Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
Mittwoch, 21.04.2021
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 25.09.2016

EuropaInterrail in Krisenzeiten

Von Tina Hüttl

Reisende warten auf den nächsten Zug. (Deutschlandradio / Tina Hüttl)
Warten auf den nächsten Zug. (Deutschlandradio / Tina Hüttl)

Europa mit dem Zug - das ist nach wie vor populär. Die Zahl der verkauften Interrail-Pässe ist seit 2005 stark gestiegen, allein 2015 wurden 250.000 Stück verkauft. Aber wie lange noch? Zumal das grenzenlose Europa auseinanderbricht und der Brexit bereits beschlossene Sache ist? Ist die Verheißung von einst der Ernüchterung gewichen?

Die Dame im Reisezentrum reicht eine kostenlose Landkarte. Darauf sind Europas Länder in hübsche Pastelltöne aufgeteilt, engmaschig durchzogen von einem Netz aus roten, grünen und lila Bahnstrecken. 1,5 Millionen Tickets sind allein in Deutschland verkauft worden, seit Interrail existiert. Die Deutschen sind demnach nach den Briten die Hauptnutzer.

Und wir Europäer sind verwöhnt. Junge Menschen halten es heute für selbstverständlich, dass sie ihre Meinung offen sagen und innerhalb der EU reisen, studieren und arbeiten können – und zwar pass- und grenzenlos. Auf der Interrailkarte ist östlich von Polen viel Weiß zu sehen: In Russland, der Ukraine, Litauen, Lettland enden die hübschen Pastelltöne und das bunte Streckennetz. Was, wenn bald Schluss ist mit dem grenzenlosen Reisen, Studieren und Arbeiten?

In vielen EU-Staaten herrscht eine starke Anti-Europa-Stimmung: In Holland und Tschechien diskutieren sie ein Austritts-Referendum, England hat in diesem Sommer für den Brexit gestimmt. Und in Polen, Ungarn und Dänemark fahren sie eine rechte Abschottungspolitik.

Für 292 Euro durch sieben Länder

Leon Morelli ist auf dem Weg nach Hause. 7800 Kilometer ist er Zug gefahren  - durch England, Schottland, Holland, Frankreich, Skandinavien, Polen und Österreich. Er hat dafür 1500 Euro plus die 292 Euro für den Interrailpass ausgegeben. Viel billiger geht einen Monat lang Reisen nicht.

Leon Morelli mit Reisetagebuch. Morelli sitzt im Zug.  (Deutschlandradio / Tina Hüttl)Leon Morelli mit Reisetagebuch. (Deutschlandradio / Tina Hüttl)

Vorgestern noch war er in Warschau, erzählt er einer jungen Österreicherin, die er eben erst getroffen hat. Im Gegensatz zum polnischen Nachtzug kommt ihm die schmale Sitzbank hier wie ein Traum vor: 

"Das war genauso wie man sich einen polnischen Zug vorstellt. Das war so ein Harry Potter Abteil. Genau vier Sitze, wir vier große Jungs haben uns da reingequetscht und versucht zu schlafen. Wir haben versucht, dass wir irgendwie liegen können. Und dann habe ich mich hingelegt und meine Beine ans Fenster gelegt – und dann nach vier Stunden in der Position hat irgendwann mein Körper in Notmechanismus geschaltet und ich bin vom Sitz gefallen, weil meine Beine komplett blutentleert waren. Da war nichts mehr drin! Ich habe sie nicht mehr gespürt."  

Wer einmal Interrail gemacht hat, wird ein Leben lang davon zehren, Freunden, später Kindern und Enkeln davon erzählen. Leon sieht müde aus, kann aber gar nicht aufhören zu reden. Jedes Detail messerscharf im Gedächtnis – da ist so viel, was raus muss. Er scheint in diesem wunderbar euphorischen Zustand, wie man ihn wohl nur nach einer körperlichen Verausgabung erlebt, die gleichzeitig extrem beglückt.

Ein junger Mann schläft an einem Bahnhof.  (Deutschlandradio / Tina Hüttl)Schlafplatz Bahnhof (Deutschlandradio / Tina Hüttl) 

Begeistert von den Briten, beschimpft von Franzosen 

Durchfahrene Nächte, kaputte Duschen im Hostel, ein Junkie in Birmingham als Zimmernachbar – es gibt sicherlich bequemere Wege zu Reisen als Interrail. Kaum aber einen Weg mehr zu erleben und zu verstehen.

Leon hat eine Art Reisetagebuch geführt. Zeichnungen, eingeklebte Eintrittskarten von Clubs, Museen, Notizen übers Essen, Mailadressen von Leuten, die er kennengelernt hat. Von England und den Engländern spricht er begeistert - trotz ihres Votums für den Brexit.  Nur 13 Pfund hat das Hostel mitten in London gekostet, viel billiger als das in Stockholm.

