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Interview / Archiv | Beitrag vom 15.07.2013

"Es verändern sich im Krieg oder im Konflikt Verhaltensformen"

Menschenrechtlerin Hauser über die Situation in Ägypten

Monika Hauser im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Proteste auf dem Kairoer Tahrir-Platz (picture alliance / dpa / AHMED ASAD \ APAIMAGES)
Proteste auf dem Kairoer Tahrir-Platz (picture alliance / dpa / AHMED ASAD \ APAIMAGES)

Gewalt gegen Frauen in Krisensituationen wird sich nach Ansicht der Gründerin der Hilfsorganisation medica mondiale, Monika Hauser, immer wiederholen, wenn es nicht mehr Nachdenken über Rollenbilder gibt. Besonders Stereotypen über Frauen und Männer trügen zu der Gewalt bei, sagte Hauser vor dem Hintergrund von Vergewaltigungen auf dem Kairoer Tahrir-Platz.

Korbinian Frenzel: Es passiert viel am Tahrir-Platz in Kairo. Er ist der Dreh- und Angelpunkt einer Revolution in Ägypten, die wir jetzt seit mehr als zwei Jahren beobachten mit ihrem Auf und Ab und leider auch mit einer Konstanten, die ein Detail ist, aber alles andere als eine Kleinigkeit.

Die Gewalt gegen Frauen, die massiv zugenommen hat, die sexuellen Belästigungen und Einschüchterungen, all das gehört zur Realität dieses politischen Umbruches in Ägypten. Es ist leider nicht nur eine Konstante dort. Es ist eine traurige Erfahrung, die Frauen immer wieder machen, wenn es zu Konflikten und Krieg kommt.

Davon berichten kann uns unser Gesprächsgast Monika Hauser, die Gründerin von medica mondial, einer Organisation, die traumatisierten Frauen in Kriegs- und Krisengebieten hilft. Guten Morgen!

Monika Hauser: Guten Morgen!

Frenzel: Frau Hauser, Sie waren es, die vor 20 Jahren nach Bosnien aufgebrochen ist, die Geburtsstunde Ihrer Hilfsorganisation war das. Warum? Was hat das damals ausgelöst? Warum wollten Sie, warum mussten Sie helfen?

Hauser: Ja, ich war damals eine angehende junge Gynäkologin, die schon in Deutschland hier auch in der Arbeit sehr oft mit traumatisierten Frauen, die Gewalt, sexualisierte Gewalt überlebt haben, zu tun hatte. Und als ich die Medienberichte verfolgte und aber auch gesehen habe, in welcher Weise über die Frauen berichtet wurde, mit diesem Schlüssellochblick, noch mehr brutale Berichte mussten her, sie mussten detailliert berichten, was ihnen geschehen ist.

Da war für mich klar, ich muss mich da einmischen, ich möchte hier wirklich sehr konkrete Unterstützung bringen, dass diese Frauen eine Chance auch haben und für sich finden können, wieder auf die Beine zu kommen. Und da war es für mich als junge Frau damals, als Gynäkologin, als Europäerin - ja, ich fühlte diesen Ruf wirklich, das klingt heute pathetisch, aber es war so, mich nach Zentral-Bosnien zu begeben, um zu sehen, wo ich gleichgesinnte Fachfrauen finde, um etwas gemeinsam aufzubauen.

Frenzel: Wie kann man denn Frauen helfen, die so etwas Schreckliches erlebt haben? Kann man überhaupt helfen?

Hauser: Selbstverständlich kann man helfen. Dieses Denken, sie wären kaputt, das höre ich immer wieder, oder sie wären so zerstört, dass sie nicht weiter leben können - das ist auch ein Vorurteil in unserem eigenen Denken und entspricht letztendlich diesen patriarchalischen Vorstellungen, dass Frauen eben dadurch so zerstört wären.

Natürlich ist diese Gewalt zerstörerisch. Sie ist so zerstörerisch, dass sie auch, wenn sie nicht bearbeitet wird von den einzelnen Frauen, auch an ihre Umgebung und an die weiteren Generationen weitergegeben wird. Das wissen wir ja auch von Frauen, die am Ende des Zweiten Weltkriegs hier in Deutschland Gewalt erlebt haben. Also ist es sehr wichtig, ihnen Raum zu geben.

Und wir haben immer einen emanzipatorischen Ansatz, das heißt, es ist uns wichtig, dass die Frauen Ruhe finden können, dass sie natürlich geschützt sind, dass sie aber auch die Sicherheit haben, dass sie über das sprechen können, was geschehen ist. Selbst im Kriegskontext hören diese Frauen oft, dass sie selber Schuld wären.

Also dieses, den Frauen die Schuld zuschieben und die Täter letztendlich in Ruhe zu lassen, das ist genau das Gegenteil von dem, wie wir arbeiten wollen. Wir sind solidarisch mit den Frauen, wir unterstützen sie. Wir geben fachliche Hilfe in psychologischer, in medizinischer und in juristischer Hinsicht. Aber es geht uns immer darum auch, den Frauen zu vermitteln, du schaffst es, dir eine eigene Perspektive wieder aufzubauen, und du bist es wert und du kannst deinen Selbstwert wieder aufbauen.

Frenzel: Sie haben den Zweiten Weltkrieg genannt. 20 Jahre ist das her mit Blick auf Bosnien, keine 15 Jahre der Kosovo-Krieg. Wir sehen ganz aktuell Syrien zum Beispiel. Wiederholt sich diese Geschichte immer wieder? Ist das die traurige Gewissheit aller Konflikte, sobald sie eskalieren, trifft es die Frauen als Opfer?

Hauser: Wenn wir das nicht verändern, wird sich das immer so wiederholen, aber das eine ist, dass die Frauen die Opfer sind. Aber die Hauptfrage ist ja, warum sind die Frauen Opfer? Die Männer sind die Täter. Männer führen in diesen Gesellschaften diese Vergewaltigungen aus, und natürlich ist es wichtig zu sehen, dass wir auch hier im Frieden Gewalt gegen Frauen haben.

Laut einer Studie des deutschen Frauenministeriums von 2004 haben 40 Prozent aller Frauen in Deutschland schon einmal Gewalterfahrungen gemacht. Also wir sehen, dass das auch durchaus zu unserer sogenannten Friedensgesellschaft dazu gehört.

Frenzel: Aber wenn wir mal beim Krieg bleiben - wenn es also die Täter sind, ist das dann auch der Schlüssel, wo wir ansetzen müssen?

Hauser: Wir müssen überhaupt bei der ganzen Gesellschaft ansetzen, weil - wir haben gesehen, der Hauptpunkt sind die Geschlechterrollen, die Stereotypen, die wir im Kopf haben. Frauen seien schwach, Männer seien die Starken, allzeit Bereiten. Aber das Problem ist, dass wir natürlich dieses Männlichkeitsbild in unserer Gesellschaft mit fördern. Und im Krieg oder im Konflikt bedeutet es immer auch eine Entgrenzung von Gewalt. Das heißt, Gewalt wird das Mittel der Konfliktlösung.

Es verändern sich im Krieg oder im Konflikt Verhaltensformen, Regeln. Das, was vorher unter der Gesellschaft als eine Regel galt, was man nicht zu tun hat, das bricht alles zusammen. Hemmungen, Normvorstellungen brechen ineinander zusammen. Und wir haben eben diese männliche Sozialisation, die übersteigert wird, die überhöht wird. Also dieses überhöhte Männlichkeitsbild im Militär, was eben zu dem führt, dass auch Männer, die natürlich auch in Konfliktsituationen völlig verunsichert sind und sich schwach fühlen, sich verwundbar fühlen, aber dieses Gefühl irritiert sie in extremer Weise …

Frenzel: Nun hat sich, Frau Hauser - nun hat sich das Männlichkeitsbild ja aber auch verändert in den letzten Jahren in vielen Gesellschaften. Ist das etwas, das dann wieder komplett verloren ist, sobald wir in Konfliktsituationen geraten, oder hat sich die Lage auch etwas zivilisiert mit Blick auf die Frauen und die Gewalt, die sie erleben?

Hauser: Natürlich können wir zum Beispiel auch in Deutschland sagen, dass sich die Lage zivilisiert hat. Es ist ja vieles erreicht worden, gerade auch durch den Kampf der Frauenbewegung. Aber wenn wir zum Beispiel darauf schauen, dass wir eben diese 40 Prozent von Frauen haben in Deutschland, die Gewalt erlebt haben - nur ein Bruchteil von ihnen getraut sich tatsächlich, anzuzeigen, weil sie nicht glauben, dass die Polizei und die Justiz ihnen wirklich helfen kann, weil sie immer wieder von diesen Prozessen hören, wo letztendlich dann die Frauen diejenigen sind, die vorgeführt werden. Und die tatsächlich verurteilten Täter sind noch mal wiederum im einstelligen Bereich.

Also hier stimmt was nicht, hier klafft was ganz massiv, und daher ist es auch für alle Gesellschaften sehr wichtig, nicht nur für die Frauen natürlich, konkrete Anlaufstellen aufzubauen, sondern eben immer wieder gesellschaftliche Aufklärung zu tun - und dieses Interview betrachte ich auch als ein solches.

Leider haben wir das viel zu selten, sondern wir haben eher, dass die Medien auch noch mal diese Geschichten sensationalisieren. Aber ich denke, es ist wichtig, immer wieder die Geschlechterbilder, die Rollenstereotypien aufzubrechen und in Frage zu stellen. Alle Männer sind schwach und stark, und alle Frauen sind stark und schwach. Das heißt, dass wir hier ein viel besseres Miteinander hinbekommen.

Frenzel: Das ist ein gutes Schlusswort. Monika Hauser, Gründerin der Organisation medica mondial. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Hauser: Ja, ich danke Ihnen!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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