Seit 07:00 Uhr Nachrichten
Mittwoch, 20.01.2021
 
Seit 07:00 Uhr Nachrichten

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 01.09.2015

Europas Elektroschrott in GhanaDer schlimmste Müllplatz Westafrikas

Von Alexander Göbel

Podcast abonnieren
Elektroschrott-Sammler auf einer Müllhalde im Stadtteil Agbogbloshie in der ghanaischen Hauptstadt Accra. (picture alliance / dpa / Jane Hahn)
Elektroschrott-Sammler auf einer Müllhalde im Stadtteil Agbogbloshie in der ghanaischen Hauptstadt Accra (picture alliance / dpa / Jane Hahn)

Elektroschrott aus der EU und den USA landet illegal auf einem riesigen Schrottplatz mitten in Ghanas Hauptstadt Accra. Er gilt als der schlimmste Müllplatz Westafrikas. Rund 500 Kinder sammeln hier Verwertbares - und ruinieren dabei ihre Gesundheit.

Agbobloshie - ein Stadtteil von Ghanas Hauptstadt Accra. Hier liegt die größte Müllhalde für Elektroschrott in Westafrika. Ein riesiges Gelände am Rande einer ölverdreckten, stinkenden Lagune.

Überall brennen alte Elektrogeräte: Kühltruhen, Fernseher, Drucker, Computer. Grellgrüne Flammen steigen meterhoch auf. Dazu dicker, schwarzer Qualm. Schwefel beißt in meinen Augen. Das Atmen fällt schwer. Mein Kopf dröhnt. Die Haut juckt. Auf der Zunge liegt ein metallischer Geschmack.

Der verseuchte Boden ist heiß. Nach kurzer Zeit lösen sich die Sohlen meiner Schuhe ab. Der Rauch von den verbrannten Fernsehern und Rechnern ist so schwarz, dass man die Sonne nicht mehr sieht. Und man bekommt auch keine Luft mehr.

Überall sind Kinder und Jugendliche damit beschäftigt, den Schrott auszuschlachten. Etwa 500 sollen es regelmäßig sein. Sie schmelzen Kabel und Platinen, wollen ran an das Metall, das hier verarbeitet ist: Kupfer, Aluminium, Blei.

Schuften für das Schulgeld

Peter, elf Jahre alt, mit Plastiksandalen und zerrissenem T-Shirt, wirft eine Kühlschrank-Isolierung in die Flammen. Mit einem Stein zertrümmert er alte Bildschirme. Manchmal zieht er auch einen Lautsprechermagneten hinter sich her. Daran bleiben immer ein paar Metallteile haften: Platinen, Schrauben, Kupferdrähte. Die könne er bei den Händlern verkaufen, sagt Peter. Seine Stimme verrät, wie krank ihn seine Arbeit macht.

"Was ich verdiene, gebe ich meiner Mutter. Sie bezahlt damit meine Schulbücher und den Lehrer."

Wenn er einen Cedi für seinen gesammelten Metallschrott bekommt, ist er zufrieden. Mit zwei Cedi - nicht einmal einem Euro - wäre er richtig glücklich.

Der Elfjährige zeigt seine von Glas und scharfen Metallkanten zerschnittenen Arme und Beine. Die Wunden sind entzündet. Und er klagt über Kopfschmerzen. Wie extrem giftig die Dämpfe sind, die er jeden Tag einatmet, weiß er nicht. Er weiß nur, dass viele Kinder auf dem Schrottplatz deswegen keine Luft mehr bekommen und Blut spucken. Manche, erzählt Peter, hätten auch Probleme mit den Augen.

Auch seine Geschwister arbeiten hier. Peters Mutter verkauft Süßigkeiten an der Straße. Wo sein Vater ist, weiß er nicht.

