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Interview / Archiv | Beitrag vom 20.04.2011

"Es muss endlich was passieren"

Experte plädiert für eine ehrliche Debatte bei der häuslichen Pflege

Claus Fussek im Gespräch mit Ute Welty

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Altenpflegerin füttert Pflegebedürftigen (AP)
Altenpflegerin füttert Pflegebedürftigen (AP)

Als "Tropfen auf den heißen Stein" bezeichnet der Pflegeexperte Claus Fussek die Pläne der CDU/CSU zur Legalisierung ausländischer Hilfskräfte in der häuslichen Pflege. Zwar sei dies ein vorsichtiger Schritt in die richtige Richtung, eine Entlastung der Angehörigen sei damit aber noch nicht erreicht.

Ute Welty: Zwischen 800 und 1000 Euro plus Kost und Logis, dafür soll die Betreuung eines Angehörigen durch einen Pflegehelfer aus einem Nicht-EU-Land zu haben sind, ganz legal. Davon geht das jüngste Pflegepapier der Unionsfraktion aus. Handlungsbedarf besteht, denn auf der einen Seite wächst der Bedarf an Pflege und Betreuung, und auf der anderen Seite dürften Pflegekräfte aus Polen und Tschechien teurer werden, denn ab dem 1. Mai können diese Pflegekräfte uneingeschränkt in Deutschland arbeiten, müssen aber auch wie Deutsche bezahlt werden. Claus Fussek ist Sozialpädagoge, Autor, Pflegefachmann und pflegender Angehöriger, denn er betreut seine demenzkranke Mutter. Guten Morgen, Herr Fussek!

Claus Fussek: Guten Morgen!

Welty: Wenn die Pläne der Union so umgesetzt werden würden, wie sie jetzt auf dem Papier stehen, inwieweit wäre Ihnen bei der Pflege Ihrer Mutter geholfen?

Fussek: Also zunächst mal sind wir froh, dass es überhaupt ein Thema ist, weil Pflege leider eigentlich von allen Parteien in der Gesellschaft verdrängt wird. Es ist ein Weg, sag ich mal, ein vorsichtiger Weg in die richtige Richtung, und wenn wir jemand Geeigneten hätten, der die deutschen Sprachkenntnisse hätte – das wäre wichtig –, wäre mir möglicherweise geholfen. Ich befürchte aber, dass es nur wieder ein Tropfen auf den heißen Stein ist.

Welty: Was wünschen Sie sich denn außerdem?

Fussek: Im Prinzip ist es so, dass wir so viele Menschen bräuchten, und ich befürchte, dass wir hier ein Stück Realität einfach ausblenden. Auch in Polen werden Menschen älter, in Rumänien werden Eltern älter, das heißt, wir müssen eigentlich diese Probleme schon im eigenen Land lösen. Und ich denke, eine Lösung wäre, wir bräuchten ähnlich wie bei Kinderkrippen, bei Ganztagsschulen, wo wir ja ähnliche Probleme haben, wo Familien überfordert sind mit Kindern, bräuchten wir auch Tagespflegen für ältere Menschen, die bezahlbar sind, die flexibel sind. Und ich glaube, das wäre dringend notwendig.

Welty: Und was ist mit denen, die tatsächlich 24 Stunden lang Betreuung brauchen?

Fussek: Ja, das Problem ist, wir bräuchten eigentlich eine ehrliche Diskussion. Und man muss wissen, 24 Stunden, sieben Tage in der Woche, das ist ja eigentlich auch für diese osteuropäischen … und man muss ja fairerweise sagen, es sollten eigentlich Haushaltshilfen sein, weil Pflege sollen sie ja offiziell eigentlich nicht machen – was das für eine enorme Belastung ist. Und deshalb müssen wir hier verschiedene Ansätze bieten, Pflegedienste müsste man ausbauen, wir müssten die Leistungen so machen, dass wir eben nicht nach Minuten in die Familien kommen, um die Familien kurzfristig zu entlasten. Wir müssen die Tagespflegen ausbauen, wir müssten parallel übrigens auch die Situation in den Pflegeheimen endlich so verbessern, dass für viele es nicht der absolute Horror ist, wenn es zu Hause nicht mehr geht. Also wir haben viele Baustellen in Deutschland, und das Thema müsste eigentlich Schicksalsfrage der Nation sein.

Welty: Lassen Sie uns noch mal über die juristische Seite des Unionsvorschlags sprechen. Alles wäre ja dann legal – die Tätigkeit wäre angemeldet, sozialversichert, steuerpflichtig, aber eben auch von der Steuer absetzbar. Glauben Sie, dass sich dadurch der hohe Anteil an Schwarzarbeit in der Pflege verringert?

Fussek: Ich kann es nicht sagen. Ich weiß es wirklich nicht, und ich glaube auch, dass niemand Ihnen seriös diese Frage beantworten kann. Ich befürchte, dass ein großer Teil weiter es illegal machen möchte, weil viele aus Osteuropa einfach das Geld brauchen, schlicht und einfach, und ich kenne viele, die auch gar kein Interesse haben jetzt an irgendeiner Regelung. Das Zweite: Ich vermute, dass der bürokratische Aufwand deutlich höher wird für Angehörige, und diese osteuropäischen Kräfte haben natürlich irgendwo auch feste Arbeitszeiten. Sie haben Urlaubsanspruch, sie haben Lohnfortzahlung, und dann wird die Pflege wieder so teuer für den Kunden, für die Angehörigen, dass sie möglicherweise sagen, das können wir uns nicht leisten. Und die Schmerzgrenze – das muss sich jeder Ihrer Hörerinnen und Hörer sagen –, wo ist die finanzielle Grenze? Nach meinen Erfahrungen liegt die in der Regel zwischen 1000 und 1500 Euro, und was über 2000 ist, ist in der Regel nicht mehr bezahlbar.

