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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 02.04.2020

Europas größte Goldmine in RumänienGraben oder nicht graben?

Von Thomas Kruchem

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Blick in einen alten Stollen aus der Römerzeit. (Thomas Kruchem)
Schon die Römer förderten hier Gold. Die alten Stollen gelten heute als einzigartiges Kulturdenkmal. (Thomas Kruchem)

Die größten Goldvorkommen Europas liegen in den rumänischen Karpaten. Doch um die 300 Tonnen Gold zu fördern, müssten Berge pulverisiert und mehrere Dörfer umgesiedelt werden. Dagegen kämpfen Bewohner und Aktivisten seit 20 Jahren - bisher mit Erfolg.

Roşia Montana, ein Dorf in den Karpaten Westrumäniens. 186 glitschige Stufen gehe ich eine spärlich beleuchtete Treppe hinab – um mich eine Schulklasse aus dem drei Stunden entfernten Timişoara.

Mit unserem Führer Valentin Rus betreten wir einen Stollen, dessen Querschnitt an ein Trapez erinnert. Valentin Rus erzählt: "Diesen Stollen haben vor 2000 Jahren die alten Römer gegraben, um Golderz zu fördern. Mit nichts als Hammer und Meißel arbeiteten die Römer. Ab dem 14. Jahrhundert wurde dann Schwarzpulver eingesetzt, ab Ende des 19. Jahrhundert Dynamit. Insgesamt 150 Kilometer alte Stollen haben wir hier – bis in eine Tiefe von 400 Metern."

Roşia Montana. Ein Dorf inmitten bewaldeter Berge, von Stollen durchlöchert wie Schweizer Käse. Hier liegen geschätzt 300 Tonnen Gold – die größten Reserven Europas. Hier betrieb man schon immer Bergbau und finanzierte so die Habsburger Monarchie ebenso wie den Diktator Ceauşescu. Nach dem Sturz des Diktators aber kam ein Oligarch mit einem Projekt, das die Existenz Roşia Montanas bedroht – bis heute.

Auch in dieser Podcast-Folge der Weltzeit: Der ehemalige Gesundheitsminister Rumäniens Vlad Voiculescu berichtet, wie es im Kampf gegen Corona um sein Land steht: "Etwa drei bis vier Millionen Rumänen arbeiten im Ausland, vor allem in Ländern wie Italien und Spanien. Hunderttausende von ihnen sind zurückgekehrt. Das hat in bestimmten Regionen im Nordosten die Ausbreitung des Virus beschleunigt, etwa in der Stadt Suceava. Dort sind ganze Abteilungen im Krankenhaus geschlossen, weil ein Großteil der Ärzte und Pfleger infiziert sind."   

Frank Timiş, einst – so heißt es – Mitarbeiter von Ceauşescus Geheimdienst Securitate, verurteilt als Heroindealer in Australien, heute Milliardär. Timiş hatte in Kanada das Bergbauunternehmen Gabriel Resources gegründet Und 1998 ergatterte er die lukrative Lizenz zum grenzenlosen Goldabbau in Roşia Montana: Gold für 15 Milliarden Euro plus 1600 Tonnen Silber.

Coronavirus-NewsletterFür einen gewaltigen Tagebau sollten vier Berge pulverisiert und drei Dörfer umgesiedelt werden. Timiş brachte sein Vorhaben an die Börse von Toronto und beteiligte geringfügig den rumänischen Staat. Bis heute allerdings hat Gabriel Resources nicht eine Unze Gold gefördert. Das verhindern seit mehr als 20 Jahren sture Dorfbewohner, Umwelt- und Denkmalschützer.

Die Mehrheit sei für die Mine, sagt der Bürgermeister

Das Rathaus von Roşia Montana betrete ich über eine regennasse und vereiste Treppe. Eugen Furdui, ein überaus freundlicher Mann, ist seit 2008 Bürgermeister des Dorfs und mehrerer eingemeindeter Weiler mit insgesamt 3000 Einwohnern.

Furdui kämpft für das Tagebauprojekt und begründet das so: "Jedes Land hat seine natürlichen Ressourcen. Und unsere sind halt die größten Goldreserven Europas. Dieses Gold zu fördern würde viel Geld nach Roşia Montana bringen. Wir könnten unser Dorf entwickeln, die Menschen müssten nicht in andere Länder gehen, um Jobs zu suchen."

Die Mehrheit im Dorf sei für das Projekt, sagt Furdui. Ebenso die Regierung. Leider jedoch seien da diese Protestler, die den Rechtsstaat missbrauchten. Nicht einmal einen gültigen Flächennutzungsplan habe das Dorf, weil Aktivisten gegen jeden Entwurf prozessierten.

Zu den Aktivisten zählt Jurka Sorin. Er ist ein pensionierter Bergbauingenieur, dessen Urgroßvater ein weißes Häuschen mit Holzöfen in allen Zimmern baute. Sorin ist ein Mann klarer Worte: "Ich habe 22 Jahre im Bergbau hier gearbeitet. Da weiß ich, was ein Projekt dieser Größenordnung für unser Dorf bedeutet. Es wäre kein Neuanfang, es wäre sein Ende."

Mit hochgiftigem Zyanid, Blausäure, wolle Gabriel Resources das Gold aus dem Gestein lösen, berichtet Jurka Sorin. 13 Millionen Tonnen Abraum wolle das Unternehmen in einem nahen Tal lagern, hinter einem 200 Meter hohen Steinwall. In der Stadt Baia Mare brach am 30. Januar 2000 ein solcher Wall. Zyanidschlamm verpestete die Donau, Millionen Fische starben, und mehrere Städte in Rumänien und Ungarn hatten tagelang kein Trinkwasser. Europas schwerste Umweltkatastrophe seit Tschernobyl – und Rumäniens Trauma.

Der Dorfplatz von Rosia Montana mit alten unrenovierten Häusern. (Thomas Kruchem)Das Minenprojekt brachte Streit in den kleinen Ort. (Thomas Kruchem)

Doch wenig später kamen Abgesandte von Gabriel Resources nach Roşia Montana, versprachen Arbeitsplätze und drängten die Leute, ihre alten Häuser herzugeben – gegen neue Häuser in der Kreishauptstadt Alba Iulia. Streit zog ein ins Dorf. Risse gingen durch Familien, weil viele verkauften, einige jedoch entschlossen das Haus ihrer Ahnen verteidigten, ihr Land, ihre Heimat. Die Kampagne "Rettet Roşia Montana" entstand.

Mit bei der Kampagne sind Umweltaktivisten wie Luminita Dejeu, die ich in einem Café der Stadt Cluj treffe. Sie erzählt: "Hunderte Schüler und Studenten voller Energie marschierten jahrelang immer wieder von Cluj nach Roşia Montana. Und auf ihrem Weg durchs Flusstal des Arieş erklärten sie den Menschen, welch katastrophale Auswirkungen die Goldmine auf die Umwelt und ihr Leben haben würde."

Luminita Dejeu erzählt mir auch von einer jungen Schweizerin, die 2003 nach Roşia Montana kam. Stephanie Danielle Roth – eine drahtige Frau mit tiefliegenden Augen.

"Stephanie ist eine Frau voller Energie und Optimismus", sagt Dejeu. "Sie tut, was sie sagt. Sie gibt nie auf, und du legst dich besser nicht mit ihr an. Sie hat uns gezeigt, wie man wirksam Widerstand organisiert. Als die rumänisch-orthodoxe Kirche zum Beispiel ihre Grundstücke in Roşia Montana an das Bergbauunternehmen verkaufen wollte, sagte Stephanie: "Okay. Wir gehen nach Bukarest und machen eine Mahnwache vor dem Hauptquartier der Kirche."

Klagen, Demonstrationen, Protestfestivals

Die Umweltjournalistin und -aktivistin Stephanie Roth verbrachte sieben Jahre in Roşia Montana. Heute lebt sie in Berlin. Auf der Suche nach Sinn in ihrem Leben sei sie in die Karpaten gereist, sagt sie ganz offen: "Es war schrecklich zu sehen, wie die Minenfirma die Menschen fast wie Hunde gehalten hat, denen man so ein Stück Fleisch hin wirft. Und das war für mich immer das, was mich eigentlich getrieben hat: diese Ungerechtigkeit, diese Arroganz, mit der die Minenfirma da hinkam und einfach gedacht hat, dass sie mit Geld alles kaufen können."

Stephanie Roth organisierte Großdemonstrationen in Cluj und Bukarest. Und sie organisierte Jahr um Jahr Protestfestivals in Roşia Montana – mit Theateraufführungen, Konzerten, Workshops und tausenden Besuchern. Aber sie weiß: "Die wichtigste Komponente der ganzen Strategie war, den rumänischen Staat zu verklagen. Denn ein Gerichtsbeschluss ist ein Gerichtsbeschluss. Und der rumänische Staat muss sich einfach dran halten."

Gegen jede Unkorrektheit in Flächennutzungsplänen, beim Umgang mit dem Denkmalschutz und Umweltverträglichkeitsprüfungen klagt die Bewegung "Rettet Roşia Montana" bis heute – finanziert durch Spenden und immer wieder mit Erfolg.

Das wohl wichtigste Verfahren drehte sich um einen Berg, ohne dessen Pulverisierung sich das Projekt von Gabriel Resources nicht lohnt. Stephanie Roth erzählt: "Dieser Berg Cârnic ist ein einzigartiger Ort. Also, da sind kilometerlange Römerstollen drin. Und die mussten, um diesen Berg in die Luft sprengen zu können, diesen Berg sozusagen entschützen. Also dieser Berg ist gelistet als kulturelles Monument im rumänischen Gesetz. Und als meine Kollegin Stefania davon gehört hat, hat ein langer Krieg angefangen, um eben zu beweisen, dass da Korruption drin war. Und schlussendlich, nach vielen, vielen Jahren Kampf, wir mussten bis zum höchsten Gerichtshof Rumäniens gehen, haben wir diesen Fall gewonnen."

Die Schweizer Aktivistin Stephanie Roth liebt, sagt sie, das Dorf Roşia Montana über alles – die Menschen und ihre Traditionen, die verfallenden Prachtgebäude, die wohlhabende Stollenbesitzer über Jahrhunderte errichteten. "Jeder Stollen hatte den Namen einer Familie, der der Familie gehört hat", erzählt sie. "Und so war das dann, wenn zum Beispiel eine Familie eine Tochter hatte und die kam ins heiratsfähige Alter, dann sind halt Vater und Bruder in den Stollen reingegangen und haben ein bisschen Gold rausgeholt, um die Aussteuer zu bezahlen. Dann ist man eben nach Budapest gefahren, um dort das alles einzukaufen und hat dort die schönen Paläste gesehen, im Barock oder im Rokoko, und hat gesagt: Ahh, das hätten wir auch ganz gern zu Hause. Und dann ist man nach Hause zurückgefahren und hat dann einem lokalen Handwerker ein paar Zeichnungen gezeigt und hat gesagt: 'Guck mal, das haben wir in Budapest gesehen, das hätten wir gern auch.'"

Die alte deutsche Schule ist baufällig

An diesem Morgen beleuchtet die Sonne verlassene Portale, Säulen und rissige Gemäuer am menschenleeren Dorfplatz. So viele Menschen seien weggezogen, sagt Adrian Petri, in dessen kleiner Pension ich übernachte. Er ist hier geboren, 32 Jahre alt und will unbedingt bleiben.

"Wir stehen hier im historischen Zentrum von Roşia Montana – im deutschen Viertel, das früher Berg genannt wurde", erzählt Petri. "Wir haben dort drüben auch ein ungarisches Viertel. Hier links sehen Sie das Sekely-Haus mit seinem wunderschönen barocken Dach. Dort rechts die alte deutsche Schule. Sie war die erste Schule überhaupt in Roşia Montana und gehört zu unserem kulturellen Erbe."

