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Tonart | Beitrag vom 06.09.2021

Erstes 2G-Wochenende in Berliner ClubsOhne Maske auf dem Dancefloor

Von Gesine Kühne

Menschen tanzen in einem Club in Berlin (dpa / picture alliance / Sophia Kembowski)
Die Club-Atmosphäre genießen: In Berlin ist das jetzt wieder möglich. (dpa / picture alliance / Sophia Kembowski)

Die Berliner Clubs sind wieder offen, und alle, die geimpft oder genesen sind, dürfen rein. Die Party geht also wieder los: nächtliche Eindrücke von unser Reporterin Gesine Kühne.

Es ist Freitag, 22:15, gegenüber vom Fernsehturm befindet sich eine Berliner Institution. Die Hafenbar. Bekannt für ihre Schlagerpartys. Um 21 Uhr gingen hier nach anderthalb Jahren die Türen wieder auf. Drei Stunden vor dem offiziellen Inkrafttreten der 2G Regelung für Clubs und Diskos in Berlin. Ein maritimes Thema an den Wänden begleitet meinen Weg ins Untergeschoss.

Tanzen ohne Maske

Hier wird schon gesungen und getanzt, ohne Maske. Die Abstände sind noch so, dass man ohne viel Rempeln über die Tanzfläche laufen kann. Viele tragen an diesem Abend ein Hafenbar-T-Shirt, sie sind glücklich, dass hier endlich wieder angeheuert wird. Eine Gästin sagt: "Endlich hat das Leben wieder einen Sinn, man kann die Seele baumeln lassen."

Ich bin heute hier, weil mich diese familiäre Atmosphäre schon immer beeindruckt hat, die Fans des Ladens treffen sich zum Anstehen. Vor 21 Uhr ist die Schlange meist schon hundert Meter lang. Sie wollen die ersten sein. Doch erster ist meistens Ingo. So auch diesmal.

Vier Stunden wartet er auf dem Weg zu seinem geliebten Dancefloor – "mit Herzklopfen", wie er sagt. Doch dabei ist er nicht allein, wie mir Hafenbar-DJ Stefan Rupp erzählt: "Der erste Gast hat sich auf die Knie geworfen und dann die Arme in die Luft gehoben."

Ich freue mich mit allen, bleibe aber in meiner Beobachtungsecke. Hier schiebt mich kein Beat auf die Tanzfläche, hier fühle ich mich ohne Maske voll okay.

Digitaler Impfpass bevorzugt

Szenewechsel. Es ist Samstagnacht, eigentlich schon Sonntag. Halbzwei. Mein Freund Jakob und ich gehen heute aus. Tanzen zu elektronischer Musik in den Club Ritter Butzke. Das erste Mal ohne Maske. Ich habe ein mulmiges Gefühl. Denn aus Hamburg hat man von Impfpassfälschungen gehört, ein Grund, warum in der Hafenbar nur der digitale Pass gilt.

Ein schneller Blick der Security, ein Nicken, das Go in den Club. Kein Scan. Hier kann man, wie ich später erfahre, auch mit dem gelben oder orangefarbenen Impfbuch rein. Ritter Butzke ist ein großer Club, mehrere Räume. In einem Raum, der mich durch sein spitzes Glasdach an ein Gewächshaus erinnert, spielt die Musik. Laut, der Bass brummt im Bauch. Vor der Tür stoppen wir, Jakob und ich haben beide Skrupel, uns in die schwitzende Masse zu drängen.

"Es ist ungewohnt, in Menschenmassen zu stehen", sagt Gast Fabian. Aber nach ein paar Minuten mit komischem Gefühl sei man schnell wieder im alten Trott. Wie früher. Jakob und ich sind uns einig: Nein! Auch wenn der Bass lockt.

Clubs sind soziale Räume

Wir ziehen uns in einen großen Raum zurück mit langer Bar. Mein Name wird gerufen. Es ist der Barkeeper. Wir kennen uns. Lange schon. Gesehen haben wir uns Jahre nicht. Er gibt einen aus und erzählt, wie es ihm damit ging, heute ohne Maske in den Club zurückzukehren: "Ich hatte Gänsehaut, ein Gefühl von Leben und Zusammenhalt."

Das ist bei Clubkultur ein essenzieller Punkt. Clubs sind soziale Räume, viele Menschen in Berlin haben dort ihre Freunde gefunden oder so etwas wie eine Ersatzfamilie. Die Szene ist ein soziokulturelles Biotop.

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Jakob und ich stehen wieder am Floor. Wir wollen da rein. Die Musik nicht nur hören, sondern spüren. Wir schaffen es. Na gut: fast. Der Floor hat eine Art Galerie und von dieser gucken wir auf die Raver:innen. Eine wabernde Masse.

Zurück an der Bar diskutieren wir, ob 2G fair ist. Geimpft oder genesen. Das schließt Leute aus. Barkeeper Oli ist zwiegespalten.

"Ich habe zwei Meinungen dazu. Zum einen aus Clubsicht: Aus wirtschaftlicher Sicht ist nach anderthalb Jahren ein Zeitpunkt eingetroffen, wo Clubs reagieren müssen, damit sie überleben. Das finde ich ein Stück weit schon gerechtfertigt. Menschlich finde ich es eine Katastrophe."

Öffnen, um als Club zu überleben

Die Clubs haben gelitten in den letzten eineinhalb Jahren. Die Hafenbarbetreiberin zum Beispiel hat in einem Statement erklärt, dass sie niemanden ausschließen möchte, dass 3G die von ihnen gewollte Regelung wäre, aber sie öffnen trotzdem, um als Club erhalten zu bleiben. Aus wirtschaftlichen Gründen.

Das ist auch das Standing der Berliner Clubcommission. Schön, dass es losgeht, aber die PCR-Test-Alternative würde fehlen, schreibt Lutz Leichsenring, der Sprecher der Clubcommisson in einer Email an mich.

In der Ritter Butzke ist es inzwischen halbsechs geworden. Die Gespräche sind spannend, genau das ist Club auch: stundenlang quatschen. An der Bar. Und das macht definitiv in vier Wänden mehr Spaß als auf einer Wiese.

Die Getränke schmecken. Jetzt wollen wir es noch mal wissen! Dancefloor. Doch da ist inzwischen die Musik aus.

Ich war aus ohne Maske und Abstand. Und habe mich nicht in die Menge getraut. Ob ich es nächste Woche noch mal probiere? Ich glaube, ich warte noch. Und zwar auf das Ende der Pandemie.

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