Europa als Übergangsgesellschaft
Insgesamt 29 neue Stücke hatte das Theaterfestival in Wiesbaden und Mainz zu bieten. Viele Aufführungen reflektierten Europa als Übergangsgesellschaft. Außerdem adaptierten einige Theatermacher bedeutende Dramen der Weltliteratur, um Probleme in ihren Ländern sichtbar zu machen wie in der türkischen Produktion "Eurydikes Schrei".
Ingesamt 29 neue Stücke aus 24 Ländern Europas sind in 47 Vorstellungen vorgestellt worden. Die rekordverdächtige Auslastung von 75 Prozent beweist, dass sich die Veranstaltungsform durchgesetzt hat. Dabei gab es in diesem Jahr ein deutlich höheres Platzangebot, wurden doch mehrere Vorstellungen auch in den großen Häusern von Mainz und Wiesbaden gespielt.
Am Abschlusstag gab es noch einmal zwei in ihrer künstlerischen Qualität sehr unterschiedliche Stücke und Inszenierungen. Wenig Neues brachte das Gastspiel eines Theaters aus Kiew, das ein Stück mit dem Titel "Soldatiki" ("Soldatchen") vorstellte: die Geschichte von einem jungen Geigenstudenten, der seinen Armeedienst ableisten muss und sich zum ersten Mal in seinem Leben in menschenverachtenden Situationen des Armeealltags bewähren muss. Das Ganze mit wenig schauspielerischer Raffinesse gespielt. Fast alles auf einem Einheitston, nahezu zwei Stunden werden durchgebrüllt. Selten die zweite Schicht eins Vorgangs oder einer Situation.
Eine positive Überraschung allerdings das Stück "Now here& Nowhere", geschrieben von Nico Helminger und gespielt vom Nationaltheater Luxemburg. Vermittelt durch eine irrwitzige Geschichte geht es um das Finden der eigenen Identität. In der Kulturhauptstadt Luxemburg soll der Auftrag für eine große Installation ausgelobt werden. Favorit ist der bekannte Architekt Pei. Dessen Vermittler ist kein Geringerer als Robbie Williams. Der allerdings hat einen schweren Verkehrsunfall, durch den er sein Erinnerungsvermögen verliert. Seine Papiere übernimmt ein arbeitsloser Straßenmusiker, der fortan als der Popstar weiter leben wird. Robbie Williams seinerseits wird als der namenlose Junge Michael, der sein Liebesglück gefunden hat, weiterleben. Eine Existenz in der Erinnerungslosigkeit neben der Existenz in einer ausgeborgten Identität. Das Ganze wird nicht als gesellschaftskritische Momentaufnahme gespielt, eher als eine clowneske Märchengroteske. Phantastische Ereignisse überschlagen sich, das Spiel der Schauspieler wird auf die absurde Spitze getrieben. Und doch beginnt der Zuschauer darüber nachzudenken, inwieweit er selbst die ihm gemäße Identität gefunden hat.
Blickt man auf die insgesamt 29 neuen Stücke zurück, so fallen übergreifende Themenstellungen auf. Da ist die Grundsituation des Wartens auf das andere Leben, die Situation des Übergangs. Europa als eine Übergangsgesellschaft. Die alten Strukturen wirken nach, die neuen haben sich noch nicht durchgesetzt. Pilotstück dieser Richtung das Stück "Funkenflug" von Tenja Stivicic. Ein Flughafen wird zur Metapher für die Welt. Ein Schneesturm ist ausgebrochen und verhindert den Weiterflug. Zukunftsungewissheit macht sich breit, die Ahnung des Scheiterns ehrgeiziger Zukunftspläne.
Ein anderer Themenkomplex ist die Suche nach der nationalen Identität, das Behaupten des Nationalbewusstseins in einem zusammenrückenden Europa. In dem estnischen Stück "Heiße estnische Jungens" gründen junge Esten einen Klub, der sich zur Aufgabe macht, 1000 estnische Frauen zu schwängern, um so den Schwund der estnischen Urbevölkerung aufzuhalten.
Eine dritte mehrfach auftauchende Gemeinsamkeit: Die Theater und Dramatiker suchen nach bedeutenden Dramen der Weltliteratur und machen sie durchlässig für die Gegenwart in ihren Ländern. Aus Istanbul kam die Inszenierung des Stücks "Eurydikes Schrei", eine Adaption von Sophokles´ "Antigone". Geschrieben hat das die Schauspielerin Sahika Tekand, die selbst die Titelrolle spielt. Die bei Sophokles still leidende Dulderin Eurydike wird zur großen Anklägerin. Sie entlarvt den Populismus vom unerbittlichen Herrscher Kreon, einen Populismus, der auffällig dem des heutigen türkischen Staatenlenkers Erdogan ähnelt.