Trotzdem hat es ihm dort gefallen. Einige Franzosen dagegen haben ihn genervt, ihn sogar einen Nazi genannt.

"Gerade die skandinavischen Frauen mögen sich alle sehr sehr gerne selber und präsentieren sich auch so. Sie haben sich gerne, mögen aber auch alle um sich herum gern. Die waren für mich die offensten. Die Franzosen waren für mich zum Beispiel das komplette Gegenteil – das war sehr schwierig in Frankreich. Als wir angekommen sind in der Rezeption der Jugendherberge, hieß es: Where are you from? Habe gesagt: Germany. Da haben wir gehört: Ah Germany! You are a Nazi! Ja, wenn man sich im Ausland als Deutscher outet ist man immer noch der Nazi oder das Arschloch. Ich finde es scheiße."

Wie so viele Rucksacktouristen hat Leon Listen erstellt: das beste Essen, die komfortabelsten Züge, die schönsten Städte und Frauen - all diese Vielfalt, die Europa ausmacht, und von dem EU-Kritiker gerne behaupten, die da in Brüssel wollten doch nur alles gleichmachen. 

"Ich habe Europa vorher als Großes, Ganzes gesehen, so wie wir es in der Schule lernen. Und auch gelernt haben. Und so, wie wir es auch alle im Kopf haben sollten. Aber ich habe auf der Reise festgestellt, dass es gar nicht so ist. Überhaupt nicht. Nicht mal im Ansatz."

Vor allem aber ist ihm eins aufgefallen - so banal es auch klingt: Wie nett die Menschen überall sind.  Wer einmal von einem wildfremden Polen zum Essen eingeladen wurde, weil er gerade etwas verloren am Bahnhof rumstand, wird vielleicht nie wieder pauschal auf die Polen als Sozialschmarotzer schimpfen. Wer einmal mit ein paar etwas netteren Franzosen die Nacht durchfeierte  – für den hat vielleicht gerade seine lebenslange Liebe zu diesem Land begonnen. 

Ein Interrailticket zum 18. Geburtstag?  

Inzwischen sind bald neun Millionen Menschen per Interrail quer durch Europa getourt. Was wäre, wenn  jedes Land ihrer Jugend einen Interrail-Pass in die Hand drückt, zum 18., als Geburtstagsgeschenk? Wie dächte Geert Wilders, Frauke Petry, Marine Le Pen heute? Gäb es sie und ihre Parteien überhaupt? Nichts eignet sich jedenfalls besser, um Ängste und Vorurteile abzubauen.

Mittlerweile denkt man sogar innerhalb des Europäischen Parlaments laut darüber nach: Manfred Weber, Fraktionschef der Europäischen Volkspartei im Europäischen Parlament, hatte die Idee von einem Gratis-Interrail-Ticket kürzlich im EU-Parlament ausgesprochen. Italiens Premierminister Matteo Renzi findet den Vorschlag sehr "interessant". Und "Machen!", sagte auch Alexander Graf Lambsdorff, Vizepräsident des Europaparlaments.

___________________________________________________________________________

Journalistin Tina Hüttl (privat)Journalistin Tina Hüttl (privat)Tina Hüttl: "Mit der Reportage habe ich etwas nachgeholt, was ich versäumt habe. In meiner Jugend war ich nie mit Interrail unterwegs – leider.  Einmal so frei zu sein und einfach nur reisen zu können, ist großartig. Als ich in München aus dem Zug aus Ungarn stieg, fühlte ich mich in bisschen wie Leon, vollgestopft mit Erlebnissen, glücklich und erschöpft."

Mehr zum Thema

Internet-Dienste - Mitfahrgelegenheit.de wird zu BlablaCar
(Deutschlandfunk, Wirtschaft am Mittag, 31.03.2016)

Hunsrück-Airport Hahn - Mit dem Flieger auf den Bauernhof
(Deutschlandfunk, Deutschland heute, 23.09.2015)

Grenzen - Europäischer Bahnverkehr hakt
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 11.12.2014)

Bahn reduziert Angebot - Der letzte Nachtzug nach Paris
(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 14.12.2014)

Auf Reisen gehen
(Deutschlandradio Kultur, Neonlicht, 05.08.2012)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Die Reportage

Winterbergtunnel in FrankreichDas Ende der Totenruhe
Soldatenfriedhof (Deutschlandradio / Bettina Kaps)

Ein verschollen geglaubter Tunnel in der Picardie wurde im Mai 1917 zur Todesfalle für rund 200 deutsche Soldaten. Seit ein Hobbyarchäologe ihn entdeckt hat, ist ein Streit um das richtige Gedenken entbrannt. Dazu kommt die Angst vor Plünderungen. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur