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Weltzeit | Beitrag vom 15.05.2019

EU-Wahl in GriechenlandIm Zweifel für Europa

Von Panajotis Gavrilis

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Auf dem Athener Syndagma-Platz fanden große Anti-Kürzungs-Demos statt. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)
Auf dem Athener Syndagma-Platz fanden große Anti-Kürzungs-Demos statt. Heute ist die Stimmung gegenüber den EU-Partnern positiver. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)

Jahrelang musste Griechenlands Regierung harte Kürzungen durchsetzen. Die Wut auf alte Eliten und EU-Partner war groß. Nun sind die Wirtschaftsdaten wieder positiver. EU-Fördermittel fließen, und das Vertrauen in die EU kommt langsam zurück.

Es ist fast vier Jahre her, seit ich Panagiota Papadimitriou das letzte Mal getroffen habe. Schon damals jobbte sie in einem Café, neben ihrem Studium, für vier Euro die Stunde. Damals wie heute – sie könnte stellvertretend für eine ganze Generation in Griechenland stehen: Gut ausgebildet, Studium absolviert, perspektivlos.

"Ob die Situation sich verschlimmert hat? Schwierig zu sagen", meint sie. "Die Zeit vergeht so schnell, ich konnte noch nicht darüber nachdenken. Aber verbessert hat sich die Lage jedenfalls nicht."

Im Podcast der Weltzeit hören Sie mehr Hintergründe zur EU-Wahl: z. B. warum Europas Sozialdemokraten in Portugal Nachhilfe nehmen sollten.

Panagiota hat Logopädie studiert, danach eine Schauspielschule besucht, hält sich mit Kellnern über Wasser. Junge Griechinnen und Griechen wie sie werden oft als Teil einer "verlorenen Generation" beschrieben. Sie wachsen mit der permanenten Existenzangst auf. Eine ganze Generation, die wegen der ökonomischen Krise entweder das Land verlassen hat oder geblieben ist. Und für den Mindestlohn kellnert – im Idealfall. Aus ihr spricht die Sehnsucht nach dem Selbstverständlichen: Finanziell unabhängig zu sein, aber nicht nur, so die 26-Jährige.

"Ich wohne noch bei meinen Eltern zuhause. Es ist einer dieser Wünsche für ein würdevolles Leben, die ich aufgegeben habe, um auf der Theaterbühne zu stehen. Heutzutage ist es purer Luxus, alleine zu wohnen, wenn deine Eltern bereits ein Haus in der gleichen Stadt besitzen. Du würdest nur arbeiten, um die Miete zu bezahlen. Und: Wenn ich mich privat mit jemandem treffen möchte, geht das nur mit Glück, also wenn er eine eigene Wohnung hat. Ich bin jetzt auch nicht so locker damit, jemanden mit nach Hause zu nehmen. Deswegen hoffe ich, dass der Partner eine Wohnung hat. Ansonsten ist es sehr schwierig."

Weiterhin 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland

Panagiota ist nicht verzweifelt, sie ist enttäuscht. Von der aktuellen Syriza-Regierung in Griechenland, von der Europäischen Union wegen der auferlegten Sparprogramme, von den Menschen selbst, vom System, sagt sie.

"Das alles sorgt für ein Leben ohne Würde. Es ist kein produktives Leben und du verlierst dich selbst darin. Ich hätte gerne eine eigene Wohnung und Zeit für mich. Ohne ständig zu hinterfragen: Sollte ich das jetzt tun oder habe ich danach kein Geld mehr, um die Miete zu bezahlen? Ich möchte nur meine Grundbedürfnisse stillen, die gedeckt werden vom Job, den ich liebe."

Das aber bleibt für sie und viele andere schwierig. Immerhin – Panagiota Papadimitriou hat derzeit einen Job als Regieassistentin beim Nationaltheater – allerdings befristet für gerade einmal zwei Monate, bis zur Premiere des Theaterstücks. Danach ist Schluss. Hoffen auf den nächsten Job. Sie kann sich aber glücklich schätzen, sagt sie bescheiden. Für sie und viele der jungen Menschen in Griechenland ist es normal, in einer Bar oder einem Mobilfunkshop zu jobben, teilweise sogar ohne Sozial– und Krankenversicherung, für 400 bis 500 Euro im Monat.

