Seit 17:05 Uhr Studio 9

Mittwoch, 20.11.2019
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Religionen / Archiv | Beitrag vom 21.12.2014

Erster WeltkriegWeihnachtlicher Waffenstillstand

Von Stefanie Oswalt

Podcast abonnieren
Schwarz-weiß-Foto deutscher und britischer Offiziere im Niemandsland während des inoffiziellen Waffenstillstands an Weihnachten 1914 im Ersten Weltkrieg. Sie stehen nebeneinander und schauen in die Kamera. (imago / United Archives)
Wundersame Weihnachtsgeschichte: deutsche und britische Soldaten an Weihnachten 1914 im Ersten Weltkrieg. (imago / United Archives)

Mitten im Ersten Weltkrieg, in diesem millionenfachen Sterben ereignete sich am Heiligen Abend 1914 etwas sehr Ungewöhnliches: Für ein paar Stunden oder Tage kamen die deutschen Soldaten und ihre Feinde, vor allem englische Soldaten, aus den Schützengräben - und feierten gemeinsam. Damit wird in England nun für Schokolade geworben.

Im Vereinigten Königreich ist es dieser Tage so gut wie unmöglich, dem Weihnachtsfrieden von 1914 zu entgehen. Denn eine große Supermarktkette hat das Werbepotential dieser anrührenden Begebenheit erkannt. Sie hat einen klinisch sauberen Werbefilm daraus gezaubert, der allerorten gezeigt wird und bei Youtube schon mehr als 14 Millionen Klicks verzeichnet: Ein fiktives Rührstück aus dem Schützengraben auf der Basis historischer Tatsachen. Es bewirbt eine Tafel Schokolade.

Das Märchenhafte des Weihnachtsfriedens hat auch Michael Jürgs fasziniert. Der Journalist war vor zehn Jahren der erste, der einen Bestseller zum Thema geschrieben hat. Jürgs recherchierte in zahlreichen deutschen, belgischen und vor allem britischen Archiven und machte dort unglaubliche Funde:

"Im Imperial War Museum waren etwa 20 Kassetten von deutschen Soldaten aus dem 'Großen Krieg', wie er hieß. Das war ja nicht der 'Erste Weltkrieg', sondern der hieß der 'Große Krieg“, weil sich kein Mensch vorstellen konnte, dass es je einen zweiten Weltkrieg gab. Und dies hatte auch noch nie irgendjemand gehört, weil die das Deutsch nicht konnten, und dadurch hatte ich natürlich unglaubliches Erstmaterial."

Hinzu kamen Tagebücher, Briefe, Zeitungsausschnitte.

"Und dann konnte ich die Geschichte so genau erzählen, dass ich wusste, wie das Wetter war, wie die Nacht aussah. Warum das überhaupt funktioniert hat, nachdem es wochenlang geregnet hatte, Schlamm war. Und ich versuchte dann, den Weihnachtsfrieden dadurch hinein zu bekommen, dass ich sagte: Als ob der liebe Gott die Bühne inszeniert habe. Nämlich: Plötzlich war der Boden gefroren, es war Mondschein, man konnte sich sehen, man konnte auftreten. Und plötzlich sangen die Deutschen."

Und wagten sich aus den Schützengräben.

Gemeinsames Trinken

Ausschnitt aus dem Werbespot: "Ein Brite kommt..." - "Halt!!! Er ist nicht bewaffnet."

Verbrüderungsszenen, Bestatten der Toten im Niemandsland, schließlich gemeinsames Trinken. Jürgs schildert etliche Beispiele:

Zitat aus Jürgs Buch (S. 198):

"Heute rollen ein paar Soldaten vier kleine Fässer herüber, gefolgt von zwei Offizieren mit einem Tablett und Gläsern. Zunächst prosten sich die Herrn Offiziere zu, ein Toast gilt dem König, einer dem Kaiser, dann lässt der britische Kommandeur Plumpudding verteilen, denn er will sich revanchieren, und schließlich dürfen sich alle Soldaten einen Schluck genehmigen. (…) Bei Einbruch der Dunkelheit marschieren alle wieder in ihre Gräben."

Auch die Buch-Autorin Lisbeth Exner zitiert in ihrer dieses Jahr erschienenen "Verborgenen Chronik 1914" aus einem Tagebuch eines Frontsoldaten. Es ist der Bericht des Landwirts Karl Groppe, der bei Brimont einem französischen Regiment gegenüber lag.

