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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 24.06.2017

Europäischer Trauerakt für Helmut KohlEhrung mit Beigeschmack

Von Annette Riedel

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Vor dem Haus des früheren Bundeskanzlers Helmut Kohl haben Passanten Blumen niedergelegt. Oggersheim, 19.6.2017. (imago / Pacific Press Agency)
Helmut Kohl wollte keinen Staatsakt in Deutschland zu seinem Begräbnis. (imago / Pacific Press Agency)

Deutschland schuldet dem verstorbenen Helmut Kohl einen Staatsakt, meint Annette Riedel. Auch wenn ihn der Altkanzler gar nicht gewollt haben soll. Insofern sei der europäische Trauerakt für Kohl zwar ein großartiges Symbol, aber eins mit Beigeschmack.

Was für ein großartiges Symbol! Helmut Kohl – einer von nur drei Ehrenbürgern Europas – bekommt als erster Politiker überhaupt einen hochoffiziellen Trauerakt im Europäischen Parlament. In Straßburg. In Frankreich. Der Sarg mit den sterblichen Überresten des Altkanzlers gehüllt in eine europäische Fahne. Eine wunderbare, eine durchaus angemessene, eine berührende Würdigung für einen Mann, dem selbst politische Konkurrenten und Kritiker eines nicht absprechen werden: Dass er den europäischen Einigungsprozess wie kaum ein anderer vorangetrieben hat. Vom Aussöhnungsprozess mit Ex-Erzfeind Frankreich ganz zu schweigen. 

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) (dpa /Uwe Anspach)Altbundeskanzler Helmut Kohl hat vielen in seinem Umfeld auch in späten Jahren nicht verziehen. (dpa /Uwe Anspach)

Auch wenn es in Straßburg keinen Staatsakt geben kann, schon allein deshalb nicht, weil die EU bekanntlich kein Staat ist, so wird diesem Akt des Trauerns doch ein wesentlicher Kern eines Staatsaktes für einen Toten zu Eigen sein: Die im besten Falle identitätsstiftende Selbstvergewisserung der Trauernden. Die durch diverse Krisen mächtig gebeutelte Europäische Union kann es brauchen. 

Helmut Kohl hat nicht nur vereint, sondern auch polarisiert

Dass es offenbar Helmut Kohls letztem Willen entspricht, zuallererst als deutscher Europäer und nicht als europäischer Deutscher geehrt zu werden, bewegt. Wiewohl das eine schöne, eine passende Geste ist, das Nichtzustandekommen eines nationalen Staatsakts in Deutschland  zeigt aber noch einmal deutlich, dass Helmut Kohl eben nicht nur der große "Vereiniger" war. Er hat auch gespalten. Oft polarisiert. Manchmal verwundet. Politisch und privat.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) eröffnet am 22.06.2017 die Sitzung des Deutschen Bundestages in Berlin mit einer Rede zum Gedenken an den verstorbenen ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. (dpa-Bildfunk / Bernd von Jutrczenka)Bundestag - Gedenken an Helmut Kohl (dpa-Bildfunk / Bernd von Jutrczenka)

Dass es in Deutschland diesen Staatsakt nicht geben wird - anders als bei anderen Ex-Bundeskanzlern selbstverständlich und zuletzt beim Tode von Alt-Bundespräsident Herzog – ist Ausdruck dafür, was Kohls Leben in den letzten zwei Jahrzehnten ebenfalls geprägt hat: der Familienzwist. Innerhalb der politischen Familie mit seiner Partei über die Spenden-Affäre genauso wie gekennzeichnet durch das Zerwürfnis mit seinen Söhnen. Kohl hat in beiden Fällen nicht vergeben können oder wollen. Schon gar nicht vergessen. Und deshalb hat er selbst einen Staatsakt in Deutschland, wie es heißt, nicht gewollt. Und deshalb lässt Deutschland diesen seinen Alt-Kanzler ohne Staatsakt die letzte Ruhe finden.

Deutschland schuldet dem "Kanzler der Einheit" einiges

Man muss dem CDU-Politiker politisch nicht mal zugeneigt gewesen sein. Man kann sogar zu denjenigen gehören, die behaupten, dass es der historische Zufall der Ereignisse und nicht in erster Linie Kanzler Kohls persönlich-politisches Verdienst war, dass es zur deutschen Vereinigung kam. Aber er hat es auch nicht vermasselt, sondern die Gunst der Stunde beherzt genutzt. Und dafür schuldet Deutschland Helmut Kohl einiges. Letztlich auch einen Staatsakt zu seinem Tode. Und wäre es notfalls gegen dessen erklärten letzten Willen und/oder den der Hinterbliebenen gewesen. Der Staatsmann Kohl – nicht der kranke, teils verbitterte Herr Kohl der letzten Jahre - er hätte das wahrscheinlich sogar verstanden: Staatsraison vor privaten Befindlichkeiten eben. 

Letzte Ehre für den Ehrenbürger Europas

 Historische Geste: Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand (l) und Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich am 22.9.1984 über den Gräbern von Verdun die Hand.  (picture-alliance / dpa / Wolfgang Eilmes)Historische Geste: Der französische Staatspräsident Francois Mitterrand (l) und Bundeskanzler Helmut Kohl reichen sich am 22.9.1984 über den Gräbern von Verdun die Hand. (picture-alliance / dpa / Wolfgang Eilmes)

In der Öffentlichkeit  - auch in der interessierten internationalen – dürfte es schon einiges Befremden auslösen, dass es nun nach dem europäischen Trauerakt in Straßburg ausgerechnet für den "Kanzler der Einheit" in Deutschland "nur" ein Requiem im Dom zu Speyer gibt. Und eine kleine militärische Zeremonie. Und das alles, so muss es scheinen, wegen des Streits um Formalien und wegen persönlicher Befindlichkeiten. Das hat in der Tat einen mehr als traurigen Beigeschmack.

Und doch ist der Speyrer Dom ein passender, ein würdiger (und war Helmut Kohl zu Lebzeiten ein sowohl naher als auch wichtiger) Ort, um seiner noch einmal zu gedenken, bevor er beerdigt wird. Staatsakt hin oder her - die Diskussion darüber endet hoffentlich deutlich vor dem 1. Juli. Was bleiben sollte, in Kohls Sinne, in Deutschlands Sinne, im Sinne der Europäischen Union: Europa erweist einem Ehrenbürger Europas seine letzte Ehre. Ein wahrlich großartiges Symbol. Eines, das vielleicht sogar ein wenig Auftrieb für den in den letzten Jahren ins Stocken geratenen europäischen Einigungsprozess bringt. 

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