Welty: Aber es lassen auch sehr viele schwarzarbeiten beziehungsweise schwarzpflegen, die sich eine Legalisierung durchaus leisten könnten und für die es sich sogar rechnen würde.

Fussek: Na ja, gut, ich sage auch draußen immer: Wir haben Angehörige und Erben, irgendwann … Meine Kinder haben mir mal den Satz geschenkt: Sei lieb zu deinen Kindern, denn sie suchen dir später das Pflegeheim aus. Natürlich müssen wir in den Familien darüber sprechen, und natürlich müssen wir klarmachen, dass Pflege – und vor allem, wenn es über die vielen Jahre hinweggeht – auch teuer ist und dass es dann ins Eingemachte geht und dass man sich dann gegebenenfalls auch von Sparvermögen und vielleicht auch von der Eigentumswohnung und manchmal sogar vom Häuschen trennen muss. Das ist ein Stück Realität.

Welty: Besonders schwierig ist es ja, den Pflegebedarf von Demenzkranken festzustellen und einzustufen. Können Sie in dieser Hinsicht ein Umdenken entdecken? Das hat ja schon die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt in Aussicht gestellt.

Fussek: Ich begreife das sowieso nicht. Ich frage immer, wer hat sich denn eine Minutenpflege ausgedacht? Ich kenne niemanden in Deutschland, der nach Minuten gepflegt werden möchte, und ich kenne auch keine Pflegekraft, die das gelernt hat. Diesen Blödsinn dokumentieren wir dann auch noch. Jeder, der ein Stück Lebensrealität hat, weiß, gerade Menschen mit Demenz, die häufig gar nicht direkt pflegebedürftig sind, haben einen hohen zeitlichen Betreuungsaufwand – man muss aufpassen, man muss da sein, man muss schauen, dass wir sie beschäftigen –, und das kann man nicht in Minuten machen. Und ich befürchte, dass wir immer noch nach irgendwelchen kostenneutralen Lösungen suchen, weil wir haben auch hier kein Erkenntnisproblem – seit vielen, vielen Jahren wird das gefordert. Aber ich muss ehrlicherweise auch sagen, von den Bürgern hätte ich mir einfach mal mehr Druck erwartet, so wie für Stuttgart 21 oder andere vergleichbare Projekte, wo wir auf die Straße gehen, wo wir uns empören. Bei Pflege: Schweigen im Walde!

Welty: Wenn wir noch mal auf die Demenzkranken schauen, braucht es dann nicht auch besonders geschulte Kräfte, sodass solche Pflegehelfer, wie im Unionspapier beschrieben, unter Umständen gar keinen Sinn machen?

Fussek: Na ja, das Problem ist, ich denke, bei dem Unionspapier – übrigens nebenbei gesagt, das Thema hat mit Parteipolitik überhaupt nichts zu tun, also da …

Welty: Die Ahnungslosigkeit geht quer durch alle Parteien.

Fussek: Es geht querbeet. Also ich hätte mir mehr auch von den Grünen oder vielleicht auch von den Kirchen mehr erwartet, aber da kommt auch nichts. Nein, das Dilemma ist doch so: Wir wissen doch, dass wir selbst in vielen Pflegeheimen häufig Hilfskräfte haben. Wir wissen, dass viele Pflegekräfte einfach jetzt schon völlig überfordert sind, und es bringt überhaupt nichts, nach mehr Fachlichkeit zu fordern, die Kräfte sind nicht da. Sie wären natürlich wünschenswert. Allerdings, das müssen wir natürlich sehen, was wir brauchen, wären viele Menschen, die geduldig sind, die Einfühlungsvermögen haben, die Empathie den Menschen gegenüber bringen, die respektvoll mit älteren Menschen umgehen und die eine Engelsgeduld haben. Und natürlich müssen die unterstützt werden von examinierten Kräften, sie brauchen Supervision, sie brauchen Begleitung, sie brauchen Ansprechpartner – das ist natürlich notwendig. Aber das kostet sicherlich Geld, und da habe ich nicht das große Gefühl, dass die Gesellschaft da bereit ist, generell umzudenken.

Welty: Wie haben Sie sich das angeeignet, was Sie wissen müssen für die Betreuung Ihrer Mutter?

Fussek: Na ja, ich bin vom Beruf Sozialpädagoge, das ist meine tägliche Arbeit seit 30 Jahren, und ich habe täglich diese Angehörigen mit ihrer ganzen Verzweiflung und Überlastung …

Welty: Aber es ist dann trotzdem ein Unterschied, ob man es selber macht oder ob man andere berät.

Fussek: Ganz genau, und ich muss genauso einräumen, dass ich plötzlich bei meiner eigenen Mutter, bei meinem eigenen Vater komme auch ich an meine Grenzen. Ich mache Dinge, die ich wissentlich anders machen würde, wenn es in meiner Beratungstätigkeit liegt. Und ich muss ehrlich sagen, ich glaube, die Diskussionen müssen wir einfach ganz, ganz ehrlich und offen führen. Zentraler Punkt ist Entlastung, zweiter Punkt ist Entlastung und dritter Punkt ist Entlastung. Und es muss endlich was passieren.

Welty: Claus Fussek im Deutschlandradio Kultur, ich danke fürs Gespräch und ich wünsche Ihnen und Ihrer Mutter einen guten Tag!

Fussek: Ich danke Ihnen!

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