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Tonart | Beitrag vom 15.05.2020

Eurovision Song Contest 2020Jeder bekommt seinen ESC

Amelie Ernst im Gespräch mit Joachim Scholl

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Ben Dolic und Barbara Schöneberger (imago images / Chris Emil Janßen)
Ein Bild aus der Zeit vor dem Lockdown: Ben Dolic vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest 2020. Moderiert wird die Show von Barbara Schöneberger. (imago images / Chris Emil Janßen)

Der Eurovision Song Contest findet zum ersten Mal seit 63 Jahren nicht vor Ort statt – dafür gibt es Fernsehersatz von Stefan Raab und im Ersten. Diese Shows seien für sehr unterschiedliche Zielgruppen konzipiert, sagt ESC-Expertin Amelie Ernst.

Joachim Scholl: Good evening, Europe! Bonsoir, Europe! – Nichts da: Auch den Eurovision Song Contest wird es dieses Jahr wegen Corona nicht geben. Am Samstagabend sollte eigentlich das Finale in Rotterdam sein – doch in der Ahoy Arena, die dafür reserviert war, stehen jetzt Betten für Corona-Patienten. Erstmals seit dem Beginn im Jahr 1956 findet der ESC nicht vor Ort statt.

Aber die Fangemeinde des ESC ist bekanntlich groß. Und weil die Teilnehmerländer ihre Songs schließlich alle schon bestimmt hatten, müssen sich ESC-Fans am Samstagabend zumindest nicht allein fühlen. Unsere Kollegin Amelie Ernst von der rbb-Welle radioeins ist sonst jedes Jahr beim Song Contest dabei. Morgen Abend wird sie sich das Ganze aber auch vom Sofa aus anschauen. Was läuft da im deutschen Fernsehen?

Amelie Ernst:  Es gibt eine große Ersatz-Show, die tatsächlich in allen Teilnehmerländern mehr oder weniger parallel ausgestrahlt wird, aus den Niederlanden: "Europe Shine a Light" heißt die. Da werden alle Beiträge der Teilnehmerländer gezeigt, aber eben als Videos. Im Ersten beginnt die um 22 Uhr. Ab 20:15 Uhr gibt es vier Stunden lang den "Free ESC", den Stefan Raab für ProSieben produziert. Gleichzeitig beginnt im Ersten der "Eurovision Song Contest 2020 – das deutsche Finale live aus der Elbphilharmonie" mit Barbara Schöneberger – traditionell. Und wie auch sonst beim ESC kommentiert den Peter Urban zusammen mit Michael Schulte.

"Die ESC-Community votet schon fleißig"

Scholl: Das heißt, da treten "echte" Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus diesem Jahr auch live auf?

Ernst: Genau. Im Ersten in der Show ist das so: Die aus Dänemark, Island und Litauen werden live auftreten in der Elbphilharmonie. Und gerade die Isländer hatten in den vergangenen Wochen zumindest mit ihrem Video zu "Think About Things" schon ganz schön für Aufsehen gesorgt. 

Ernst: Der ein oder andere hat das vielleicht schon gesehen. Das sind diese lustigen Typen in den grünen Shirts und mit den lustigen Bewegungen. Das geht sehr ins Ohr und es gibt so roboterartige Bewegungen dazu. Auf jeden Fall einer der Favoriten. Die haben auch schon ganz viele Songchecks im Vorfeld gewonnen.

Und noch ein Geheimfavorit wird live spielen in der Elbphilharmonie, nämlich für Litauen "The Roop" mit dem Song "On Fire".

Ernst: Das ist wieder eine ganz andere Richtung. Die kamen auch sehr gut weg in den Onlinevotings im Vorfeld. Die ESC-Community schläft ja nicht, da wird jetzt schon fleißig gevotet. Die drei sind live dabei bei der Show im Ersten und sieben andere in Form von Musikvideos. Der deutsche Teilnehmer Ben Dolic wird seinen Song "Violent Thing" auch live singen. Dann gibt es ein Voting. Da kann aber, wie beim ESC auch, natürlich nicht aus Deutschland für den deutschen Beitrag gevotet werden.

Geheimnis um deutschen Teilnehmer der Raab-Show

Scholl: Und was hat Stefan Raab vor?

Ernst: Der schickt 15 prominente Künstler auf die Bühne, die mit dem ESC selbst aber bisher eher wenig bis gar nichts zu tun hatten. Zum Beispiel die Sängerin Sarah Lombardi für Italien, Teenie-Star Mike Singer für Kasachstan, Schlagersängerin Vanessa Mai für Kroatien und Rapper Eko Fresh für die Türkei. Alle haben irgendeinen Bezug zu dem Land, für das sie beim "Free ESC" antreten.

Ein großes Geheimnis macht man bisher um den deutschen Teilnehmer. Das soll angeblich eine Legende sein. Jetzt wird darüber spekuliert, ob das vielleicht Stefan Raab selbst ist, oder auch Guildo Horn oder Ralph Siegel. Auch da gibt es am Ende ein Zuschauervoting, und die Punkte verkünden sollen beim "Free ESC" auch Promis – zum Beispiel Lukas Podolski für Polen, für Irland Musiker Angelo Kelly und für Großbritannien Ex-Spice-Girl Melanie C.

Scholl: Wen soll das ansprechen?

Ernst: Mit Blick auf die Teilnehmenden sicher nochmal andere Zuschauer als die traditionellen ESC-Fans. Die werden eher bei der ARD und bei den "echten" Beiträgen aus den Ländern bleiben. Stefan Raab schielt mit Sarah Lombardi oder auch Mike Singer ganz klar auf eine andere, jüngere Zielgruppe – eine, die mehr auf Instagram, Youtube und ähnlichen Plattformen unterwegs ist. Es gibt ja auch schon den Extra-Hashtag #FREESC. Also ich glaube nicht, dass sich ESC-Fans da unbedingt entscheiden müssen am Samstag, sondern das sind zwei komplett unterschiedliche Events.

Scholl: Kann das gelingen?

Gemeinschaftsgefühl quer durch Europa

Ernst: Ich denke ja, denn diejenigen, die jedes Jahr dem ESC-Finale entgegenfiebern, die brauchen an diesem Samstag einfach einen entsprechenden Ersatz – auch wenn das natürlich nicht dasselbe ist wie ein echtes Finale live aus Rotterdam. Aber man will sich einfach an dem Abend zusammen mit anderen vor dem Fernseher versammeln – wenn auch mit Abstand. Aber deshalb wird man gerade bei der ARD auch immer wieder Zuschauerinnen oder Fans einblenden.

Es gab ja auch schon Halbfinal-Shows im Netz und bei One, auch Songchecks, da spielte das eine große Rolle, Stichwort "World Wide Wohnzimmer". Denn es geht ja beim ESC ganz wesentlich um dieses Gemeinschaftsgefühl quer durch Europa. Und wenn man das schon nicht direkt vor Ort haben kann oder in einer größeren Gruppe vorm Fernseher – dann wird das wichtig sein, das über den Fernseher zu vermitteln, zumindest für die klassischen ESC-Fans.

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