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Lesart | Beitrag vom 27.09.2019

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki: "Norwids Geliebte"Dichtung als Schrei

Von Nico Bleutge

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Der Kopf eines Mannes vor schwarzem Hintergrund: Er spricht in ein Mikrofon und steht offenbar auf einer Bühne. Er hat graues Haar, das nur wenige Millimeter kurz ist. (imago stock&people)
Poesie grenzt für den polnischen Lyriker Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki bisweilen an Besessenheit. (imago stock&people)

Der Dichter Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki ist in Polen sehr bekannt. Seine beiden deutschen Übersetzer finden nun klangstarke Entsprechungen für seine dunkel schimmernde Sprache. "Norwids Geliebte" heißt der Band mit älteren und neuen Texten.

Poesie – das ist für Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki wie ein Feuer. Kein bloßes Feuer der Inspiration oder der Schönheit, sondern ein Feuer, das einer "größeren Krankheit" gleicht, das bisweilen an Besessenheit grenzt.

Der Dichter wird zum "wolkenschieber", zu einem, der auf die Einbildungskraft vertraut und in der Sprache immer neue Welten schaffen kann. Zugleich betrachtet Dycki die Poesie als nutzloses und vergebliches Geschäft. Doch dieser Vergeblichkeit arbeitet er in jedem seiner Verse entgegen. So ist ihm die Dichtung auch ein "Schrei", der die Paradoxie von Sinn und Sinnlosigkeit hörbar macht: "poesie / muss ordentlich knallen, muss gefallen".

Aufgewachsen im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki ist eine der bekanntesten und eigentümlichsten Stimmen der polnischen Gegenwartsdichtung. Wenn er seine Verse vorträgt, mal säuselnd, mal flüsternd, vermischt er die Sagweisen und Töne immer wieder. Geboren wurde dieser Grenzgänger der Sprache 1962 in dem kleinen Ort Wólka Krowicka, an der Grenze Polens zur Ukraine. Dort gibt es nicht nur das Polnische und das Ukrainische, sondern auch das Chachlackische, einen unterdrückten Dialekt mit polnischen, russischen und belarussischen Einflüssen, den Dycki in seiner Kindheit und Jugend vorwiegend gesprochen hat. Viele dieser Kindheitswörter wandern als Einsprengsel in seine Verse ein.

Wer sich mit Dycki auf die Reise durch das Gedicht macht, der entdeckt keine idyllischen Bilder, sondern all die Ambivalenzen und Widersprüche, die das menschliche Wahrnehmen und Denken durchziehen. Saubere Trennungen, wie man sie in der Alltagssprache so gern benutzt, etwa: hier das Leben, dort die Literatur, unterläuft er mit jedem Wort. Der Übersetzer Michael Zgodzay hat für diese Ausgabe ältere und neue Gedichte ausgewählt und den Band nach Motiven und Tönen komponiert. Zusammen mit der Dichterin Uljana Wolf hat er klangstarke Entsprechungen für Dyckis dunkel schimmernde Sprache gefunden. Krankheit und Tod werden hier genauso beschworen wie die Stimmen anderer Dichterinnen und Dichter.

Der Großvater Verbrecher, die Mutter Alkoholikerin

Vor allem aber kommt diesmal die eigene Familiengeschichte in den Blick, das Schicksal von Dyckis Mutter und seine Kindheit. Die Mutter war eine Außenseiterin im Dorf, litt an Schizophrenie und war dem Alkohol verfallen. Ihre Flaschen versteckte sie im Backtrog oder im Butterfass: "es ist allseits bekannt dass / mutter essig trank wenn der // fusel alle war wie konnte ich da / eine holde kindheit haben". Erst spät habe er erfahren, erwähnt Dycki an einer Stelle, dass die Gründe für die Ausgrenzung viel weiter zurückreichten. Im Zweiten Weltkrieg hatte der Großvater sich dem nationalistischen ukrainischen Untergrund angeschlossen und in seiner Gegend mehrere Verbrechen an Polen begangen. "Axtmann" nannte man ihn im Dorf.

"das wesen der poesie ist nicht ihr sinn", heißt es einmal, "sondern das sinnlose wiederholen und erinnern". Und genau das tut Dycki. Er bewahrt die Namen und verwandelt sie zugleich über geschickt eingesetzte Wiederholungen und Variationen, erinnert an die Verwerfungen der Vergangenheit, indem er die Bilder durch Zeilensprünge brüchig macht. "tanz" und "lied" nennt er seine Gedichte selbst. Aber es sind keine Wiegenlieder, sondern litaneiartige Verse, die jedes Kind um den Schlaf bringen würden.

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki: "Norwids Geliebte. Gedichte." 
Polnisch/Deutsch - übersetzt von Michael Zgodzay und Uljana Wolf
Edition Korrespondenzen, Wien 2019
151 Seiten, 20 Euro

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