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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.11.2011

"Es geht um die Glaubwürdigkeit"

"Zeit"-Redakteurin Christiane Florin über den Verkauf des katholischen Verlags "Weltbild"

Moderation: Liane von Billerbeck

Die katholische Kirche will ihre Verlagsgruppe "Weltbild" verkaufen. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)
Die katholische Kirche will ihre Verlagsgruppe "Weltbild" verkaufen. (picture alliance / dpa / Bernd Thissen)

Esoterik und Erotik im Angebot eines katholischen Verlages – das geht nicht, entschied die katholische Kirche und verkauft die "Weltbild"-Gruppe. "Zeit"- Redakteurin Christiane Florin erklärt die Hintergründe des Geschäftes.

Liane von Billerbeck: Wenn sich die katholische Kirche von einem Unternehmen trennt, dann meist, weil es nicht profitabel ist. Jetzt aber will man sich von einem höchst einträglichen Geschäft lösen, der Verlagsgruppe "Weltbild": 1,7 Milliarden Euro Umsatz und 6400 Beschäftigte. Als Grund wird angegeben, die Verlagsgruppe "Weltbild" hat, wie jeder große Versandhandel von Büchern, Videos und DVDs, auch erotische und esoterische Titel im Programm.

Nicht erst seit gestern übrigens, aber jetzt hat man sich eben entschlossen, den ganzen Laden abzustoßen. Christiane Florin ist Redaktionsleiterin von "Christ und Welt" in der "Zeit". Sie hat diesen Verkauf beobachtet und auch darüber geschrieben. Mit ihr habe ich vor unserer Sendung gesprochen. Frau Florin, schönen guten Tag!

Christiane Florin: Schönen guten Tag, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Ihr Text, der morgen in "Christ und Welt" erscheint, hat den Titel "Nackte Fakten, nackte Angst", und er beginnt mit der Schilderung einer Szene aus der Filmkomödie "Der bewegte Mann", in der ein Mann beim Sex mit einer anderen als seiner schwangeren Freundin von selbiger erwischt wird. Was bitte verbindet diesen Schwerenöter mit der katholischen Kirche?

Florin: Ja, es ist zunächst mal eine sehr peinliche Situation, es ist eine Situation, die doch auf deutliche Weise mit der katholischen Sexualmoral kollidiert, und der Erwischte hat eine schlechte Ausrede – und beides können Sie glaube ich auch beim Fall "Weltbild" beobachten.

von Billerbeck: Eigentlich müssten Sie doch aber gottfroh sein: Endlich macht die katholische Kirche etwas, das ihrer Moral auch entspricht, und stößt eben so einen Versandhandel ab.

Florin: Ja, gottfroh ist ganz gewiss übertrieben. Also ich fand die Diskussion um "Weltbild" notwendig, es geht um die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche, da haben die Kritiker von "Weltbild" schon recht. Was mir aber nicht behagt hat, ist die Art und Weise, wie diese Diskussion geführt wurde. Sie wurde geführt mit Mitteln der Denunziation, es gab eine regelrechte Kampagne gegen die, die bei "Weltbild" Verantwortung tragen, vor allem auch gegen die kirchlichen Vertreter im Aufsichtsrat, und das kann man natürlich nicht gutheißen.

Und es hat sicherlich auch das Unternehmen beschädigt, denn man kann ja ernsthaft nicht so tun, als sei jetzt "Weltbild" eine Art katholische Beate Uhse, als habe jetzt Weltbild vor allem erotische Literatur oder sogar Pornos im Angebot gehabt. Es stimmt, das gab es auch, aber wenn Sie sich die Homepage zum Beispiel von "Weltbild" anschauen, dann haben Sie doch eher den Eindruck, dass das ein gediegenes und biederes Unternehmen ist.

von Billerbeck: Nun hat ja nicht von ungefähr der Papst von Entweltlichung als Auftrag für die katholische Kirche gesprochen. Sie sagen nun in Ihrem Text, er wünsche sich eine andere Kirche in seinem Heimatland, doch eben genau diese katholische Kirche ist ja gerade unter ihren Laien und auch manchmal unter den Bischöfen nicht immer nur willfährig. Was hat denn nun der Kampf um die Entweltlichung mit dem geplanten Verkauf von "Weltbild" zu tun?

