Samstag, 25.09.2021
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.08.2014

ErziehungRegeln, Hilfen und Ermunterungen

Erklärungen für das Verhalten auffälliger Kinder und Anleitungen für den Umgang mit ihnen

Von Susanne Billig

Gewalt bei Jugendlichen - die Suche nach der Ursache für Aggressivität ist meist schwierig (picture alliance / dpa)
Gewalt bei Jugendlichen - die Suche nach der Ursache für Aggressivität ist meist schwierig (picture alliance / dpa)

Ein Jugendpsychiater und ein Psychotherapeut geben Eltern und Erziehern Tipps, wie man mit gewaltbereiten Kindern umgeht. Das Buch "Faszination Gewalt - Was Kinder zu Schlägern macht" ist akribisch recherchiert und liefert konkrete Hilfen.

Aggressive Ausfälle im Schulunterricht, Prügelorgien auf nächtlichen S-Bahnsteigen, Amokläufe an Schulen mit Dutzenden von Toten - in ihrem kompetenten neuen Buch "Faszination Gewalt" untersuchen die beiden Psychiater Josef Sachs und Volker Schmidt das weite Feld jugendlicher Gewalttätigkeit.

Aus dem anatomischen Umbau des Frontalhirns während der Pubertät versuchen die Autoren abzuleiten, warum Jugendliche besonders anfällig sind für mangelnde Selbstkontrolle und Aggressivität. Der "menschliche Rechner" kranke während der Pubertät an einer schlecht funktionierenden Firewall und brauche extra viel Software in Form von Erziehungsimpulsen. - Was soll das? Der Auftakt des Buches gerät so leider blass und wenig überzeugend. Aufschlussreicher wäre es gewesen, hätten Josef Sachs und Volker Schmidt den spannenden Diskussionsstand der Hirnforschung differenziert dargelegt und mit der aktuellen Studienlage unterfüttert.

Doch ab dem zweiten Kapitel nehmen die Autoren an Fahrt auf und grasen akribisch und mit der Expertise ihrer langjährigen Erfahrung in der Jugend- und Erwachsenenpsychiatrie das gesamte Themenfeld ab: Inwiefern heben gewalttätige Filme und Computerspiele jugendliche Gewaltbereitschaft? Welche Relevanz haben Suchtmittel wie Alkohol, Designerdrogen, Cannabis? Wie sieht es mit psychischen Erkrankungen aus - Autismus, schizophrene Psychosen, Angststörungen, Depressionen? Wie häufig begehen Jugendliche auch Sexualstraftaten und welche Persönlichkeitsprofile lassen sich solchen Tätern zuordnen? Welche sozialpädagogischen Interventionen oder Therapien bieten sich jeweils an? Sichtbar abgesetzte Fallgeschichten bringen Farbe und Leben in die theoretischen Erörterungen und in der Zusammenschau macht das Buch klar, wie wenig simple Erklärungen greifen.

Es braucht immer eine Gemengelage von Bindungserfahrungen im Elternhaus, psychischen Dispositionen, Peergroup-Einflüssen und gesamtgesellschaftlichen Tendenzen wie etwa Leistungsdruck und konsumorientiertes Freizeitverhalten, um einen gewalttätigen Jugendlichen hervorzubringen.

Ähnlich differenziert und handfest zeigen sich auch die Erziehungstipps gegen Ende des Buches, wie etwa die "3-6-9-12-Faustregel" zur Mediennutzung: kein Bildschirm unter drei Jahren, keine eigene Spielkonsole vor sechs, kein Internet vor neun Jahren und kein unbeaufsichtigtes Internet vor zwölf. Insgesamt plädieren die beiden Psychiater für "Mut zur Erziehung". Damit meinen sie keinesfalls das Verbotsregime vormaliger Jahrzehnte, sondern sie möchten Eltern ermuntern, ihren Kindern Grundwerte zu vermitteln und vorzuleben und so oft wie möglich den Dialog zu suchen, auch über die Freizeitgestaltung des Jugendlichen. Die Schule sei hier allerdings auch gefragt, unterstreichen die Autoren ganz richtig: Sport, Kunst, Musik und das Gespräch über gesellschaftliche Fragen seien - PISA hin oder her - für die soziale und kognitive Entwicklung Heranwachsender nicht weniger relevant als Leistungsfächer wie Fremdsprachen und Mathematik.

Josef Sachs, Volker Schmidt: Faszination Gewalt - Was Kinder zu Schlägern macht
Orell Füssli, Zürich 2014, gebunden, 224 Seiten, 22,95 Euro

Mehr zum Thema

Jugendgewalt - Falsche Erziehung mit fatalen Folgen (Deutschlandradio Kultur, Thema, 09.04.2014)
Erziehung - Kein Daddeln am Mittagstisch (Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 12.02.2014)
Jugendgewalt - die Hemmschwelle sinkt (Deutschlandradio Kultur, Interview, 13.05.2013)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

Tsitsi Dangarembga: "Überleben"Verinnerlichte Verachtung
Cover des Buchs "Überleben" von Tsitsi Dangarembga. (Deutschlandradio / Orlanda)

Mit "Überleben" schließt die simbabwische Autorin Tsitsi Dangarembga ihre Trilogie um Tambudzai Sigauke ab. Für diese gibt es kein Entrinnen aus einem Leben, in dem Frauen weniger Wert sind als Männer. Das Schlimmste aber: Tambu glaubt selbst daran.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur