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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.12.2014

Essay-BandBlütenlese im Alltag

Von Philipp Albers

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Gondeln, Boote und ein Vaporetto fahren auf dem Canale Grande vor der Rialtobrücke in Venedig (dpa picture alliance/ Waltraud Grubitzsch)
Auch über Gondeln sinniert Baker in seinen Essays. (dpa picture alliance/ Waltraud Grubitzsch)

Seine Themen sind so vielfältig wie obskur, Nicholson Baker gilt als einer der eigensinnigsten amerikanischen Autoren der Gegenwart. "So gehts" ist ein Band mit gesammelten Essays. Sie enthüllen einige der zentralen Obsessionen Bakers, zum Beispiel Gondeln.

Sind Ihnen schon einmal die technischen Beschriftungen aufgefallen, die man auf den Tragflächen von Flugzeugen erspähen kann, wenn man auf dem richtigen Platz sitzt? Knappste Anweisungen in Schablonenschrift wie "No Step" oder kryptische Mitteilungen wie "Warning Wet Fuel Cell Do Not Remove" sind dort zu lesen. Während die meisten von uns diese seltsam anmutenden Sprachschnipsel gleich wieder vergessen, entfaltet die "Tragflächensprache" für den amerikanischen Romancier und Essayisten Nicholson Baker einen geradezu lyrischen Sog.

Die unscheinbaren Dinge des Alltags mit einer hyperpräzisen Beobachtungsgabe zu erfassen und dann beides – die Dinge wie den Prozess ihrer Wahrnehmung – bis in die feinsten Verästelungen zu schildern, das ist das Markenzeichen von Baker, diesem vielleicht eigensinnigsten und sprachlich lässigsten Stilisten unter den amerikanischen Gegenwartsautoren. So räsonierte er in seinem Debütroman "Die Rolltreppe" seitenlang über das richtige Binden von Schnürsenkeln. Zuletzt erschien von ihm auf deutsch der aberwitzig surrealistisch-pornographische Roman "Haus der Löcher". Nun folgt "So geht's", ein Band mit gesammelten Essays der letzten 15 Jahre, die Baker für Zeitschriften wie den "New Yorker" oder den "American Scholar" geschrieben hat.

Baker schreibt auch über persönliche Dinge

Die Themen, in die er sich vertieft, sind so obskur wie vielfältig: Ein Mann, der in einem Jahr das gesamte Oxford English Dictionary von vorne bis hinten durchliest. Schlüpfrige Sensationsblättchen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Faszination brutaler Computerspiele. Es geht um Ohrstöpsel, Telefone, Gondeln und Papiermühlen. Um Daniel Defoe, David Remnick und John Updike. Und auch über ganz persönliche Dinge schreibt Baker, über Kindheitserinnerungen ans Drachensteigen oder wie er seine Frau im Studentenwohnheim kennengelernt hat.

Wer ein wenig mit Bakers Werk vertraut ist, wird in den nach fünf losen Kategorien gruppierten Essays die zentralen Obsessionen wiedererkennen, die den Autor schon seit langem umtreiben. Etwa den Pazifismus, dem er eine längere Rechtfertigung widmet.

Mancher Text ist eine Auftragsarbeit

Bakers unbändige Neugier und freischwebende Aufmerksamkeit saugt sich an kleinsten Details fest und betreibt eine rastlose Blütenlese mit dem Ziel, die übersehenen Dinge des Lebens und der Literatur zu bewahren. So ist es nur konsequent, dass er sich nicht nur seit Jahren für den Erhalt von Archiven mit gedruckten Zeitungsausgaben einsetzt, die von Bibliotheken im Digitalisierungsrausch achtlos eingestampft werden, sondern sich in einem Essay über die Wikipedia als "Inklusionist" outet, der angeblich irrelevante Einträge etwa über minore Dichter vor der Löschung zu retten sucht. Bei aller Liebe zum gedruckten Papier ist Baker nämlich keineswegs ein Technikverächter, wie die Beiträge über Google, über die Vor- und Nachteile des Kindle oder ein Nachruf auf Steve Jobs zeigen.

Das ist nicht nur ein Vergnügen für bekennende Baker-Fans. Zwar ist manchem Text sein Charakter als Auftragsarbeit anzumerken. Doch steckt diese prall gefüllte Wundertüte voll überraschender Entdeckungen. Bakers fröhlich umherschweifender Denkstil wirkt ansteckend und seine Schule der Wahrnehmung lässt einen die Welt mit anderen Augen sehen. Ja, so geht's. 

Nicholson Baker: So geht's
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2014
384 Seiten, 24,95 Euro

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