Florin: Ja, aus dem Stichwort Entweltlichung, das ja bei der Freiburger Rede des Papstes gefallen ist, also bei seiner letzten Rede während des Papstbesuches, ist sehr schnell das Wort von der Entweltbildlichung geworden. Also man hat überlegt: Was meint er nun damit? Ich war selbst damals in Freiburg im Saal und habe die ratlosen Mienen gesehen oder auch die schockierten Mienen gesehen, auch bei hohen kirchlichen Würdenträgern.

Man wusste zunächst mal gar nicht: Was sollte man mit dieser Rede jetzt anfangen? Meint er das Geld, meint er die Kirchensteuer, oder meint er, dass in der Kirche nicht der richtige Geist herrscht? Und dann gab es eben sehr schnell diese Kampagne "Entweltbildlichung", wo man eben einen ganz konkreten Punkt gefunden hat, bei dem man schon mal anfangen kann.

von Billerbeck: Was heißt denn Kampagne? Wer hat da diese Kampagne geführt, Frau Florin?

Florin: Na, das ist schwer namentlich festzumachen, muss man ja auch nicht, das kommt sicher aus sehr konservativen Kreisen. Es gibt ja schon länger eine Initiative "Katholisches Weltbild". Es gibt Internetportale, die das sehr unterstützt haben, und es gibt auch katholische Zeitungen, die also sehr viel Platz dafür freigeräumt haben, für Kommentare und Texte, die auch genüsslich die Cover der inkriminierten Bücher gezeigt haben. Also das kommt aus einem eigentlich altbekannten Spektrum.

Das schon seit Längerem aktiv ist, aber hier hat es eben zum ersten Mal diese ganz konkrete Wirkung gezeigt, dass eben die Bischöfe, der Verband der Diözesen Deutschlands, auf diese Forderung dann auch tatsächlich – und ja für kirchliche Verhältnisse auch sensationell schnell – eingegangen ist.

von Billerbeck: Immer wieder lesen wir ja auch bei Ihnen, Frau Florin, dass es eigentlich weniger um "Weltbild" ging als um eine Personalie. Nun wissen wir, dass Personalfragen immer auch Machtfragen sind, nicht nur in der Politik, auch in der katholischen Kirche, und Sie haben das auch schon angedeutet, dass es um den Geschäftsführer des Verbandes der Diözesen, der zugleich Sekretär der Bischofskonferenz ist und zudem bei "Weltbild" im Aufsichtsrat, Hans Langendörfer, ging.

Der ist aber in den vergangenen Tagen eher durch harsche Ablehnung aufgefallen, als das Laiengremium der Kirche, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, erneut gefordert hat, Frauen als Diakone zuzulassen. Warum sollte ausgerechnet dieser Mann weg?

Florin: Ja, er ist jemand, auf den sich die Kreise, die ich vorhin benannte, seit Längerem eingeschossen haben. Schon im Vorfeld des Papstbesuches gab es Artikel, die ihn zum Kopf einer Kirchenspaltungsbewegung erklärt haben, und ich sehe jetzt in dieser "Weltbild"-Geschichte eigentlich auch eine Fortsetzung dieser Kampagne.

Und er hat sich dann, nach meiner Auffassung, die natürlich nicht offiziell bestätigt wird, aber nach meiner Auffassung eben gerade durch diese Reaktion auf das ZdK-Papier für seine Verhältnisse sehr harsch einfach gewehrt, um diesen Kreisen nicht noch zusätzlich Munition zu liefern. Ich würde trotzdem nicht so weit gehen und sagen, das ist eine reine Personalkampagne, denn natürlich geht es auch um eine Sache.

Es geht nicht nur um "Weltbild", sondern es geht auch um ein bestimmtes Bild von Kirche. Möchte ich eine Kirche, die sich in der Welt engagiert und die sich auch auf die Welt einlässt und Kompromisse mit der Welt macht? Oder möchte ich eine Kirche, die, wie der Papst es gerne ausdrückt, sich reinigt vom Schmutz der Welt, und dann aus dieser Position heraus zu Themen der Welt Stellung nimmt?

Also da spielen sicher nicht nur Machtfragen, sondern auch theologische Fragen eine große Rolle. Und deshalb ist dieser Fall "Weltbild" ja auch so interessant und so etwas schwer zu entwirren: Man kann nicht einfach sagen, es geht nur um Personal und nur um Macht, sondern es geht auch um die Zukunft der Kirche.

von Billerbeck: Glaubt man in diesen konservativen Kreisen oder auch beim Vatikan in Rom tatsächlich, dass, wenn man sich von so einem Unternehmen verabschiedet, dass die Kirche dann reiner ist und dass man mit einer bereinigten Kirche der Welt besser entgegentreten kann?