"Ich bin manchmal sehr wütend, dass ich in einer Zeit und in einem Land geboren bin, in dem du nicht überleben kannst, wenn du keine reichen Eltern hast. Das empfinde ich als ungerecht. Dass alles von einem Rahmen abhängt, den andere gesteckt haben. Selbst wenn ich sage: Ist mir egal! Ich arbeite mehr, 20 Stunden am Stück, mache alles alleine – ich werde nicht sehr viel mehr verdienen. Und das ist ungerecht. Dass alles von den vorherigen Generationen abhängt, leider."

Mit einer Jugendarbeitslosenquote von fast 40 Prozent bei den 15-24-Jährigen ist Griechenland europaweit nach wie vor trauriger Spitzenreiter. In Deutschland sind es laut Eurostat nicht einmal sechs Prozent.

Was verbindet Panagiota angesichts dieser Situation mit Europa?

"Europa ist gefühlt so, als würde Griechenland nicht dazugehören. Es ist so, als wäre Europa etwas ganz anderes als wir hier."

Olivenfabrik expandiert dank EU-Förderung

In der Deas-Olivenfabrik in der nordgriechischen Region Chalkidiki, in der Nähe der zweitgrößten Stadt Thessaloniki, blickt man zuversichtlicher in die Zukunft. Es ist schwül-warm unter dem Wellblechdach, die Maschinen und Bänder laufen auf Hochtouren. Der Geschäftsführer Pavlos Deas zeigt Tausende grüne Oliven, die in einer Metallwanne liegen.

"Wir sind hier im Verpackungsbereich. Hier werden die Gläser mit Oliven befüllt. Grüne, entkernte Oliven kommen in größere Gläser, in die eine Gallone reinpasst. Die gehen dann in die USA."

Eine Mitarbeiterin, in hellblauer Sicherheitsbekleidung und mit Haarnetz, beugt sich über das Fließband und sortiert verfärbte oder eingedellte Oliven aus. Sie ist eine von 270 Menschen, die im Unternehmen arbeiten. Hier werden im Jahr 25.000 Tonnen Oliven verarbeitet. Die Fabrik ist eine der größten in Griechenland, sagt der 62-jährige Pavlos Deas:

"In Bezug auf das Personal, die Verkäufe und die Olivenmengen, die wir hier umsetzen. Die Verkaufszahlen steigen jedes Jahr. Wir haben im vergangenen Jahr Produkte im Wert von 47 Millionen Euro verkauft. Der Gewinn lag bei knapp sechs Millionen Euro."

Mitarbeiterinnen kontrollieren in einer griechischen Fabrik Oliven. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)Exportschlager: Die griechische Olivenfabrik Deas verarbeitet Oliven für die USA und viele EU-Länder. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)

Pavlos Deas leitet das in den 1990er-Jahren gegründete Unternehmen gemeinsam mit seinen zwei Brüdern. Die Olivenbauern der Region verkaufen ihre Rohernte an die Firma, die Oliven werden dann in mehreren Stufen genießbar gemacht. Alle sind ausschließlich bestimmt für den Export.

Tausende fertig etikettierte Gläser warten in der Lagerhalle auf ihre Verladung. Manche gehen in die USA, viele andere in EU-Länder. Sein Unternehmen beliefert auch die großen deutschen Supermarktketten. Krise? Hier nicht, sagt Deas, das Geschäft läuft. Deas weiß, dass er vor allem vom zollfreien Warenverkehr innerhalb der EU profitiert.

"Die Vorteile sind groß. Wir umgehen die ganze Bürokratie, die es gäbe, wenn Zölle erhoben würden. Heutzutage kommt ein LKW, lädt die Produkte ein und fährt vollbeladen wieder los: Nach Italien oder Deutschland – ohne Einschränkung."

Der Unternehmer Pavlos Deas hofft, dass diese EU erhalten bleibt.

"Die Europawahlen müssen ein Signal aussenden, damit Europa vereint bleibt. Damit es den freien Markt weiterhin gibt. Die Wahlergebnisse sollten für uns und alle anderen Menschen gut und nicht schlecht sein. Das heißt: Wir wollen nicht, dass die Europäische Gemeinschaft zerfällt."

