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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.06.2010

"Es gibt so viele offene Wunden, die weiterhin bestehen"

Der argentinische Autor Pablo Ramos über die frühere Militärdiktatur und die heutige Wirtschaftskrise

Pablo Ramos im Gespräch mit Katrin Heise

Die Lebenswirklichkeit in Argentinien (hier Buenos Aires) beeinflusst das Werk von Pablo Ramos. (AP Archiv)
Die Lebenswirklichkeit in Argentinien (hier Buenos Aires) beeinflusst das Werk von Pablo Ramos. (AP Archiv)

Die Zeit der argentinischen Militärdiktatur sei "so krass" gewesen, dass die derzeitige ökonomische Krise im Land von den Menschen in Buenos Aires dagegen als "einfach" und "normal" empfunden werde, sagt der argentinische Schriftsteller Pablo Ramos. Die Militärdiktatur "hat uns als Volk geprägt, und wir denken als Volk auch immer noch sehr viel darüber nach".

Katrin Heise: Pablo Ramos gehört zu den bekanntesten Schriftstellern Argentiniens der jüngeren Generation, er ist Jahrgang 1966. Derzeit ist er Stipendiat des Künstlerprogrammes des DAAD. Und ich freue mich, Herr Ramos, Sie als Gast im Deutschlandradio Kultur begrüßen zu dürfen. Buenos días, Señor Ramos!

Pablo Ramos: Buenos días!

Heise: Staatsbankrott, das ist so ein Wort, ein Szenario, vor dem Länder erzittern. Ihre Heimat Argentinien hat das schon hinter sich, auch im Moment sieht es finanziell nicht sehr gut aus oder wirtschaftlich nicht sehr gut aus. Man erinnere sich aber an die argentinische Wirtschaftskrise zwischen 1998 und 2002 – es war zu Unruhen, zu Plünderungen gekommen. Und das war genau die Zeit, in der eigentlich Sie Ihre ersten literarischen Schritte gemacht haben. Das war so ein bisschen davor, aber vor allem da eben. Sie veröffentlichten Gedichte, Erzählungen, schließlich Ihren ersten Roman. Welchen Einfluss hatte diese Situation Argentiniens auf Ihr Werk?

Ramos: Ja, diese Situation hatte einen sehr starken Einfluss auf mein Werk. Wenn man bedenkt, dass es in dieser Zeit war, als ich mich wirklich entschieden habe, professionell und Vollzeitautor zu werden. Und wenn ich sage professionell, meine ich das im Sinne des spanischen Wortes als profesión, als Beruf, also dass dies mein Beruf werden sollte. Ich komme aus einer ökonomisch sehr bescheidenen Familie. Mein Vater war Peronist, er war gewerkschaftlich organisiert, und es war genau zu der Zeit der Diktatur, in der auch mein Buch spielt, diese Figur des Gabriel im Jahr 1976, als der Militärschlag war. Da gab es ja schon einmal einen Bankrott, der vielleicht etwas weniger bekannt war aufgrund der Weltwirtschaftssituation. Es war eine sehr unsichere Situation. Also es war völlig unklar, was sich daraus entwickeln sollte. Es konnte sein, dass man Unternehmer wird und am nächsten Tag auf der Straße steht, und genauso konnte es sein, dass ich Autor werde und am nächsten Tag ebenfalls auf der Straße stehe. Also habe ich mich dafür entschieden, das zu tun, was ich machen wollte, nämlich zu schreiben.

Heise: Ihr erster Roman, der in deutscher Übersetzung auch vorliegt, der heißt hier "Der Ursprung der Traurigkeit", er ist 2004 entstanden. Es geht um Jugendliche, die in eher ärmlichen Verhältnissen leben, auf dem Weg ins Erwachsenwerden sind. Die Familie der Hauptperson leidet sehr, die Mutter versucht sich sogar umzubringen, als die Werkstatt nicht mehr genug abwirft, die Familie also sozusagen vorm Aus steht. Traurigkeit wie im Titel, Traurigkeit also aus sozialen Gründen?