Florin: Ja, dass die Kirche damit völlig bereinigt ist, das glaubt man sicher nicht im Vatikan. Aber der Papst hat ja vor wenigen Wochen ausdrücklich die Bischöfe aufgefordert, gegen Pornografie zu kämpfen, und er hat ausdrücklich gesagt: Wir können nicht immer nur sozusagen den anderen erklären, wie sie moralisch sind, wir müssen erst mal im – also ich sage es jetzt sinngemäß, etwas salopp –, wir müssen erst mal im eigenen Laden aufräumen.

Ich glaube, "Weltbild" ist nur der Anfang. Ich glaube mitnichten, dass jetzt hier mit "Weltbild" schon das Ende der Entweltlichung erreicht ist, sondern es ist erst mal ein spektakulärer Anfang, weil natürlich alles, was auch für uns Medien so interessant ist, Sex, Geld und Kirche, zusammenkommt. Aber es gibt sicherlich auch noch ganz andere Bereiche, in denen die Kirche diese Entweltlichungsdiskussion führen muss.

Und die Reaktion jetzt hier auf die "Weltbild"-Affäre hat ja eben gezeigt: Man kann dieses Papstwort nicht so einfach wegwischen. Es gab unmittelbar nach der Freiburger Rede ja schon die Tendenz, zu sagen, ach, so schlimm war das eigentlich gar nicht, was der Papst gesagt hat. Der hat nicht die Kirchensteuer gemeint, der hat uns nicht so harsch kritisiert, wie es sich zuerst mal angehört hat, es war ein freundlicher, netter Besuch. Aber ich glaube, je mehr Wochen vergehen, desto deutlicher wird erkennbar: Der Papst hat gelächelt, aber er hat nicht etwas Nettes zur deutschen Kirche gesagt.

von Billerbeck: Nun sagen Sie, das war der Anfang. Was könnte denn da noch kommen?

Florin: Bedenken Sie: Der Papst hat in Freiburg gesprochen, das ist die Hauptstadt der Caritas, das ist ein sehr großer Arbeitgeber, und der Papst hat ja auch schon mal gesagt, es sei eigentlich nicht die Aufgabe der Kirche, große Unternehmen zu führen. Also ich glaube, in diesem Bereich, im gesamten Sozialbereich wird man die Entweltlichungsdebatte führen. Man kann auch fragen: Braucht die Kirche so große Banken? Also wie ist es überhaupt mit dem Verhältnis zwischen Kirche und Geld? Ist das sozusagen das Kerngeschäft? Also da bieten sich noch einige Großthemen an.

von Billerbeck: Banken war das Stichwort: Der Kölner Kardinal Meisner hat sich mit seiner Diözese ja schon vor drei Jahren von "Weltbild" verabschiedet, und der hat ja jetzt auch gesagt, Bischöfe seien nicht dafür gemacht, großes Kapital zu machen und große Unternehmen mit Gewinnerzielungsabsicht und 6000 Mitarbeitern zu führen – ich habe das jetzt verkürzt und zugespitzt. Da habe ich mich ein bisschen gewundert, denn dass die katholische Kirche ein Problem mit Größe und Geld hat, war mir bisher neu.

Florin: Ja, aber auch da hat natürlich der Papstbesuch die Bedenken, die mancher sicherlich schon vorher hatte, einfach verstärkt. Der Papst hat von Privilegien gesprochen, er hat auch sicher von Geld gesprochen, dass Deutschland eine sehr reiche Kirche ist, und er hat schlicht die Frage gestellt: Braucht man das alles, oder ist nicht das Armutszeugnis das viel wahrhaftigere Zeugnis? Und das lässt sich nicht einfach so wegwischen, sondern das sind jetzt die Debatten, die innerhalb der Bischofskonferenz geführt werden.

Kardinal Meisner hat ja auch auf diesen Fall "Weltbild" auf die schöne Formel gebracht: Wir können nicht in der Woche das verkaufen und damit Geld verdienen, wogegen wir sonntags predigen. Und es geht in all diesen Punkten schon um die kirchliche Glaubwürdigkeit, und zwar nicht nur Glaubwürdigkeit gegenüber der Gesellschaft – die ist ja ohnehin angeschlagen –, sondern es geht auch um die Glaubwürdigkeit gegenüber den eigenen Gläubigen.

von Billerbeck: Christiane Florin war das, Redaktionsleiterin von "Christ und Welt" in der "Zeit". Ihren Text "Nackte Fakten, nackte Angst", den können Sie morgen dort lesen. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Florin: Ja, ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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