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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 12.12.2014

Esther BejaranoRapmusik als beste Medizin

Von Igal Avidan

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Die jüdische Musikerin Esther Bejarano mit Mikrofon in der Hand bei einer Diskussion in Frankfurt (imago/Hoffmann)
Die jüdische Musikerin und Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano (imago/Hoffmann)

Die jüdische Musikerin Esther Bejarano spielte im Mädchenorchester in Auschwitz, überlebte, und feiert nun ihren 90. Geburtstag. In Israel fühlte sie sich fremd und wanderte aus. Nach ersten schweren Jahren in Hamburg fand sie ihre Heimat in der Friedensbewegung - und in der Musik.

Esther Bejarano wurde die Musik in die Wiege gelegt. Ihre Mutter Margarethe heiratete ihren Klavierlehrer Rudolf Loewy. Er wurde Oberkantor der jüdischen Gemeinde in Saarbrücken, wo Esther ihre Kindheit verbrachte. Hauskonzerte klassischer Musik gehörten zur gutbürgerlichen Familie wie Klavierunterricht. Wegen des jungen Rabbiners gingen die drei Mädchen gern am Shabbat in die liberale Synagoge, wo beim Gottesdienst ein Harmonium spielte. Bei den Loewys war der Haushalt selbstverständlich koscher und das, obwohl Rudolf Loewys Mutter christlich war, nur sein Vater jüdisch.

"Aber den Nazis hat es etwas ausgemacht, weil die haben nämlich extra Gesetze gehabt für sogenannte Mischlinge."

Esthers glückliche Kindheit endet mit dem Anschluss des Saarlands an Nazi-Deutschland 1935. Esther kommt in ein zionistisches Vorbereitungscamp für die Auswanderung nach Palästina, das aber von den Nazis 1941 geschlossen wird und 1943 nach Auschwitz.

Nach zwei Monaten wird sie durch die Musik von der täglichen Arbeit gerettet - große Steine auf einem Feld schleppen. Esther spielt Akkordeon im Mädchenorchester. Spaß macht den Musikerinnen weder die Marschmusik noch die Wanderlieder. Denn die Musikerinnen müssen die Arbeitskolonen und die Selektionen begleiten, wie sich Esther Bejarano erinnert.

"Die Züge sind angekommen voll mit jüdischen Menschen aus ganz Europa. Die sind nicht so wie wir in Viehwaggons gekommen sondern in ganz gewöhnlichen Personenwagen. Die Fenster waren geöffnet, wir haben da gestanden am Tor und haben gespielt, die Leute haben uns zugewunken und haben wahrscheinlich gedacht: Wo Musik gespielt wird, da kann es ja nicht so schlimm sein. Und das war die Taktik der Nazis."

Rettung durch die christliche Großmutter

Nach sechs Monaten in Auschwitz kommt Esther Bejaranos Rettung.

"Meine christliche Großmutter hat mir das Leben gerettet, weil ich aus Auschwitz rausgekommen bin."

Eines Morgens verkündet die SS, dass jeder, der "arisches Blut" in seinen Adern hat, sich melden soll. Esther wird ins KZ-Ravensbrück verlegt, wo sie die Zwangsarbeit überlebt, später auch den Todesmarsch. 1945 kommt sie mit dem Schiff ins Land Israel.

Sie singt antifaschistische und sozialistische Lieder im Arbeiterchor Ron. In der israelischen Armee tritt sie ab 1948 in Schützengräben mit einem Armeeensemble auf.

Im Ron-Chor lernt Esther Nissim Bejarano kennen, den sie 1950 heiratet. Doch der Gewerkschaftler und die Sängerin haben es schwer. Der Künstlerverband lehnt Esther ab, weil sie angeblich in einem kommunistischen Chor singt. Man nimmt ihr übel, dass sie im KZ überlebt hat. Manche Israels sagen ihr: Wenn du überlebt hast, dann bestimmt, weil du mit den Nazis zusammengearbeitet hast. Die Bejaranos fühlen sich fremd im eigenen Land:

"Die politischen Gründe waren, weil mein Mann Nissim nicht mehr in den Krieg ziehen wollte. Der war schon in verschiedenen Kriegen. Ich bin diskriminiert worden von den Nazis ja, weil ich Jüdin bin und ich konnte es einfach nicht ertragen, ja, dass mein Volk ein anderes Volk diskriminiert, nämlich die Palästinenser."

1960 verlassen die Bejaranos Israel und kommen nach Hamburg, weit weg von den Kindheitserinnerungen in Süddeutschland. In der kleinen jüdischen Gemeinde werden sie herzlich empfangen. Der Sekretär der Gemeinde war nämlich ein Schüler ihres Vaters in Breslau und verdankte ihm seine Stelle als Kantor in Hamburg. Die Bejaranos wohnen in einem Haus der jüdischen Gemeinde, ihre Nachbarn sind jüdisch und auch ihre Bekannten. Dennoch wird Nissim mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert, Esther mit Antisemitismus. Nach den ersten schweren Jahren findet Esther ihre Heimat in der Friedensbewegung und in der Musik.

Ehrenvorsitzende des Auschwitz-Komitees

Seit 1978 ist sie im Verein der Verfolgten des Nazi-Regimes aktiv, später auch beim Auschwitz-Komitee, dessen Ehrenvorsitzende sie jetzt ist.

Esther Bejarano ist eine kleine Frau mit viel Energie, Humor, aber auch Null Toleranz gegenüber Rassisten, Holocaust-Leugnern und Antisemiten.

"Alle diejenigen, die das erlebt haben damals, das kann man sich gar nicht vorstellen was für ein Gefühl haben WIR, wenn wir Nazis auf der Straße sehen, die da rumbrüllen und dann wieder ihre menschenverachtenden Slogans da loslassen. Das finde ich einfach unmöglich… Das macht mich rasend!"

Musik ist Esther Bejaranos Waffe im Kampf um die Jugend. Seit 1980 singt sie anti-faschistische Lieder zusammen mit ihrer Tochter Edna und ihrem Sohn Joram. Seit sieben Jahren tourt sie mit den Kölner Rappern der Band "Microphone Mafia". Von jüdischen Gemeinden wird sie fast niemals eingeladen – wegen ihrer scharfen Kritik an die israelische Politik.

Ihre vielen Auftritte sind für Esther Bejarano nicht nur der Sinn des Lebens, sondern auch die beste Medizin.

"Das ist so – wenn ich mich jetzt mich mal ganz schlecht fühle und ich habe ein Konzert vor mir, dann sage ich immer: ‚O Gott,.. heute kann ich überhaupt nicht singen,… also das gibt eine Katastrophe‘. Und mein Sohn sagt immer: ‚Ja ja, das kennen wir schon, das kennen wir schon‘. Und dann komme ich auf die Bühne und plötzlich sind alle meine Zipperlein – mein Rücken tut mir weh, meine Beine tun mir weh,… ich hab keine Stimme usw. Das ist alles verschwunden. Ich bin auf der Bühne… bin ich topfit."

Mehr zum Thema:

Geburtstag und Gedenken - Die Musikerin und Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano wird 90
(Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 12.12.2014)

Musik und Fragen zur Person - Die Sängerin Esther Bejarano
(Deutschlandfunk, Zwischentöne, 23.03.2014)

Gegen rechts - Holocaust-Überlebende: Bundesregierung hätte NPD längst verbieten müssen
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 30.12.2013)

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