Ramos: Ja. Also die Traurigkeit bezieht sich für mich vor allem darauf, auf das Ende der Kindheit. Der Übergang vom Kindsein zum Erwachsensein ist ein sehr gravierender Einschnitt im Leben. Für mich war der Ursprung der Traurigkeit darin, dass die Kindheit zu Ende war, auch für mich persönlich, nicht nur für die Figur im Buch. Alles an der Kindheit schien so, als ob es sich am nächsten Tag würde lösen können. Die Probleme waren zeitlich begrenzt, es kamen immer neue Phasen. Aber zum Erwachsenwerden wird alles anders. Der Schlag, den Gabriel in meinem Buch erfährt, aber auch Pablo Ramos, der Autor, in Wirklichkeit, der hat zu diesem Zeitpunkt auch für mich so stattgefunden. Mein Vater hatte auch eine Werkstatt – das ist ein Detail, was zum Beispiel ebenfalls ähnlich ist. Und für mich bestand aber dieser Schock auf dem Weg ins Erwachsenwerden darin, dass ein sehr guter Freund von mir von der Polizei erschossen worden ist. Ganz in meiner Nähe ist das passiert. Wegen einer Kleinigkeit, einem kleinen Vergehen kam die Polizei und hat ihn erschossen. Das war eine völlig unverhältnismäßige Aktion, und das hat mir zum ersten Mal in meinem Leben gezeigt, dass das Leben gewalttätig sein kann, dass es Gewalt gibt, dass die Menschen schlecht sind und nicht gut, dass es ums Leiden geht und nicht darum, Freude zu empfinden. Das war für mich plötzlich die Welt der Erwachsenen, die vor mir lag. Und im Sinne von die Hölle, das sind die anderen, erschloss sich da für mich ein ganz neues Bild.

Heise: Es ist ein Roman also übers Erwachsenwerden, mit autobiografischen Zügen, in dem man aber eben auch sehr viel erfährt über wirtschaftliche Verhältnisse, und Sie haben eben jetzt auch die Gewalt angesprochen. Da fällt mir noch eine ganz andere Zeit Argentiniens ein. Kann man die Traurigkeit im Titel auch na vielleicht auf die Wunden beziehen der ehemaligen Militärdiktatur, spielt auch das, die Erinnerung daran eine Rolle, denn die war ja erst seit 1983 beendet, das war ja alles noch nicht lange her?

Ramos: Ja, auch darauf beziehe ich mich natürlich. Es gibt so viele offene Wunden, die weiterhin bestehen bleiben werden. Es gibt viele Menschen, die als Kinder ihre Eltern verloren haben, die jetzt zu der Generation gehören, die ungefähr 30 Jahre alt sind, aber auch andere Wunden, die weiter bestehen. Die Grausamkeit des Militärs hat auch nachhaltig die Zivilgesellschaft verletzt. Diese Zeit hat uns als Volk geprägt, und wir denken als Volk auch immer noch sehr viel darüber nach, es ist nach wie vor Thema. Und ich beziehe mich natürlich auch autobiografisch darauf. Die Literatur wird sozusagen auf dieses Gebiet hin angewendet. Man muss sich das vielleicht so vorstellen, dass man das Leben, wie man es erfahren hat und wie man es sieht, pulverisiert, dass man es in kleinen Teilen auseinandernimmt und dann daraus seine eigene Literatur wieder zusammensetzt, wie die Fragmente zum Beispiel dieses Krieges zusammengesetzt werden zu einer ganz eigenen Erinnerungskirche, wo immer Teile fehlen, die man wieder vielleicht durch andere ersetzt, aber auch immer Lücken bleiben – wenn man sich das als Bild so vorstellt, als eine Erinnerung, die nie vollständig ist, die sozusagen am Leben gehalten wird, auch um diese Erinnerung emotional wachzuhalten.

Heise: Zu Gast im Deutschlandradio Kultur ist der argentinische Schriftsteller Pablo Ramos. Herr Ramos, Sie haben es vorhin erzählt: Mitten in der Krise, mitten in der Wirtschaftskrise um die Jahrtausendwende herum haben Sie sich entschlossen, von der Literatur leben zu wollen. Wie wurde denn Ihre Branche, die Literaturbranche, von dieser Wirtschaftskrise betroffen?