Illegaler Müllhandel

Seit mehr als zehn Jahren gibt es die Müllhalde Agbobloshie. Um das Gelände herum hat sich eine ganze Stadt von Läden entwickelt, in denen alte Elektrogeräte gehandelt werden. 15 bis 20 Prozent funktionieren vielleicht, sagt der Umweltaktivist Mike Anane. Der Rest lande bei den Schrotthändlern oder bei den Kindern.

"Der LKW da vor uns ist voll mit Kühlschränken. Alles Schrott. Alles aus dem Westen. Dort will sie niemand mehr. Hier lädt man sie einfach ab. Das ist ein Skandal. Tonnenweise kommt das Zeug hier an. 500 Container-Ladungen. Aus den USA, Schweden, Deutschland, Finnland, von überall her. 500 Container pro Monat!"

Das Baseler Übereinkommen, das auch Deutschland unterschrieben hat, verbietet den Export von technischem Schrott aus Europa. Doch Recycling nach EU-Standards ist teuer. Das Geschäft mit Second-Hand-Ware ist in Afrika lukrativ. Ob die Geräte, die nach Afrika verschifft werden, auch tatsächlich funktionieren, spielt für rücksichtslose Händler keine Rolle. In den Häfen in Europa würden die Geräte eben kaum getestet und kontrolliert, sagt Mike Anane.

Außerdem hielten am Hafen von Accra korrupte Zollbeamte gerne die Hand auf, um den Schrott durchzuwinken.

"Die Industrieländer, die EU, sie wissen natürlich, wo ihr Elektroschrott ist. Es wird illegal hierher transportiert. Und jeder weiß, dass Ghana keine Möglichkeiten hat, diesen Müll entsprechend zu entsorgen. Es ist eine moralische Frage, ob man den Schrott dann trotzdem hierher bringt. Wenn Europa den Elektromüll nicht will, ist das eine Sache, aber dann sollte Ghana ihn nicht abbekommen."

Kurz vor Sonnenuntergang stolpere ich noch über die Reste eines alten Kopiergerätes. Ein Stempel verrät: Es stammt aus Köln. Auf einem Aufkleber an der Seite ist zu lesen:

"Dieses Gerät ist für den Gebrauch von recyclebarem Papier geeignet."

Mehr zum Thema

Portal "Millenniumsziele"

Reihe UN-Millenniumsziele - Die Weltverbesserungsagenda
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 31.08.2015)

Reihe UN-Millenniumsziele - Zahlen, Daten, Interpretationen
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 31.08.2015)

Kommentar zu UN-Millenniumszielen - "Es wird nicht besser!"
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 31.08.2015)

Zeitfragen

WasserstoffEnergieträger der Zukunft?
Zwei Auflieger mit Wasserstofftanks stehen im Energiepark Mainz an der Wasserstofftankstelle. (Picture Alliance / dpa / Andreas Arnold)

Lange Zeit gehypt als Mittel zur Lösung aller Energieprobleme, ist es um Wasserstoff stiller geworden. Abschreiben sollte man den einstigen Hoffnungsträger jedoch noch nicht: Denn es wird weiter geforscht, getestet und zur Anwendung gebracht. Mehr

GeldwäscheWie aus schmutzigem Geld sauberes wird
Beschlagnahmte Euroscheine liegen in Bündeln auf einem Tisch. (Imago / Global Images / Pedro Correia)

50 bis 100 Milliarden Euro: So viel wird allein in Deutschland pro Jahr an Geld gewaschen. Das meiste davon nicht durch organisierte Kriminalität, sondern durch Steuerhinterziehung. Und auch ganz normale Bürger sind beteiligt - ohne es zu merken.Mehr

Anders LebenFreiheit durch weniger Konsum
Illustration: Viele Leute tragen Einkaufstaschen.  (imago-images / Jens Magnusson)

Weniger kaufen ist in Zeiten des Klimawandels ein großes Thema, wird oft aber als Einschränkung und Verzicht angesehen. Menschen, die bereits "anders" leben, empfinden es jedoch vielmehr als Befreiung – und sehen darin ein Zukunftsmodell.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur