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Zeitfragen | Beitrag vom 11.02.2019

EuropaNachbarschaftspflege auf dem Polenmarkt Hohenwutzen

Von Isabella Nadobny

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Stände in der Haupthalle des Polenmarkts Hohenwutzen: Hier werden Textilien verkauft. (Isabella Nadobny)
Haupthalle des Polenmarkts Hohenwutzen: Hier werden Textilien verkauft. (Isabella Nadobny)

Der sogenannte Polenmarkt Hohenwutzen liegt direkt hinter der deutschen Grenze, genauer bei Osinów Dolny. Viele kommen wegen der günstigen Zigaretten oder der eingelegten Gurken. Doch Europa bedeutet den Menschen vor Ort mehr als das, zeigt ein Besuch.

Der Bus ruckelt schwerfällig durch den dichten Verkehr, vorbei an grauen Betonbauten mit ein bisschen bunt dazwischen. Die Reise geht von Berlin ostwärts, nach Polen. Genauer: Zum sogenannten Polenmarkt Hohenwutzen. Obwohl der gar nicht in Hohenwutzen liegt, sondern auf der polnischen Seite bei Osinów Dolny. Mit an Bord sind heute nur wenige Fahrgäste. Was treibt sie an diesem trüben Tag ins Nachbarland?

"Fahre häufiger zum Polenmarkt."       
"Weswegen fahren Sie heute hin?"      
"Wir kaufen Zigaretten."            
"Und sonst noch etwas?"          
"Ja, bloß bei dem Wetter bleibt man nicht so gerne lange, da fährt man bloß hin und wieder zurück. Aber im Sommer ist eigentlich schön."          
"Und was gibt es da sonst so?"
"Jahreszeitenabhängig. Wenn Spargelzeit ist, dann bekommt man den Spargel da billiger. … Fahre überwiegend wegen Tabak hin."        
"Was erwartet ihr, was ihr da zu sehen bekommt?"     
"Viele Zigaretten."         

Das stimmt wohl… Aber sind es nur Schnaps und Zigaretten, die uns die grenzlose Nachbarschaft beschert hat?          

Beheizte Markthalle mit über 200 Ständen

Nach etwas über einer Stunde passiert der Bus die seit dem Schengen-Abkommen durchlässige Grenze ohne Kontrolle. Der Bus hält auf einem Parkplatz. Der Markt befindet sich auf dem Gelände und in den Gebäuden einer ehemaligen Papierfabrik. Ein Banner bewirbt die beheizte Markthalle mit über 200 Ständen.

Die Haupthalle ist unglaublich hoch. Bestimmt 15 Meter. Von der Decke hängen an Drahtgeflechten Leuchtstofflampen, die die Waren in ein kaltes Licht tauchen. An Metallstangen hängen Jacken, Pullover und bunte Regenschirme. Ein großes Schild an der anderen Seite der Halle preist an: Griffe, Haken und andere Zusatzstoffe. Es gibt offenbar nichts, was es hier nicht gibt…

"Hier kann man besonders gut Backwaren einkaufen", sagt eine Marktbesucherin. "Uhren, Kleidung, Schmuck, Lampen, man kann alles kaufen bis hin zu Deko für die Wohnung. Das macht schon Spaß. Und Cafés haben wir hier auch."        

Polenmarkt Hohenwutzen: Bis 1939 war hier eine Papierfabrik. (Isabella Nadobny)Polenmarkt Hohenwutzen: Bis 1939 war hier eine Papierfabrik. (Isabella Nadobny)

Während die einen dem Konsumrausch nachgehen, bedeutet der Marktalltag für andere Broterwerb.             

Sie arbeitet hier schon seit 18 Jahren, sagt eine Verkäuferin. Seit kurzem ist sie Rentnerin, aber sie muss dazuverdienen, weil das Geld nicht reicht. Im europäischen Vergleich ist Polen immer noch ein Niedriglohnland. Erst seit Januar gilt ein Mindestlohn von 13,70 Zloty pro Stunde, etwas über drei Euro.          

