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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.01.2014

Europäischer RealismusEin famoser Schurke

William Makepeace Thackeray: "Die Memoiren des Barry Lyndon"

Von Rainer Moritz

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(picture-alliance/ dpa)
Zeitgenössisches Porträt des englischen Schriftstellers William Makepeace Thackeray (picture-alliance/ dpa)

Neben Charles Dickens und George Eliot ist William Thackeray der bedeutendste englischsprachige Romancier des Viktorianischen Zeitalters. Jetzt hat der Manesse Verlag den Roman "Memoiren des Barry Lyndon" neu herausgebracht.

Mit der Popularität seines Landsmanns (und Konkurrenten) Charles Dickens kann es William Thackeray zumindest im deutschsprachigen Raum nicht aufnehmen. Hier geht die Kenntnis seines Werkes selten über den Roman "Jahrmarkt der Eitelkeit" hinaus. Obwohl die - 1844 zuerst als Fortsetzungsroman und 1856 in Buchform erschienenen - "Memoiren des Barry Lyndon" zwar 1975 durch Stanley Kubricks Verfilmung einiges an Aufmerksamkeit erfuhren, blieben sie ein ungehobener Schatz. Die Ausgabe des Manesse Verlags bietet nun eine großartige Gelegenheit, dieses Manko zu beheben: Dank einer lebendig-präzisen Übersetzung von Gisbert Haefs, eines detaillierten Anmerkungsapparats und eines profunden Nachworts von Hanjo Kesting.

Thackerays Zeitgenossen brachten dem Roman wenig Sympathie entgegen. Das hat viel damit zu tun, dass sein irischer Held Redmond Barry, der sich nach der Heirat mit der reichen Witwe Honoria Gräfin Lyndon Barry Lyndon nennt, ein erkleckliches Maß an unangenehmen Eigenschaften besitzt, sich um Moral und Kultur wenig schert, notfalls Brutalität an den Tag legt - und die letzten knapp zwanzig Lebensjahre im Londoner Fleet-Gefängnis verbringt. Thackerays genialer Kunstgriff besteht darin, Barry Lyndons abenteuerliche, quer durch das Europa zwischen 1760 und 1785 führende Geschichte als fiktive Autobiografie anzulegen.

Historischer Roman und Schelmenroman in einem

Der an "Gicht, Rheumatismus, Grieß und einer zerrütteten Leber" leidende Lyndon nutzt die Gefängnismuße dazu, seine Heldentaten zu resümieren - und lässt keinen Zweifel daran, dass er zu den "besten Gestalten" gehört, "die die Welt je gesehen hat". Nach einem fingierten Duell früh dazu gezwungen, seine Heimat zu verlassen, zieht es den geborenen Aufschneider auf den europäischen Kontinent. Er nimmt am Siebenjährigen Krieg teil, reüssiert alsbald als Glücksspieler, häuft Reichtümer an, verliert sie wieder, überzeugt nach einer sich grandios in die Länge ziehenden Werbung die vermögende Gräfin Lyndon davon, ihn zu ehelichen, und ergattert sogar einen Sitz im Parlament - ehe sein von herben Schicksalsschlägen begleiteter Abstieg beginnt.

Inspiriert von realen Vorbildern, aber auch von den Lebensgeschichten Giacomo Casanovas und Beau Brummells, sind die "Memoiren" (Anti-)Bildungsroman, historischer Roman und Schelmenroman in einem. Sie ziehen ihre übergreifende Pointe daraus, dass der prahlende Autobiograf das Musterbeispiel eines Erzählers ist, dem nicht über den Weg zu trauen ist - und es somit beim Leser liegt, das Berichtete einzuschätzen und selbstständig zu einem Urteil über den famosen Schurken Lyndon zu kommen. Thackeray brilliert hier nicht zuletzt durch einen funkelnden satirischen Witz, einen quasi kosmopolitischen Zugriff und einer ausschweifenden Lust an Milieubeschreibungen. Keine Frage, es gilt, einen großen Roman des europäischen Realismus zu entdecken.

William Makepeace Thackeray: Die Memoiren des Barry Lyndon
Aus dem Englischen übersetzt von Gisbert Haefs
Mit einem Nachwort von Hanjo Kesting
Manesse Verlag, Zürich 2013
768 Seiten, 24,95 Euro


 

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