler und Philosophen Rodrigo dos Santos letztlich ein Erbe der Sklaverei – einer Gesellschaft, die auf Abwertung und Unterdrückung anderer beruht.

"Die brasilianische Gesellschaft ist in ihrem Wesen rassistisch – in ihren Institutionen und im Alltagsleben. In den Schulen und am Arbeitsplatz, in den Medien und den Büros, in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens gibt es Rassismus."

Selbstbewusstein der Afrobrasilianer wächst

Gleichzeitig wächst das Selbstbewusstsein der Afrobrasilianer. Durch das von der Arbeiterpartei unter Dilmas Vorgänger Lula da Silva ausgebaute Quotensystem studieren viel mehr von ihnen als früher. Und ein Gesetz hat die Geschichte der afrikanischen Sklaven sowie der Ureinwohner Brasiliens auf die Lehrpläne gebracht. 

"Es wurde eingefordert, dass die Geschichte der Afrobrasilianer und der Indigenen zum Thema an den Schulen wird. Nur sind viele Schuldirektoren Evangelikale, und sie verhindern das oft. Rechtlich hat sich die Situation also verbessert, praktisch aber nicht." 

Straßentänzer in Manaus, Brasilien, tanzen Capoeira. (picture alliance / dpa / Marius Becker)Straßentänzer in Manaus, Brasilien, tanzen Capoeira, den Kampftanz der Sklaven. Viele Einwohner sind stolz auf ihre afrobrasilianischen Wurzeln. (picture alliance / dpa / Marius Becker) 

Der 39-jährige Rodrigo dos Santos kommt aus einer armen schwarzen Familie und hat viele Jahre gebraucht, um stolz auf seine afrobrasilianischen Wurzeln zu sein. Heute praktiziert er sowohl Capoeira, den Kampftanz der Sklaven, als auch die Candomblé-Religion. Die radikalen evangelikalen Pastoren sind für dos Santos willige Helfer eines profitorientierten Marktliberalismus.

Die Geschäftemacherei der evangelikalen Parlamentarier

"Die neuen evangelikalen Pfingstkirchen wachsen bei uns sehr stark. Und so schlicht und seicht das Denken ihrer Pastoren sein mag, so hat es doch auch Wurzeln in dem, was Max Weber als den protestantischen Geist des Kapitalismus beschrieben hat."

Erlösung im Hier und Jetzt versprechen viele der evangelikalen Pfingstkirchen – durch wirtschaftlichen Erfolg. "Theologie des Wohlstands" nennen das Kritiker. Von den Gläubigen wird auch erwartet, dass sie ihre Hingebung zu Gott durch Opfer beweisen: Mindestens ein Zehntel des Monatsgehalts müssen sie abtreten. Laut Ivanir dos Santos von der Kommission gegen religiöse Intoleranz geht es am Ende vor allem um eines:

"Um Geld. Diese Kirchen dienen dazu, Spenden einzusammeln. Und es gibt Vorwürfe, dass sie Bestechungsgelder an Politiker im Kongress gewaschen haben. Auch der Markt für Gospelmusik wächst, sie haben eine prosperierende Ökonomie geschaffen. Viele evangelikale Parlamentarier machen hier Geschäfte. Und es muss verurteilt werden, wie der Gesellschaft dadurch Werte aufgezwängt werden, welche die Vielfalt der brasilianischen Gesellschaft nicht widerspiegeln."

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