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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.07.2007

Ethnologische Studien eines fiktiven Volksstammes

Klaus Hoffer: "Bei den Bieresch". Literaturverlag Droschl, Graz-Wien 2007, 272 S.

"Bei den Bieresch" war lange Zeit Kult bei Literaten. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
"Bei den Bieresch" war lange Zeit Kult bei Literaten. (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

"Bei den Bieresch" von Klaus Hoffer war in den 80er Jahren ein nur unter Literaten und Kritikern viel gelobtes Kultbuch. Darin verschlägt es den Ich-Erzähler Hans in das imaginäre Dorf Zick, in dem die Bieresch wohnen, ein merkwürdiger Volksstamm mit seltsamen Gebräuchen, die unentwegt Aphorismen und Erklärungen absondern, warum alles so verkorkst ist. Hoffers Roman ist zugleich komplex und komisch.

Ein Anti-Bildungsroman, eine Phantasmagorie, eine sehr gekonnte Kafka-Imitation, eine Verneigung vor Borges, ein postmodernes Anspielungs-Spiel - das alles und noch mehr ist "Bei den Bieresch", ein wenig beachtetes Meisterwerk der jüngeren österreichischen Literatur. In den zwei Teilen "Halbwegs" und "Der große Potlatsch" 1979 und 1983 erschienen, erhielt es seinerzeit hymnische Kritiken und wurde vor allem von den Schriftstellerkollegen ins Herz geschlossen. Wolfgang Hildesheimer, Urs Widmer oder Friederike Mayröcker erklärten "Bei den Bieresch" sogleich zum Jahrhundertwerk. Bis heute ist es ein unter Kennern renommiertes, ansonsten aber kaum gelesenes Buch geblieben.

Schon Kafkas Schloss-Roman, in dem der Landvermesser K. in ein fremdes Dorf kommt und sich bald in den Kampf mit einer ominösen Bürokratie verstrickt sieht, ist durch eine ethnografische Konstellation gekennzeichnet: Der Einzelne erforscht die Rituale einer ihm nur auf den ersten Blick vertrauten, ansonsten völlig unverständlichen Welt, allerdings nicht aus wissenschaftlichem Interesse, sondern um sich selbst in existenzieller Verdunkelung zurechtzufinden.

In Hoffers Roman wird genau diese ethnografische Schreibweise noch zugespitzt. Als wäre er in den tieftraurigen Tropen eines mitteleuropäischen Niemandslandes gelandet, beschreibt der Ich-Erzähler namens Hans seine Erlebnisse im Dorf Zick, einem imaginären Ort irgendwo zwischen Burgenland und Puszta. Hier lebte sein Onkel als Briefträger; jetzt ist er gestorben, und ein archaischer Brauch verlangt es, dass Hans nun für ein Jahr Rolle und Identität des Onkels zu übernehmen hat. Es ist nur die erste von vielen Absonderlichkeiten, von denen das Leben "bei den Bieresch" bestimmt ist.

Um höchst ernste Lebensfragen geht es, und zugleich ist doch alles eine Kasperliade, bei der man nichts wirklich ernst nehmen kann. Die "Göds", die in Zick das Sagen haben und also viel und lange reden, sind allesamt durchgedrehte Hermeneuten, von denen Hans wenig Konkretes erfährt, dafür aber vertrackte mythologisch-religiöse Erörterungen zu hören bekommt. Wie bei Kafka sind sie von der Liebe zum Paradoxen und Ausweglosen inspiriert.

Der Alltag der Bieresch wird bestimmt von abstrusem Brauchtum voller Hintergedanken, es ist eine zwanghafte Wiederkehr des Gleichen, ein kreisförmiger Albtraum. Man lebt nicht, sondern ergeht sich in Erklärungen des Lebens. Die Welt ist verkorkst, und man fragt sich, warum. Der Ertrag des kollektiven Grübelns besteht in gehämmerten Aphorismen und Redensarten, in denen sich die Essenz des Bieresch-Lebens abgelagert hat:

"Das Gefühl, dass ein nicht gutzumachender Fehler gemacht wurde, begleitet uns, während wir auf der Stelle treten."

Oder:

"Der Hund kehrt zum Erbrochenen zurück."

Alle monologisieren in diesem Roman aneinander vorbei, und doch ist eines gewiss: Man kann der Lage nur beikommen "durch ein gemeinsames Beißen aller Zähne aller Hunde".

Kafkas Romane und Erzählungen lassen eine doppelte Lektüre zu. Man kann sich einfach in eine faszinierend verfremdete, von Angst und Komik beherrschte Welt ziehen lassen. Man kann sie aber auch, vor allem wenn man Literaturwissenschaftler ist, zum Gegenstand aufwendiger Dechiffrieranstrengungen machen. Hoffers Buch eignet sich eher für diese zweite Lesart. Die Bieresch-Welt, in der selbst die Seufzer wie "falsch gesetzte Satzzeichen" wirken, kommt viel artifizieller daher als die beklemmend dicht gestaltete Phantastik Kafkas. Schade, dass nicht ein bisschen mehr episches Fleisch an den Biereschs ist. Es gibt großartige Beschreibungen von Landschaften und Menschen; davon hätte man gern etwas mehr gehabt.

Aber kein Zweifel: Wer Borges mag, wird auch Hoffers endlich wiederveröffentlichten Roman lieben. Es ist ungeachtet des klassisch schlichten Erzählstils ein hochkomplexes Sprachkunstwerk, das fest in die Tradition der literarischen Verfinsterung gehört, die in Österreich seit langem gepflegt wird.

Rezensiert von Wolfgang Schneider

Klaus Hoffer: Bei den Bieresch
Roman. Literaturverlag Droschl, Graz-Wien 2007
272 S., 21 Euro

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