Exner: "Dieses Tagebuch ist aus meiner Sicht eher grauenhaft. Das war nämlich so ein Landser-Typ. Das heißt, er beschreibt ganz intensiv Gräueltaten an Belgiern als Revancheakte. Er schreibt auch sehr martialisch über Kampfhandlungen. Aber er beschreibt auch diesen kleinen Weihnachtsfrieden da."

Zitat Karl Groppe aus Exners Buch (S. 352):

"Es entstehen große Massenansammlungen zwischen den beiden Stellungen. Die französischen Soldaten sind des Krieges auch überdrüssig und schimpfen auf die Engländer. Verschiedene zeigen Bilder ihrer Frauen und Kinder und sagen ein über das andere Mal: 'Malheur, malheur.'"

Werbespot heiß diskutiert

Spielte die christliche Friedensbotschaft in den vielen Tagebüchern, die Elisabeth Exner für ihre Chronik durchgelesen hat, eine Rolle?

"Das Religiöse, hatte ich den Eindruck, hat nur am Rand eine Rolle gespielt. Die meisten schildern, dass sie in irgendeinem Gottesdienst waren. Aber über 'Weihnachten als Fest der Liebe' oder solche Dinge haben sie sich überhaupt keine Gedanken gemacht. Wichtig war ihnen, dass sie die Geschenke aus der Heimat bekommen haben – diese Liebesgaben, die ja diesen bezeichenden Namen."

Nächstenliebe und der Gedanke zu teilen - der britische Spot bedient sich ganz ungeniert dieses Postulats des Weihnachtsfests: Vor dem Abspann erscheint der Schriftzug "Christmas is for Sharing". Der Erlös aus dem Schokoladen-Verkauf kommt der Royal British Legion zu, dem britischen Veteranen-Verband, der als offzieller Partner des Spots genannt wird. Beim Bund deutscher Veteranen hat man den Spot übrigens heiß diskutiert, sagt Arnd Steinmeyer, der als Jurist für den Verband tätig ist.

"Da hat man sich zunächst einmal die Frage gestellt: Wäre so etwas auch in Deutschland möglich? Und ist da sehr schnell zu dem Ergebnis gekommen, dass das völlig illusorisch ist. So was würde es in Deutschland nach unserer Auffassung nicht geben und ist auch in naher Zukunft nicht denkbar. Weil wir einfach eine völlig andere Veteranenkultur haben, wie sich auch aus der Geschichte heraus begründet. Wer Kriege gewinnt, hat auch eine andere Veteranenkultur als derjenige, der Kriege verliert."

Den britischen Werbespot sehe man mit sehr ambivalenten Gefühlen, weil er die grausame Realität des Krieges völlig weichspüle: Kein Dreck, keine Exkremente, keine Ratten, keine Verwundungen, keine seit Wochen zwischen den Schützengräben verwesenden Leichen trüben das Bild. Beinahe neidvoll sieht man aber, dass man in Großbritannien mit Veteranen offenbar Spenden einwerben kann. Denn finanzielle Unterstützung, sagt Steinmeyer, hätten die inzwischen über 300.000 Veteranen der Bundeswehr oft auch dringend nötig.

 

Michael Jürgs: Der kleine Frieden im Großen Krieg. Westfront 1914. Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten. München 2003.

Elisabeth Exner/ Herbert Kapfer: Verborgene Chronik 1914. Herausgegeben vom Deutschen Tagebucharchiv, Berlin 2014.

 

Mehr zum Thema:

Erster Weltkrieg - 580.000 Namen an einem Ort
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 11.11.2014)

Erster Weltkrieg - Kriegsgefangene bauten Kirche
(Deutschlandradio Kultur, Religionen, 26.10.2014)

Erster Weltkrieg - Marsmännchen im Anflug
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 23.09.2014)

Erster Weltkrieg - Vom Kriegspfad zum Friedensweg
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 10.09.2014)

Portal 100 Jahre Erster Weltkrieg

Religionen

Pogromnacht 1938Der Lehrer wirft den ersten Stein
Familienfoto mit Vater, Mutter und drei Kindern in schwarz-weiß (privat)

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fallen Nationalsozialisten über jüdische Geschäfte und Wohnungen, Schulen und Synagogen her – und ermorden hunderte Juden. Mirjam Pollin war damals 13, heute gehört sie zu den letzten lebenden Zeugen.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur