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Interview / Archiv | Beitrag vom 13.01.2019

Erwartungen an Politiker"Wir wollen Kaiser und Kumpel gleichermaßen"

Bernhard Pörksen im Gespräch mit Kirsten Lemke

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Bernhard Pörksen (Peter-Andreas Hassiepen)
Die aktuelle Debatte um Robert Habeck und Soziale Medien lege auch eine merkwürdige Schizophrenie der Ansprüche an Politiker offen, meint der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. (Peter-Andreas Hassiepen)

Nicht allein Twitter ist schuld an dem "Klima der Überhitzung", meint Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Sondern auch die Öffentlichkeit mit ihren "infantilen Erlösungs- und Verehrungssehnsüchten" – bei gleichzeitiger Lust an der Entzauberung.

Ein Tweet, eine Schlagzeile - und schon rollt wieder die Empörungswelle: Um das politische Kommunikationsklima scheint es derzeit nicht gut bestellt zu sein, wie jüngst der Fall Habeck deutlich gemacht hat. Und nachdem der Grünen-Chef wegen missverständlicher Tweets seinen Rückzug aus den Sozialen Netzwerken verkündet hat, fragen manche: Twitternde Politiker und Demokratie – geht das zusammen? Schadet Twitter der Demokratie?

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen warnt davor, Twitter für alles verantwortlich zu machen, was derzeit in der öffentlichen Debatte falsch läuft. "Dieses Einzelmedien-Bashing halte ich für vollkommen übertrieben", sagt er. "Mal sind die Talkshows schuld, mal soll es Twitter sein, mal Facebook."

Montage aus mehreren geöffneten Mündern und einem Twitter-Vogel. (imago/ZUMA Press)Wird Sofortreaktion zur politischen KernkompetenZ? (imago/ZUMA Press)

Ihm zufolge liegt das Problem in einem "Klima der Überhitzung", an dem Twitter seinen Anteil hat, aber eben nicht allein. "Für mich ist es eher so ein Zusammenspiel alter und neuer Medien", sagt Pörksen: Der twitternde Politiker, der Journalist, der diesen Tweet aufgreift -  und dazu dann eine Öffentlichkeit, die zum Teil mit "moralisierender Hypersensibilität" reagiere.

"Im Moment prallen aus meiner Sicht ziemlich infantile Erlösungs- und Verehrungssehnsüchte auf eine allgemeine Lust an der Entzauberung und auf eine grell überbelichtete Welt, in der dann große und kleine Fehler blitzschnell bekannt werden", so der Medienwissenschaftler. Man müsse sich als Öffentlichkeit auch die Frage stellen, welche Art von Politiker man eigentlich wolle? Hier sieht Pörksen eine "merkwürdige Schizophrenie" der Ansprüche: "Wir wollen verehren – wir wollen entzaubern. Wir wollen Aura, Charisma, Distanz – und gleichzeitig Nähe, Berührbarkeit, das Authentische. Wir wollen Kaiser und Kumpel gleichermaßen, und das widerspricht sich."

Die "Sofortreaktion" als Kernkompetenz von Politikern?

Anstatt nur über Twitter zu diskutieren, müsse man die Frage sehr viel allgemeiner fassen, meint der Medienwissenschaftler. "Wie kann eine Politik stattfinden, die sich nicht sozusagen dem totalen Imperativ der medialen Beobachtung und der Dauererreichbarkeit beugt?" Denn wenn die Kernkompetenz nicht länger das "allmähliche Bohren dicker Bretter", sondern die "Sofortreaktion" sei, tue das dem politischen Geschäft nicht gut.

(uko)

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