Tausende Oliven liegen in einer Metallwanne. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)25.000 Tonnen Oliven werden pro Jahr verarbeitet in der griechischen Firma von Pavlos Deas. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)

Nicht nur der Binnenmarkt, auch die finanzielle Unterstützung seitens der EU haben Deas' Firma geholfen, zu wachsen. Es wäre auch ohne Fördermittel aus Brüssel gegangen, sagt er, aber langsamer.

"Die Europäische Union ist für uns eine große Hilfe. Das Unternehmen konnte sich durch vier Förderprogramme entwickeln. Von 1999 bis heute. Die EU hat uns gemeinsam mit der griechischen Regierung finanziell unterstützt. Diese Unterstützung hat den Anstoß gegeben, neue Investitionen zu tätigen. Kostenpunkt: Etwa 15 Millionen Euro."

Von diesen 15 Millionen Euro Investitionen ist fast die Hälfte bezuschusst, etwa ein Viertel davon kommt aus EU-Mitteln, so Deas.

Ökonom: Griechenland profitiert am meisten

Der Ökonom Achilleas Mitsos war 22 Jahre für die EU-Kommission tätig und hat zuletzt an der "Universität der Ägäis" internationale Handelsbeziehungen gelehrt. Für ihn ist klar: Unabhängig von den Sparprogrammen und Notkrediten der vergangenen Jahre: Griechenland profitiert finanziell mit am meisten von der EU.

"Es sind nicht nur die großen Bauprojekte, die das Bild Griechenlands verändert haben. Es ist nicht nur die Agrarpolitik der EU, die zwar sehr viele kritisieren, von der aber auch viele hier profitieren. Von allen EU-Mitgliedsstaaten, von allen – profitiert Griechenland, gemessen pro Einwohner, finanziell am meisten. Also: Griechenland hat pro Kopf mehr 'eingenommen' als jedes andere europäische Land. Das ist wichtig und darf nicht unterschätzt werden."

In den Jahren 2014 bis einschließlich März 2019 hat Griechenland laut EU-Angaben insgesamt rund 21 Milliarden Euro an Fördermitteln bekommen. Laut Kommission gehört es zu den zehn Ländern, die am meisten EU-Gelder empfangen. Die Mittel aus den "Europäischen Struktur- und Investitionsfonds" sind die Hauptquellen für öffentliche Investitionen in Griechenland. Das griechische Wirtschaftsministerium präsentiert stolz auf seiner Website, man sei zum dritten Mal in Folge Spitzenreiter beim Abrufen von Fördergeldern aus diesen Töpfen.

Das, so heißt es von der EU-Kommission, ist aber auch so gewollt – um die griechische Wirtschaft zu stärken.

EU-Enttäuschung bei Geflüchteten und Obdachlosen

Unterstützung ist auch das, was die etwa 100 Geflüchteten und Obdachlosen im Athener Zentrum bekommen. Nur nicht von der EU, sondern von Ehrenamtlichen, von Vereinen, von NGOs. Es ist früher Abend, die Sonne geht gerade unter. Gegenüber der Markthalle werden alle mit einer warmen Mahlzeit versorgt, es gibt einen Wäscherei-Van, damit sie ihre Klamotten waschen können, in einem anderen kleinen Bus können sich Schwangere und junge Mütter beraten lassen.  

Ein Obdachloser liegt vor einer Wand mit Graffiti. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)Obdachlosigkeit in Griechenlands Hauptstadt Athen. (Deutschlandradio / Panajotis Gavrilis)

Unter den Helfern ist auch Anas Altaweel. Er ist aus Syrien geflohen und wie Tausende andere in Griechenland kann er nicht weiter.

Nun koordiniert er das Athener Team der NGO "Medical Volunteers International". Sie bieten den Menschen kostenlos medizinische Versorgung an – denen, die wenig haben, für die Europa so weit weg scheint und die propagierten Vorzüge wie "offenen Grenzen und Reisefreiheit" schlicht realitätsfremd sind. Europa? Anas Altaweel schüttelt den Kopf.

"Es ist definitiv kein Traum. Aber um fair zu sein: Ich habe kein Problem mit Europa. Die Beziehung zwischen mir und den europäischen Ländern ist ganz gut. Bis auf das Problem, dass die Grenzen für uns geschlossen sind."

