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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 06.10.2014

Ethisch einkaufenDie Macht sei mit dir, Konsument!

Über den Einfluss der Verbraucher

Von Nicol Ljubic

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Ein Mensch geht an einer Sale-Werbung vorbei. (picture alliance / dpa / Bernd Wuestneck)
Schnäppchenjagd oder fair einkaufen - was ist wichtiger? (picture alliance / dpa / Bernd Wuestneck)

Wir leben in einer freien Welt. Prima - wenn da nicht diejenigen wären, die diese Freiheit ausnutzen. Doch nicht nur Politiker können Ausbeutung verhindern, sondern auch wir Verbraucher, meint Nicol Ljubic. Aber dafür seien wir oft zu bequem.

Wir sind so verschieden, wie Menschen verschieden sein können: Wir sind Frauen und Männer, Alte und Junge, Reiche und Arme, Studierte und Schulabbrecher, wir sind Stadt- und Landbewohner, wir sind Linke-, CDU- und Nichtwähler. Und doch haben wir politisch gesehen eine gemeinsame Identität: Wir alle sind Konsumenten. Jeden Tag geben wir Geld aus, die einen mehr, die anderen weniger: für Essen, Bustickets, Benzin, Strom, Kleider, Bücher und jede Menge anderes. Mit unserem Kaufverhalten beeinflussen wir die Welt. Nur leider vergessen wir allzu gerne, welche Macht wir eigentlich haben.

In einer Welt, in der die wichtigste Bürgerpflicht die des Konsumierens ist, weil das Konsumklima unser Wohlbefinden definiert, sind wir mächtig wie nie zuvor. Und deshalb auch mitverantwortlich dafür, dass uns Frauen in Bangladesch für 50 Euro im Monat die Hosen nähen, dass Amazon eine marktbeherrschende Stellung hat und Millionen von Tiere in der sogenannten Intensivhaltung gequält werden. Wer Lasagne für 1,89 Euro kauft, sollte kein 1-A-Fleisch von artgerecht gehaltenen Rindern erwarten.

Eine Frage der Verantwortung

Aber keine Sorge, es geht mir nicht um Verbraucher-Bashing, sondern um Verantwortung – und die teilen wir uns mit Herstellern und Politikern, deren Aufgabe es sein sollte, gesetzliche Regelungen aufzustellen, nach denen produziert wird. "Nimm du ihn, ich hab ihn sicher", sagt man im Fußball, wenn drei Spieler zum Ball gehen könnten und keiner es tut. Ganz ähnlich ist auch das Verhältnis zwischen Herstellern, Politikern und Verbrauchern. Die Hersteller sagen, der Verbraucher will es billig, der Verbraucher sagt, der Politiker müsste die Produktionsbedingungen gesetzlich regeln und der Politiker appelliert an die Verantwortung des Herstellers. Alle drei haben Recht. Und wenig bis nichts passiert.

Gerade ist ein Streit entbrannt zwischen den Taxifahrern und ihrer neuen Konkurrenz von Uber, einem amerikanischen Unternehmen, das private Fahrer per App vermittelt. Viele Kommunen warnen vor Uber, der Fall soll vor Gericht entschieden werden, was richtig und wichtig ist. Aber es könnte alles so einfach sein, letztlich haben wir Verbraucher die Macht über Uber. Steigen wir nicht in die Autos, braucht es weder Politik noch Gericht.

Mehr Bewusstsein, weniger Bequemlichkeit

Ich weiß, so einfach wie es klingt, scheint es nicht zu sein. Weil es ums Geld geht. Fünf Bio-Lammkoteletts für 20 Euro muss man sich leisten können. Oder eine Jeans für hundert Euro. Mehr aber noch ist es eine Sache des Bewusstseins. An den Ausgaben für Lebensmittel liegt in Deutschland der Bio-Anteil bei etwa drei Prozent. Was nicht heißt, dass sich nur drei Prozent der Menschen in diesem Land Bio leisten könnten. Und bei Primark stehen nicht nur arme Menschen an, um sich T-Shirts für drei Euro zu kaufen. Manchmal ist es nur eine Sache der Bequemlichkeit. Welchen Grund gibt es sonst, dass ich mir Bücher von Amazon nach Hause schicken lasse statt sie für denselben Preis im Buchladen zu kaufen? Oder Kleidung online bestelle, am liebsten gleich in drei Größen, erst hin und dann zurück durchs halbe Land – statt selbst in den Laden zu gehen?

Und dann ist da noch der nagende Zweifel: Was bringt es, Lammkoteletts für 20 Euro zu kaufen, das Buch im Laden statt bei Amazon zu kaufen und Primark zu meiden, während sich die meisten anderen nicht darum scheren und weiterhin auf Schnäppchen-Jagd sind? Gesamtgesellschaftlich wohl leider wenig. Es geht auch nicht darum, dass man sich besser und den anderen moralisch überlegen fühlt. Es geht um eine Überzeugung und Verantwortung. Wenn ich meine, Tiere sollten artgerecht gehalten werden, muss ich bereit sein, den Preis zu zahlen. Ganz egal, ob es andere auch machen oder nicht.

Denn die Frage, um die sich alles dreht, ist die: Was ist mir meine Verantwortung wert? Konsum ist mehr als bloßer Konsum. Wie auch immer ich mich entscheide, als Konsument nehme ich Einfluss auf die Welt, in der wir leben. Die Macht ist mit uns. Daran sollten wir denken, wann immer es geht.


Der Journalist und Schriftsteller Nicol Ljubic. Der 1971 in Zagreb geborene Ljubic wurde für seine journalistische Arbeit unter anderem mit dem renommierten Theodor-Wolf-Preis ausgezeichnet. Über seine Erfahrungen nach dem Eintritt in die SPD schrieb er das Buch "Genosse Nachwuchs. Wie ich die Welt verändern wollte".  (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Der Journalist und Schriftsteller Nicol Ljubic (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Nicol Ljubic
, 1971 in Zagreb geboren. Als Sohn eines Flugzeugtechnikers in Schweden, Griechenland und Russland aufgewachsen. Er studierte Politikwissenschaften und besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Seit 1999 lebt er als freier Journalist und Autor in Berlin. 2012 gab er die Anthologie "Schluss mit der Deutschenfeindlichkeit!" heraus, in der deutsche Autoren mit Migrationshintergrund über ihre Erfahrungen in Deutschland schreiben. Darunter: Herta Müller, Zsuzsa Bank, Ijoma Mangold und Irene Dische. Im Herbst 2012 erschien bei Hoffmann und Campe sein jüngster Roman: "Als wäre es Liebe".

Weiterführende Information

Konsum und Macht - Triumph des digitalen Kaufens
(Deutschlandradio Kultur, Sein und Streit, 28.09.2014)

Reihe zum Konsum - Fachhandel gegen Internet
(Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 08.08.2014)

Kritischer Konsum - Per App zu Lebensmittel-Informationen
(Deutschlandfunk, Verbrauchertipp, 19.05.2014)

Konsum - Der Aufstand der Satten
(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 01.05.2014)

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