Die Deutschen freuen sich über das deftige Essen

Außerhalb der Halle sind die Gänge mit Namen versehen. Ich stehe mitten auf dem "Ku’damm". Der sieht in Berlin natürlich anders aus ... Hier befinden sich Marktstände mit Lebensmitteln.      

Eine Verkäuferin, die ich anspreche, hat ihren Stand schon seit neun Jahren. Die meisten Besucher kämen aus Deutschland, sagt sie. Und sie mögen besonders das deftige Essen. Die Deutschen begeisterten sich besonders für die eingelegten Gurken mit Knoblauch. Die seien nicht zu vergleichen mit den gewöhnlichen deutschen Gewürzgurken.         

Beleuchtete Stände mit Zigaretten und Erotik-Artikeln auf dem Polenmarkt Hohenwutzen (Isabella Nadobny)Beleuchtete Stände mit Zigaretten und Erotik-Artikeln auf dem Polenmarkt Hohenwutzen (Isabella Nadobny)

Nebenan ist ein weiterer Stand mit Lebensmitteln. Sebastian arbeitet hier seit 22 Jahren. Er verkauft Obst, Gemüse, Alkohol und Zigaretten. Zwei dicke Karpfen schwimmen in einem trüben Becken. Ich kaufe Süßigkeiten, die ich aus meiner Kindheit kenne, Pflaumen in dunkler Schokolade und Ptasie Melczko. Übersetzt bedeutet das: Vogelmilch. Das fand ich als Kind schon unglaublich lustig.

Die Leute kommen aus ganz Deutschland zum Markt, erzählt Sebastian und sie kaufen alles: Obst, Gemüse… Auch Honig, der hier billiger ist.         

Die offenen Grenzen würden vieles vereinfachen, kein langes Warten mehr, keine umständlichen Passkontrollen. Ich frage, ob er sich als Europäer fühlt. Er sagt, er sei Pole, aber als Pole würde er zur Gemeinschaft der EU gehören.       

"Der Nutzen liegt auf beiden Seiten"

Günstig einkaufen, ist das alles, was die Deutschen ins Nachbarland zieht? Nein, sagt die Verkäuferin vom Stand gegenüber. Viele Leute kämen auch mit Wohnwagen in die Gegend. Man könne umsonst an der Oder zelten und die Gegend mit Fahrrädern erkunden.

Also profitiert Polen von den offenen Grenzen? Der Nutzen liegt auf beiden Seiten, sagt sie. Die Polen hätten Arbeitsplätze im Grenzgebiet und die Deutschen würden die Ausflugsmöglichkeiten genießen. Für sie ist es gut, dass Polen in der EU ist. Die Polen an sich seien sehr zufrieden in der EU, anders als manche Politiker.

Im hinteren Bereich des Marktes sind viele Stände geschlossen, es sind in dieser Jahreszeit nicht so viele Besucher da. Die Gänge wirken verlassen und trist. An einem der seitlichen Ausgänge finde ich einen Zigarettenverkäufer. Fühlt er sich zugehörig zur EU?

Europa bedeutet für ihn offene Türen in die Welt. Die Freiheit, überallhin reisen zu können. Das sei so wertvoll, dass man eine Welt-Union erschaffen sollte, so dass alle miteinander verbunden wären. Eine Welt-Union. Keine Grenzen. Keine Abschottung. Ein gemeinsames Ganzes.

Ich bin wieder bei Sebastian am Stand und komme zurück zu den Klischees… Ich lasse mich über den besten Wodka aufklären. Er empfiehlt mir den Wodka mit Kirschgeschmack. Der sei sehr gut.

Der Tag geht dem Ende entgegen, der Markt wird langsam abgebaut. Ich war auf der Suche, glaubte zu wissen, was mich erwartet und habe doch mehr gefunden, als ich dachte: Es gibt sie doch noch, die europäische Verbundenheit.

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