Anas Altaweels Familie lebt getrennt von ihm in Deutschland. Dass er als Syrer nicht weiterreisen kann zu seiner Familie, dass so viele Menschen in Griechenland sprichwörtlich "feststecken" und unter humanitär zum Teil katastrophalen Verhältnissen leben – das sei das wahre Gesicht der EU-Migrationspolitik, sagt er.

"Es ist schockierend. Wir dachten immer Europa sei der Ort der Menschenrechte, in dem alle Chancen und Rechte hätten. Aber letztendlich ist das falsch."

Museums-Wächter: Gleiche Löhne in der EU!

Ein paar Straßenblöcke weiter sitzt Manolis Chatzidimitriou in seinem "U-Boot". So heißt der Kulturverein, der Konzerte in seinem Kellercafé veranstaltet. Manolis dreht Zigaretten, mit seiner tiefen, ruhigen Stimme erzählt er, warum er die EU so skeptisch sieht.

"Jetzt gerade ist die EU eine Last. Sie bedeutet den Verlust bestimmter Handlungsmöglichkeiten. Auch das Argument, dass wir uns in einer ökonomischen und politischen Situation befinden, in der man uns beschützen soll, greift nicht. In den kritischen Momenten hat sich gezeigt, dass diese Politik uns nicht beschützt."

Manolis Chatzidimitriou bezeichnet sich als "einfacher Mensch, als einfacher Grieche". Er arbeitet als Wächter im Akropolis-Museum, nebenbei ist er Musiker. Seitdem Griechenland 1981 in die EU eingetreten ist, sei aber ein zentrales Versprechen nicht eingehalten worden, kritisiert er.

"Wir Griechen, unabhängig von unseren unterschiedlichen Meinungen, dachten, es sei Konsens, dass der Wert deiner Arbeit an alle anderen Europäer angeglichen wird. Das heißt, alle bekommen irgendwann mehr oder weniger den gleichen Lohn. Selbst in guten Zeiten der EU – eine Lohnangleichung gab es nie in Griechenland."

Die griechische und europäische Fahne. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Griechenland bleibt mit höchster Staatsverschuldung und Jugendarbeitslosigkeit das "Problemkind" unter den EU-Ländern. (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

700 Euro – mit dieser Summe lebt Manolis Chatzidimitriou jeden Monat. Damit zähle er noch zu den Glücklichen, sagt er.

Er wünscht sich als EU-Bürger mehr Volksabstimmungen, mehr Möglichkeiten, die EU-Abgeordneten zu kontrollieren und plädiert für eine größere Nähe zwischen "den Völkern", so Chatzidimitriou.

"Die Europäische Union richtet sich stark gegen die Nationalstaaten. Und mit der Bankenkrise und Schuldenkrise ab 2010 hat die EU ihr anderes Gesicht gezeigt. Nicht nur in Griechenland, sondern im ganzen Süden. Beim Referendum 2015 über die Sparpolitik, habe ich selbstverständlich mit Nein gestimmt. Es wurde uns ein Messer an den Hals gehalten. Das hätte so nicht passieren dürfen."

Politologe: Griechen werden immer EU-freundlicher

Chatzidimitriou ist mit dieser Meinung nicht alleine. Dabei sind die Menschen in Griechenland historisch gesehen eher pro-europäisch eingestellt, sagt der Politikwissenschaftler Yiannis Balabanidis. Er forscht an der Athener Panteion-Universität zum Thema "Europaskepsis".

"Ganz am Anfang standen die Menschen der EU zwar eher skeptisch gegenüber. Das hat sich aber schnell normalisiert, so wie in anderen Ländern auch. Die griechische Gesellschaft wird immer europafreundlicher. Auf die Frage, ob Griechenland von der EU profitiert, hat die Mehrheit das immer bejaht. Und die Zustimmung war zum Teil höher als in anderen Ländern der EU."

Die Union bedeutete für Griechenland anfangs, genauso wie heute noch, eine geostrategische Absicherung – mit Blick auf den Nachbarn Türkei.

Später kamen dann die EU-Fördermittel dazu, von denen das Land enorm profitiert hat, sagt Balabanidis. Die Bindung sei dadurch aber auch "oberflächlicher" geworden.

Zudem hätten Banken-Krise und Sparprogramme das Verhältnis zwischen der EU und Griechenland verschlechtert. Zum ersten Mal, auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung mit den Gläubigern über Spar- und Reformprogramme, sagten die Griechen mehrheitlich: Wir profitieren nicht von der Mitgliedschaft in der EU, so der Wissenschaftler.

Ein Plakat in Athen wirbt für ein "Nein" beim Referendum über das Reformpaket der Geldgeber. (picture alliance / EPA / Orestis Panagiotou)Der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble auf einem Plakat in Athen 2015, das für ein "Nein" beim Referendum über das Reformpaket der Geldgeber wirbt. (picture alliance / EPA / Orestis Panagiotou)

"Die Jahre 2010/2011 haben gezeigt, wie einfach sich Einstellungen auch ändern können. Es kam eine harte ökonomische und politische Krise, die zugleich auch eine europäische Krise war, und das führte zu einem Meinungswandel. Es gibt auch keine Garantie dafür, dass in Zukunft die Europafreundlichkeit, die es grundsätzlich gibt, einer erneuten Krise standhalten wird."

Wirtschaftsdaten Griechenlands wieder positiv

Immerhin normalisiere sich die Beziehung zwischen den Griechen und der EU jetzt wieder, so Balabanidis. Das beobachtet auch der Ökonom Achilleas Mitsos, der 22 Jahre für die EU-Kommission gearbeitet hat. Es gibt keine tiefe Europaskepsis, eher einen Vertrauensverlust gegenüber der EU:

"Es ist natürlich, dass nach so einer einschneidenden und tiefen Krise in Griechenland, dass nach Sündenböcken gesucht wird, dass die Verantwortung bei den Anderen, den Fremden gesucht wird, die uns unterstützt haben. Ich glaube aber, dass diese Reaktion sehr oberflächlich ist. Ich glaube nicht, dass die Griechen wirklich ihre Europafreundlichkeit verloren haben."

Parallel dazu deuten zumindest Wirtschaftszahlen in die richtige Richtung: Griechenland leiht sich wieder Geld auf dem freien Markt, der Internationale Währungsfonds rechnet für dieses Jahr mit einer Wachstumsrate von 2,4 Prozent, die Arbeitslosenquote ist aktuell auf unter 19 Prozent gesunken, der Mindestlohn gestiegen, auf 650 Euro.

Geht es also wieder bergauf mit Griechenland? Nicht ganz. Denn diese Zahlen zeichnen nicht das komplette Bild. Familien erzählen mir, sie hätten ihr ganzes Erspartes mittlerweile aufgebraucht. Die ganzen Rentenkürzungen und Steuererhöhungen würden somit erst jetzt voll durchschlagen. Und Griechenland hat nach wie vor die höchste Arbeitslosenquote in der EU und die höchste Staatsverschuldung mit 180 Prozent des Bruttoinlandproduktes.

"Reisefreiheit in Europa ist ein großes Privileg"

Die junge Panagiota Papadimitriou weist eine neue Kollegin in die Abläufe des Baralltags ein. Sie versucht das Gute in der ganzen Situation zu sehen: Auch wenn sie aktuell wenig Geld und keine Zeit hat, hält sie die Reisefreiheit innerhalb Europas für ein großes Privileg, und betont: Sie möchte nicht, dass Griechenland die EU verlässt. Vor vier Jahren war sie da noch anderer Meinung.

Aber es gehört nun einmal dazu, das komplette Bild zu zeichnen, so Panagiota: Griechenland habe sich mit der EU weiterentwickelt. Und sie persönlich? Wie sieht ihre Zukunft aus?

"Meine Eltern haben mir beigebracht: Wenn du im Kleinen beginnst, kann daraus etwas Großes werden. Es braucht diesen Zweckoptimismus, sonst geht es einfach nicht. Wenn es keine Weitentwicklung gibt, keine Veränderung, egal wie hart ich für meine Ziele arbeite, dann höre ich auf. Dann bleibe ich einfach zuhause, starre an die Decke und gebe das Geld meiner Eltern aus. Das geht aber nicht. Wenn es keinen Optimismus gibt, wird es auch keine Lösung geben."

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