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Kompressor | Beitrag vom 10.03.2021

"Eurotrash" von Christian KrachtPopliterat wider Willen

Eckhard Schumacher im Gespräch mit Timo Grampes

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Porträt des Schriftstellers Christian Kracht. (picture alliance / Geisler-Fotopress | Philipp Mertens)
Mit seinem neuen Roman "Eurotrash" knüpft Christian Kracht an sein Debüt "Faserland" an. (picture alliance / Geisler-Fotopress | Philipp Mertens)

"Faserland" gilt als Schlüsselwerk der Popliteratur, mit "Eurotrash" hat Christian Kracht nun eine Fortsetzung veröffentlicht. Wie viel Pop steckt da noch drin? Der Germanist Eckhard Schumacher meint: Vielleicht hat das Label nie wirklich gepasst.

Ein reicher Mittzwanziger reist von Sylt aus einmal quer durch Deutschland bis nach Zürich: 1995 erschien Christian Krachts Roman "Faserland", der längst zum Klassiker der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur avanciert ist.

Mit seinem neuen Roman "Eurotrash" hat der Schweizer Schriftsteller nun – ein Vierteljahrhundert später – eine Fortsetzung von "Faserland" veröffentlicht. Krachts Debüt gilt als Schlüsselwerk der Popliteratur. Passt das Label auch zu seinem neuen Roman? Was macht Popliteratur heute aus?

Die Anhäufung von Markennamen, der Gegenwartsbezug des Romans und die hedonistische Wohlstandsverwahrlosung des Ich-Erzählers in "Faserland" seien ehemals als Pop-Signale wahrgenommen worden, sagt der Literaturwissenschaftler Eckhard Schumacher. Im Diskurs über die Popliteratur sei der Roman dann als "idealtypisches Beispiel" und "Gründungstext" interpretiert worden. "Allerdings erst ein paar Jahre später", betont Schumacher. Denn der Begriff "Popliteratur" sei für "Faserland" erst aufgekommen, als eine Reihe von anderen Büchern, etwa von Benjamin von Stuckrad-Barre, erschienen sei.

Erinnern und Familie 

Ob Krachts neues Werk "Eurotrash" nun ebenfalls Pop ist, kann, findet Schumacher, nicht eindeutig beantwortet werden: Man könne genauso viele Gründe dafür finden, dass der Roman in eine ganz andere Richtung als "Faserland" ziele, meint der Professor für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Universität Greifswald.

Zwar habe "Eurotrash" einen Gegenwartsbezug und darin fielen – erstmals in einem Kracht-Roman – Wörter wie "Internet" und "E-Mail". "Aber ansonsten ist die häufigste Wortfolge im ganzen Roman ‚Ich erinnerte mich‘", so Schumacher. Außerdem gehe es in "Eurotrash" um eine Familiengeschichte – das sei fast ein Gegenentwurf zu Pop.

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Kracht sei ein Popliterat wider Willen, findet Schumacher. Als Schriftsteller habe Kracht sich nie aktiv und affirmativ auf den Begriff Popliteratur bezogen. Dennoch gebe es in Bezug auf Krachts Schreibweise und seine Art, sich im Literaturbetrieb zu bewegen, einen Zusammenhang. "Vielleicht ist es aber auch dieses Label Popliteratur, das nie wirklich gepasst hat oder unglücklich war, um diese Schreibweise überhaupt zu fassen", sagt Schumacher.

Die Nachfolger der frühen Popliteraten

Und die gegenwärtige Definition von Popliteratur? Er wäre vorsichtig, Popliteratur als ein Genre mit festen Kriterien zu begreifen, sagt der Germanist. Doch so, wie sich in den 1990er-Jahren Zusammenhänge zwischen den Texten von Christian Kracht, Rainald Goetz, Thomas Meinecke und Alexa Hennig von Lange ergeben hätten, gebe es auch im Moment eine Reihe von Autorinnen und Autoren, deren Romane zusammenzugehören schienen: etwa die Texte von Leif Randt, Joshua Groß, Juan S. Guse, Lisa Krusche, Julia Zange und Marius Goldhorn.

Ganz wichtig für diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller sei das, was bei Kracht in "Eurotrash" nur abgewiesen werde: Internet, Smartphones, Social Media und Computerspiele. Gemeinsam sei ihnen auch eine Faszination für die Gegenwart und die Reflexion darüber. Texte, die sich auf die Gegenwart fokussierten, hätten fast ein längeres Haltbarkeitsdatum als Texte, die versuchten, überzeitlich zu agieren, findet Schumacher: "Man erfährt wahnsinnig viel über die frühen 90er-Jahre, wenn man jetzt 'Faserland' liest."

(jfr)

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