Seitliche Ansicht eines weißgestrichenen Gebäudes an einem Hang. Die Fensterscheiben sind zum Teil zersplittert und das Haus wird von Balken gestützt. (Thomas Kruchem)Die deutsche Schule war die erste Schule in Roşia Montana überhaupt. (Thomas Kruchem)

Die Außenmauer der deutschen Schule ist mit Balken provisorisch gestützt, das Glas vieler Fenster zersplittert. Auch im Dach klaffen Löcher. "Gabriel Resources hat ein Gebäude nach dem anderen aufgekauft – auch die unter Denkmalschutz", erklärt Petri. "Und leider haben wir in Rumänien kein Gesetz, das solche Gebäude wirklich schützt und die Eigentümer zwingt, sie zu renovieren. Sollen die ruhig zusammenbrechen – sagt man sich bei Gabriel Resources. Das liegt ja in ihrem Interesse."

Auch aus Trotz, sagt Adrian Petri, habe er in seine Pension investiert. Er unterstützt auch eine Initiative von Architekten und Archäologen, die die Gebäude-Ensemble des Dorfs retten wollen.

Roşia Montana könnte UNESCO-Weltkulturerbe werden

Achselzuckend erzählt Petri von der widersprüchlichen Politik der rumänischen Regierung gegenüber Roşia Montana. Er erzählt von abrupten  Kurswechseln, je nach dem wer gerade an der Regierung ist, von Streitigkeiten zwischen Kultur- und Wirtschaftsministerium.

So beantragte 2017 das Kulturministerium, Roşia Montana zum UNESCO-Weltkulturerbe zu erklären, was weiteren Bergbau hier unmöglich machen würde. Auf Druck des Wirtschaftsministeriums lag dann der Antrag drei Jahre auf Eis, bis ihn die Regierung Anfang 2020 plötzlich erneuerte. Die Entscheidung soll in diesem Jahr fallen. Neue Hoffnung keimt im Dorf, über dem noch immer das Damoklesschwert der Vernichtung schwebt.

Das kanadische Unternehmen Gabriel Resources nämlich hat, weil es sein Projekt bisher nicht umsetzen konnte, Rumänien auf 5,7 Milliarden US-Dollar Schadenersatz verklagt. Auf der Basis des rumänisch-kanadischen Investitionsschutzabkommens klagt das Unternehmen vor einem internationalen Schiedsgericht in Washington. Niemand weiß, wann und wie das geheim tagende Schiedsgericht entscheidet. Fest steht nur, dass der Schiedsspruch sofort rechtswirksam sein wird – und weltweit vollstreckbar. Möglich ist auch ein Vergleich, im Rahmen dessen Rumänien doch noch den Goldabbau erlaubt.

Strickwaren statt Gold

Den 27-jährigen Tica Darie aus Ostrumänien schreckt dies Damoklesschwert nicht. Mit seiner Lebensgefährtin hat er sich in Roşia Montana niedergelassen und ein Unternehmen gegründet. Sein Büro hat er in einem baufälligen Gebäude, das er nebenbei restauriert.

"Ich sah, dass es hier eine Menge Frauen gibt, die hervorragend stricken können", sagt Darie. "Frauen ohne Job, die von einer kleinen Rente oder Sozialhilfe lebten. Da fragte ich mich: Die können stricken. Könnte ich nicht ihre Produkte verkaufen? Vor fünf Jahren gründete ich dann mein Strickwaren-Unternehmen: Made in Roşia Montana. Übers Internet verkaufen wir jetzt Schals, Mützen, Pullis und – ich scherze nicht – Socken mit lebenslanger Garantie."

Tica Darie, der fast immer übers ganze Gesicht strahlt, lacht einmal mehr und deutet auf das Bild eines hübschen kleinen Mädchens an der Wand, gehüllt in Schal und Mütze aus seiner Kollektion. "Unsere Tochter ist in Roşia Montana geboren", sagt er. "Das erste Kind in über 30 Jahren, das hier zur Welt gekommen ist."

Als ich in diesen Tagen noch einmal mit Tica Darie telefoniere, höre ich im Hintergrund die zweieinhalbjährige Mira jauchzen. Noch einmal ist viel Schnee gefallen in Roşia Montana, und das kleine Mädchen auf seinem Schlitten haucht, so scheint es, den still daliegenden Straßen des Dorfs neues Leben ein.

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