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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.01.2014

ErzählungenRussische Verhältnisse

Vladimir Odoevskij: "Der schwarze Handschuh"

Von Olga Hochweis

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Im frühen 19. Jahrhundert beschrieb Vladimir Odoevskij mit scharfer Feder die Heuchelei in der russischen Gesellschaft - und die bisweilen tödlichen Folgen von Intrigen. Dieser Band versammelt sieben seiner schönsten Erzählungen.

Fürst Vladimir Odoevskij (1803-1869), Schriftsteller und Literaturkritiker, Komponist und Musikforscher- und kritiker, war einer der am umfassendsten gebildeten Männer Rußlands seiner Zeit. In jungen Jahren nahm er teil am "Kreis der Weisheitsfreunde", einem philosophischen Zirkel in Moskau, der sich dem Studium der deutschen Philosophie widmete. Er schrieb Novellen über Bach und Beethoven, verknüpfte in seinen Erzählungen philosophische und moralische Betrachtungen mit Poesie, romantische Motive mit psychologischer Analyse, und er besaß zudem Sinn für Satire und Ironie.

Odoevskij inspirierte, der Übersetzer Peter Urban beschreibt es in dem lesenswerten Nachwort zu der Erzählungssammlung "Der schwarze Handschuh", Kollegen wie Turgenev, Tolstoj und Tschechov stark. Dostojewskij verwendete in seinem Erstling "Arme Leute" gar ein Zitat von Odoevskij und bekannte 1861 in einem Brief, daß er "ihn sehr verehre und viele seiner Werke liebe".

Missgunst des Adels

"Der schwarze Handschuh" versammelt sieben zumeist erstmals übersetzte Erzählungen aus den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts. Sie entstehen, als die Dominanz der Lyrik, die mit Puschkin ihren Gipfel erlebte, nachlässt. Der Zeitgeist zwinge einen, sich der rauhen Prosa zuzuwenden – dieser Gedanke Puschkins gilt auch für Odoevskijs Werk. Anders als viele Zeitgenossen, die den französischen Adels-Roman einfach kopieren, nimmt Odoevskij die russische Gesellschaft genau in den Blick.

Er beschreibt mit scharfer Feder die Heuchelei des Adels und die bisweilen tödlichen Folgen seiner Intrigen. Davon erzählen die Zwillings-Novellen "Prinzessin Mimi" und "Prinzessin Zizi", in deren Mittelpunkt eine unverheiratete Adlige steht – die erste ist intrigant und böse, die zweite ein Opfer verkommener gesellschaftlicher Konventionen. Dem bitteren Stoff zum Trotz zeigt Odoevskij immer wieder subtilen Humor:

"Lediglich ein erfahrener Beobachter fand in diesen dunkelbraunen Augen nicht die Flamme der Wonne, sondern schlicht jene südländische Trägheit, die sich seiner Ansicht nach in unseren Damen auf so seltsame Weise mit dem nordischen Phlegmatismus paart und den sie kennzeichnenden Charakter ausmacht."

Das vollkommene Glück ist wider die Natur

In der Erzählung "Sylphide" gibt sich ein Mann selig übersinnlichen Kräften hin. Wohlmeinende Menschen heilen ihn mit allerhand Kuren von dem vermeintlichen Wahnsinn, und fortan fristet er ein Dasein als funktionierender, aber keineswegs glücklicher Mensch.

Vom Glück oder vielmehr dessen Fehlen handelt auch die spannende, titelgebende Erzählung "Der schwarze Handschuh": In der Hochzeitsnacht stoßen die Gatten auf einen schwarzen Handschuh mit Botschaften, die Böses ahnen lassen. Es stellt sich heraus, dass sie vom größten Wohltäter der Eheleute stammen, dem Oheim, der streng nach Lehrbuch – und im Ergebnis desaströs – die Geschicke der beiden plante:

"Da das vollkommene Glück wider die Natur ist, fürchtete ich, dass Euer Glück euch bald langweilen würde."

 

Vladimir Odoevskij: Der schwarze Handschuh
Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Peter Urban
Manesse Verlag, München 2013
384 Seiten, 19,95 Euro

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