Ramos: Das Seltsame in Buenos Aires ist, dass das Wort Krise sich immer von außen nur auf die Wirtschaft bezieht, aber wir damit eigentlich gar nicht wirklich etwas anfangen können. Die Bewohner von Buenos Aires sind da vielleicht etwas speziell. Wir haben eine so starke moralische Krise erlebt, eine so starke Krise, in der uns Mörder regiert haben, eine Situation, die für uns so krass war, dass jetzt diese ökonomische Krise praktisch einfach durchlebt wird. Wir leben damit, das ist irgendwie normal. Also wir sind einfach so froh, dass diese andere Zeit vorbei ist. Und so geht es auch vielen kleineren Verlagen, die zum Beispiel auch das nächste Buch veröffentlichen, nachdem das erste nicht gut gelaufen ist. Es sind kleine Projekte. Man lächelt und bringt das nächste Buch heraus. Es sind kleine Auflagen von ungefähr 1000 Stück, billige Auflagen, wo ein Buch dann fünf Euro kostet, nicht jetzt eine Million Exemplare wie Garcia Márquez oder so was – nein, einfach kleine Projekte. Und wir sind mehr oder weniger zufrieden damit. Es ist hart und man kämpft und man hat wenig Geld, aber vielleicht kann ich das an einem Beispiel illustrieren, wie sich das auswirkt. Einer meiner Schüler sagte zum Beispiel, dass er so wenig Geld verdiene und er hätte jetzt diesen Monat nur 50 Euro für Bücher übrig. Und dann fragte er mich, wie er die denn ausgeben sollte. Und ich sagte: Guck mal, du kannst das kaufen und das und das, und das lohnt sich. Und das rührt mich wirklich an, dass solche Fragen gestellt werden. Und das zeigt wieder, dass für uns das, was zählt, eigentlich die geistige Krise war, und wir sind froh, dass der politische Wille jetzt da ist, damit fertig zu werden. Und das Thema Wirtschaft, das Geld an sich interessiert mich eigentlich so nicht. Natürlich bin ich dem DAAD sehr dankbar für mein Stipendium hier, aber insofern als Thema an sich interessiert mich das Geld nicht wirklich.

Heise: Die großen Verlage, so habe ich gelesen, die großen argentinischen Verlage wurden aufgekauft von internationalen, von globalen Verlagen, die natürlich vorwiegend wahrscheinlich Bestseller veröffentlichen. Wie ist es Ihnen ergangen, jemand, der da gerade anfängt, der noch keinen Namen hat, wo konnten Sie veröffentlichen?

Ramos: In Argentinien wurden meine Bücher bei Alfaguara verlegt, das ist ein größerer Verlag, aber ich habe auch meinen eigenen kleinen Verlag, der El Subsuelo heißt, also das Unter-dem-Boden-Liegende sozusagen. Und ich habe eigentlich persönlich sehr viel Glück gehabt, da die großen Verlage sich um mich geprügelt haben. Also es gab einen großen Erfolg meines ersten Buches und es hat viele Preise erhalten. Und ich habe das zwar nicht alles sofort mitbekommen, da ich ein Jahr in einer psychiatrischen Anstalt verbracht habe – in dieser Zeit kümmerte sich eine ältere Dame um meine Wohnung. Und man muss dazu wissen, dass Ramos, mein Name, mütterlicherseits ist, der Vatername steht immer zuerst, und unter diesem Namen habe ich aber nicht geschrieben. Das heißt, an meinem Haus stand der Name Ramos gar nicht, und es trudelten nun dauernd irgendwelche Preise ein, die niemand unterzubringen wusste, weil es immer hieß: Nein, nein, nein, in diesem Haus wohnt kein Autor, da wohnt so ein Verrückter, der sitzt da hinten in der Anstalt, und das ist nicht dieser Mann. Und als ich dann also wiederkam, nach diesem Jahr, warteten diverse Preise auf mich. Ich erfuhr, dass ich Ehrungen (Anm. d. Red.: Auslassung) erhalten hatte, dass ich von Nanuk Damar (Anm. d. Red.: schwer verständlich) einen Preis bekommen hatte, dass der Fonds der schönen Künste mich gepriesen hatte und überhaupt, und überall behandelte man mich plötzlich sehr, sehr gut. Und gut, das ist nicht überall so. Wenn man jetzt hier nach Deutschland schaut, kann man sehen, dass Suhrkamp, ein wirklich großer Verlag, eigentlich gar nichts für mich getan hat. Man hat ein Buch einfach nur gedruckt, aber man hat zum Beispiel keine Interviews mit mir gemacht, man hat mir keine Zeitungen … mich verwiesen oder so was, also schlichtweg gedruckt. Das ist eigentlich ein Wahnsinn – es hat funktioniert wie in einer normalen Druckerei, ohne jede Werbung. Das ist so wie Kunst in einer Wurstfabrik im Prinzip. Aber vielleicht gibt es ja doch noch eine Gerechtigkeit der Ästhetik, das kann nur Gott wissen. Auf jeden Fall ist mein Buch ja in Ihre Hände gefallen, wie das auch immer geschehen sein mag, und wenn mich jetzt auch noch eine Handvoll Deutsche lesen, ein, zwei, drei Leute, dann bin ich doch schon zufrieden und kann auch zufrieden zurück nach Buenos Aires fahren.

Heise: Es ist ja auch noch mal eine ganze Weile hin, aber im Herbst wird Argentinien Gastland bei der Frankfurter Buchmesse sein. Was bedeutet denn das für die argentinische Literaturszene oder auch für Sie? Ist das interessant für Sie?

Ramos: Also ich denke, die Buchmesse bedeutet gleich viel wie ein Ballon, der bald platzen wird. Und ich denke, dass man vielleicht heute dann begeistert von Argentinien sein wird, von der argentinischen Literatur, und im Herbst wird man sie vielleicht hassen, das weiß man nicht. Das sind kurzlebige Prozesse. Die Messe bietet allerdings sicher die Gelegenheit, dass Europa auch einmal den literarischen Blick nach Amerika wendet, auch nach Südamerika wenden kann. In dieser Welt geschieht das alles aber sehr schnell, und es hat jetzt nicht unbedingt dauerhafte Bedeutung. Mit dem Geld, was jetzt für diese Übersetzung vielleicht auch da ist, wird auch sehr, sehr viel übersetzt sozusagen, alles, was dann auf dem Markt ist. Und darunter sind natürlich auch viele schlechte Autoren oder Bücher, die es vielleicht nicht wert sind, gelesen zu werden. Natürlich auch eine Handvoll guter Autoren, um die es sehr, sehr schade wäre, wenn sie nicht übersetzt werden würden. Aber wenn ich als Leser nun ein schlechtes Buch in die Hand kriege und das lese und denke, na ja, ich gebe ihnen noch eine Chance, lese ein weiteres, dann gebe ich spätestens beim dritten Buch auf und sage, ach, das lohnt sich nicht. Also ich denke, die Buchmesse ist ein weiteres Ereignis. Es ist etwas auf dem Markt, das gemacht wird und das gebraucht wird, aber ich ziehe es persönlich vor, einfach so nach Berlin zu kommen, im Radio ein Interview zu geben oder im Ibero-Amerikanischen Institut zu lesen oder diese Dinge zu machen. Der Markt der Literatur an sich langweilt mich.

Heise: Der argentinische Schriftsteller Pablo Ramos, derzeit Stipendiat des Künstlerprogramms des DAAD. Herr Ramos, vielen Dank für dieses Gespräch, muchas gracias!

Ramos: Vielen Dank auch Ihnen und auch, dass ich hier sein darf und auch wie das wunderbare Jahr, das ich in Berlin verbracht habe, eine Stadt, die ich jetzt wirklich in meinem Herzen trage.

Heise: Vielen Dank natürlich auch an Mareille Amir für das Dolmetschen. Und Anfang Juli, da ist Pablo Ramos zu Gast bei der litprom-Tagung in Frankfurt am Main im Vorfeld der Buchmesse, und er liest aus seinem Roman, den ich bereits angesprochen habe, "Der Ursprung der Traurigkeit", zum Beispiel in der Evangelischen Akademie Arnoldshain bei Schmitten im Taunus.

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