Service:
Das Festival "Neue Stücke aus Europa" fand vom 12. bis 22.6.2008 in Wiesbaden und Mainz statt.
Am Abschlusstag gab es noch einmal zwei in ihrer künstlerischen Qualität sehr unterschiedliche Stücke und Inszenierungen. Wenig Neues brachte das Gastspiel eines Theaters aus Kiew, das ein Stück mit dem Titel "Soldatiki" ("Soldatchen") vorstellte: die Geschichte von einem jungen Geigenstudenten, der seinen Armeedienst ableisten muss und sich zum ersten Mal in seinem Leben in menschenverachtenden Situationen des Armeealltags bewähren muss. Das Ganze mit wenig schauspielerischer Raffinesse gespielt. Fast alles auf einem Einheitston, nahezu zwei Stunden werden durchgebrüllt. Selten die zweite Schicht eins Vorgangs oder einer Situation.
Eine positive Überraschung allerdings das Stück "Now here& Nowhere", geschrieben von Nico Helminger und gespielt vom Nationaltheater Luxemburg. Vermittelt durch eine irrwitzige Geschichte geht es um das Finden der eigenen Identität. In der Kulturhauptstadt Luxemburg soll der Auftrag für eine große Installation ausgelobt werden. Favorit ist der bekannte Architekt Pei. Dessen Vermittler ist kein Geringerer als Robbie Williams. Der allerdings hat einen schweren Verkehrsunfall, durch den er sein Erinnerungsvermögen verliert. Seine Papiere übernimmt ein arbeitsloser Straßenmusiker, der fortan als der Popstar weiter leben wird. Robbie Williams seinerseits wird als der namenlose Junge Michael, der sein Liebesglück gefunden hat, weiterleben. Eine Existenz in der Erinnerungslosigkeit neben der Existenz in einer ausgeborgten Identität. Das Ganze wird nicht als gesellschaftskritische Momentaufnahme gespielt, eher als eine clowneske Märchengroteske. Phantastische Ereignisse überschlagen sich, das Spiel der Schauspieler wird auf die absurde Spitze getrieben. Und doch beginnt der Zuschauer darüber nachzudenken, inwieweit er selbst die ihm gemäße Identität gefunden hat.
Blickt man auf die insgesamt 29 neuen Stücke zurück, so fallen übergreifende Themenstellungen auf. Da ist die Grundsituation des Wartens auf das andere Leben, die Situation des Übergangs. Europa als eine Übergangsgesellschaft. Die alten Strukturen wirken nach, die neuen haben sich noch nicht durchgesetzt. Pilotstück dieser Richtung das Stück "Funkenflug" von Tenja Stivicic. Ein Flughafen wird zur Metapher für die Welt. Ein Schneesturm ist ausgebrochen und verhindert den Weiterflug. Zukunftsungewissheit macht sich breit, die Ahnung des Scheiterns ehrgeiziger Zukunftspläne.
Ein anderer Themenkomplex ist die Suche nach der nationalen Identität, das Behaupten des Nationalbewusstseins in einem zusammenrückenden Europa. In dem estnischen Stück "Heiße estnische Jungens" gründen junge Esten einen Klub, der sich zur Aufgabe macht, 1000 estnische Frauen zu schwängern, um so den Schwund der estnischen Urbevölkerung aufzuhalten.
Eine dritte mehrfach auftauchende Gemeinsamkeit: Die Theater und Dramatiker suchen nach bedeutenden Dramen der Weltliteratur und machen sie durchlässig für die Gegenwart in ihren Ländern. Aus Istanbul kam die Inszenierung des Stücks "Eurydikes Schrei", eine Adaption von Sophokles´ "Antigone". Geschrieben hat das die Schauspielerin Sahika Tekand, die selbst die Titelrolle spielt. Die bei Sophokles still leidende Dulderin Eurydike wird zur großen Anklägerin. Sie entlarvt den Populismus vom unerbittlichen Herrscher Kreon, einen Populismus, der auffällig dem des heutigen türkischen Staatenlenkers Erdogan ähnelt.
Service:
Das Festival "Neue Stücke aus Europa" fand vom 12. bis 22.6.2008 in Wiesbaden und Mainz statt.
