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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 02.07.2014

Erster WeltkriegPferde und Panzer

Der Erste Weltkrieg und die Zeitenwende in der Kriegsführung

Von Susanne von Schenck und Ralf Bei der Kellen

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Berittene Artillerie der russischen Armee im Ersten Weltkrieg (AFP)
Berittene Artillerie der russischen Armee im Ersten Weltkrieg (AFP)

Für viele Adelige war es im Ersten Weltkrieg noch Ehrensache, mit dem Pferd in die Schlacht zu ziehen. Doch die klassischen Kavallerieattacken scheiterten im Feuer von Maschinengewehren und Artillerie. Die Kriegsführung sollte sich bald grundlegend ändern.

"So muss denn das Schwert nun entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf! Zu den Waffen!"

6. August 1914: Kaiser Wilhelm II. hält seine "Ansprache an das Deutsche Volk", eine Woche nach der Mobilmachung zum Ersten Weltkrieg. Am 10. Januar 1918 wiederholt der Kaiser die Rede für die Aufzeichnung auf eine Wachsmatritze.

"Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Ross."

Gerhard Bauer: "Ein Kennzeichen des Ersten Weltkriegs ist, dass alles zu Material wurde. Man ist vielleicht noch mit einer anderen Vorstellung in den Krieg reingegangen, aber als dann die großen Abnutzungsschlachten in Verdun, an der Somme stattgefunden haben, kam es bloß noch drauf an, so viel wie möglich Material nachzufüttern, ob das jetzt Menschen waren oder Tiere."

1984, 70 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, schrieb der Brite Michael Morpugo ein Jugendbuch, in dem er den Krieg aus Sicht eines Pferdes schildert. Der Titel: "War Horse". 2007 hatte es als Theaterstück in London Premiere, auch in Deutschland läuft das Stück erfolgreich. 2011 verfilmte Steven Spielberg den Stoff. Das Schicksal der Pferde im Krieg geriet damit – wieder – stärker in die öffentliche Wahrnehmung, erklärt Eric Baratay von der Universität Lyon. Der Historiker ist Verfasser des Buches "Bêtes des Tranchées" – Tiere in Schützengräben:

"Das Interesse an den Tieren begann nicht mit Wissenschaftlern, sondern Amateurforscher entdeckten das Thema für sich. Das hängt mit einem allgemeinen Interesse der westlichen Gesellschaften an der Welt der Tiere zusammen. Man sieht vor allem das Leiden der Tiere, ihren Wert. Und letztendlich – so kann man ihre Rehabilitation erklären – folgen dann die Historiker, sie haben die Beschäftigung damit nicht angestoßen, befassen sich aber seit ca. 2010 damit, also mit Verspätung im Vergleich zum Rest der Gesellschaft."

Zwischen 10 und 16 Millionen Pferde wurden von allen Kriegsparteien eingesetzt; die Zahl der umgekommenen Tiere wird in den meisten Schätzungen mit acht Millionen angegeben. Genaue Zahlen gibt es nicht. Da man es schon mit den Menschen nicht so genau nahm, kam es auch auf ein paar hunderttausend Pferde mehr oder weniger nicht an.

"Am schlimmsten während dieser Stellungskriege in den Schützengräben sind die Lebensbedingungen für die Pferde: es ist kalt und feucht, es gibt nicht genug zu fressen. Die Folge: sie werden krank, Epidemien breiten sich aus, zum Beispiel die Räude, eine Hauterkrankung durch Parasiten, die bald zur Plage in allen Armeen wird, die man nicht in den Griff bekommt. Sie überträgt sich schnell von einem Pferd aufs nächste, es gibt kaum Medikamente, die Tiere kratzen sich, regen sich auf, nehmen stark ab und ein Großteil von ihnen wird getötet, weil sie nicht mehr arbeiten können."

Der Kavallerie kam bei den Kriegsplanungen noch eine wichtige Rolle zu 

Gerhard Bauer: "Im Westen war es tatsächlich so: Es gab Kavallerieattacken im August 1914, die klassischerweise mit gezogenem Säbel und eingezogener Lanze geführt wurden, dann aber in den meisten Fällen blutig gescheitert sind am Schnellfeuer von Maschinenwaffen oder gut gedeckter Infanterie", erklärt Gerhard Bauer vom Militärhistorischen Museum in Dresden. Zunächst wurden Pferd und Reiter noch im Kampf eingesetzt.

Sybill Ebers: "Bis 1926 gehörte zur Ausrüstung eines Kavalleristen noch diese lange Lanze, die ja eigentlich eher hinderlich ist als nützlich, das finde ich schon sehr erstaunlich. Es steckt also viel Tradition dahinter."

Sybill Ebers, Leiterin des Westfälischen Pferdemuseums in Münster, zeigt das Standbild eines Reiters – das eher an das Mittelalter denken lässt als an das 20. Jahrhundert.

Gerhard Bauer: "Die großen Adelsfamilien in Preußen haben Wert drauf gelegt, dass ihre Söhne bei den alleredelsten Regimentern, z.B. Garde du Corps gedient haben. Die Artillerie hat man dann, zumindest, wenn es Linienartillerie war, gelegentlich sogar Bürgerlichen überlassen. Es gab auch graduelle Unterschiede im Deutschen Reich, nach 1871. Bayern war in der Beziehung weitaus liberaler bzw. pragmatischer. In Preußen war man in der Beziehung noch sehr verknöchert. Es war tatsächlich so: Die Offiziersstellen bei der Kavallerie waren fast durchweg mit Adligen besetzt."

Die Entscheidung, Deutschland in einen Krieg zu führen, wurde 1914 maßgeblich von Helmuth Johannes Ludwig von Moltke und Erich von Falkenhayn vorangetrieben. Beide waren Angehörige des preußischen Adels – genauso wie Alfred Graf von Schlieffen, Verfasser des Schlieffen-Plans, der einen Zweifrontenkrieg vorsah: erst der Angriff im Westen, anschließend im Osten. Dabei maß er der Kavallerie eine wichtige Rolle zu.

"Das gehört sicherlich dazu, das Sozialkonservative, insbesondere der Kavallerie, insbesondere der preußische Adel, aber auch der Adel in anderen deutschen Ländern, der natürlich an dem Pferd hing."

Sven Lueken ist im Deutschen Historischen Museum in Berlin für die Sammlung Militärisches Gerät zuständig.

"Das Pferd war die Voraussetzung für den Adel gewesen im 12., 13. Jahrhundert, das war noch bewusst, dass die Einheit zwischen Pferd und Reiter bedeutete, dass der Mann, der Mensch auf dem Schlachtfeld überlegen war – und daraus leitete der Adel seine Führungsposition im Verlauf des Mittelalters ab. Das hat sich natürlich in gewisser Weise erhalten."

1914 gingen die Entscheider von einem schnellen Krieg aus, der höchstens so lange dauern würde wie der siegreiche Krieg 1870/71. Auch wenn das an der ihnen bekannten Realität der modernen Bewaffnung vorbeiging.

"Man dachte, man wird schon fertig mit diesen neuen technischen Herausforderungen, und versuchte, dem beispielsweise durch eine Art 'Offensivgeist' zu begegnen. Alle Nationen, insbesondere Deutschland und Frankreich, aber auch die Russen und die Engländer versuchten, durch moralische Aufrüstung diesem Problem zu entkommen. Das stellte sich dann erst während des Ersten Weltkrieges heraus, dass man so nicht weitermachen konnte."

Denn an der Westfront kam es bald zum Stellungs- und schließlich zum Grabenkrieg.

"Im Laufe des Herbstes 1914 war klar, dass das Maschinengewehr die wichtigste Waffe werden sollte, die zwang die Soldaten in Deckung, man redete damals von der Leere des Gefechtsfeldes – es war einfach niemand mehr zu sehen."

Pferd und Reiter waren dem MG-Feuer hilflos ausgeliefert

Die einstmals stolze Kavallerie mit Lanze, Säbel und "Hurra" war dem MG hilflos ausgeliefert – nicht zuletzt, weil Mann und Ross im Gegensatz zum Infanteristen eine geradezu gigantische Zielfläche boten, zumal sie immer, wie der französische Historiker Eric Baratay erklärt, im Pulk angriffen. Angesichts der Maschinengewehre war das geradezu selbstmörderisch.

"Warum müssen sie im Pulk angreifen? Einfach deshalb, um zu verhindern, dass die Pferde sich der Gefahr bewusst werden, Angst bekommen, wenn sie den Kanonendonner hören, die Salven, das Geschrei. Im Pulk haben die Pferde einen ganz eingeschränkten Gesichtskreis, es ist extrem staubig, sie konzentrieren sich nur auf das, was genau vor ihnen ist, um die Hindernisse zu  umgehen – Pferdeleichen, gefallene Reiter  - das ganze mit dem Ergebnis, dass sie keine Zeit haben, Angst zu haben. Daher diese Angriffe. Würde man in einer Linie und nicht im Pulk angreifen, würden die Pferde sofort Angst bekommen." 

"Sie reiten an. Das erste Massiv hebt sich kurz. Senkt sich. Hebt sich. Ab. Auf, ab, auf, ab, auf, Trab. Dahinter das zweite, auf, ab, auf, Trab. Gleichzeitig zwei Glieder, eng gepresst, Trab. Und Trab. Und, ausholend, ein Ansprung der ganzen Front, Pferdebeine ausgreifend, die Hufe gestreckt in die Luft, und auf und gestreckt, ab und Galopp, und die Bäuche auf dem Boden, Hals vor .. ! Heran, zwei Reihen, an die Gräben. Und die Reiter, die Lanzen noch halbhoch und gesenkt heran ..  Da fällt ein Tier, da bricht eins in die Knie, da wirft eins den Kopf hintenüber, da rollt ein Reiter ab, da schleift einer im Bügel."

Edlef Köppen, "Heeresbericht". Köppen war Student, wurde 1914 in den Krieg eingezogen und schilderte in seinem "Heeresbericht" auf drastische Weise das Kriegsgeschehen. Die Deutschen ließen die britische Kavallerie ganz nah herankommen und eröffneten dann das MG-Feuer.

"Und es sägt und stampft und quetscht und wühlt und frisst. Maschinengewehre zwischen die schlagenden Beine der Pferde, dass die zerzackten Stümpfe über die Erde schlurren, Schrapnells vor die Brust, Granaten unter den Bauch, Bündel schwefelgelber Stichflammen, Säulen aus braunem Rauch, Fontänen armdick Blut und Gedärme, hoch geschleudert Glieder und Rümpfe aus Menschen und Tieren."

Die Versorgungslücken der deutschen Armee sind schon kurze Zeit nach Kriegsausbruch groß. So fehlt zum Beispiel das dringend benötigte Salpeter aus Chile, zur Herstellung von Sprengstoff. Auch bei der Versorgung der Pferde entstehen bald Engpässe.

"Das größte Problem war die Futterversorgung", berichtet der Veterinärmediziner Hugo Fürst. "Man ging ja nach dem Schlieffen-Plan von einem sehr kurzen Krieg aus, hatte deshalb auch keine Futtervorräte organisiert, weil man glaubte, man könne aus dem Land leben. Was aber nicht funktioniert hat. Schon am dritten Mobilmachungstag wurde der Hafer knapp, und es blieb während des ganzen Krieges ein großes Problem, die Pferde mit Futter zu versorgen."

Sybill Ebers: "Das Laub der deutschen Wälder kommt in seinem Nährwert dem Wiesenheu gleich. Es wird dringend für die Heerespferde gebraucht – und zwar alles Laub. Außer: Faulbaum, Goldregen, Traubenkirsche, Akazie und Efeu."

Wie immer wieder in Notzeiten durch Dürreperioden wurden Laub und Holz verfüttert, was den Pferden natürlich nicht gut bekam. Sybill Ebers liest im Magazin des Westfälischen Pferdemuseums ein Plakat mit einem Appell an die Bevölkerung aus dem Jahr 1914 vor.

"Sammelt daher Laub, soviel wie möglich, und liefert es an die Ortssammelstelle ab, die bei der Gemeindebehörde oder der zuständigen Kriegswirtschaftsstelle, Landratsamt, zu erfahren ist. Viele tausend Zentner sind nötig, ein jeder helfe, sie zusammenzubringen. Kriegsamt."

An der Ostfront blieb es beim Bewegungskrieg

An der Ostfront spielte die Kavallerie eine weitaus größere Rolle. Zwar hatten auch die Russen leistungsfähige MGs und Artillerie – aber in zu kleiner Stückzahl und oft taktisch schlecht aufgestellt. Denn, so Eric Baratay aus Lyon:

"Im Osten – und das ist das der große Unterschied zum Westen, wo die Front sich schnell stabilisiert - bleibt der Krieg ein Bewegungskrieg. Die Pferde müssen sehr große Strecken zurücklegen. In deutschen, österreichischen oder russischen Zeugnissen liest man, dass diese großen Entfernungen für die Pferde kaum zu schaffen sind, sie sind erschöpft. Die Österreicher beschreiben sehr gut, wie ihre Pferde durch Gurte, Sättel oder Geschirr verletzt sind. Man hat aber kaum Medikamente, die Sterblichkeit ist sehr hoch."

Der 1883 in Göttingen geborene Rittmeister Felix Bürkner erinnert sich in seinen Memoiren "Ein Pferdeleben" an einen Angriff in Russland:

"Sofort Signal: Galopp! Kommando: Zur Attacke! Lanzen gefällt! Hurra! Der Weg war breiter geworden, die Lanzen kamen zu ihrem Recht. An sie mussten wohl viele glauben. Ein russischer Reiter verschwand mit einer Lanze im Rücken rechts im Walde, einem anderen ging es schlimmer: mit zwei Lanzen im Rücken galoppierte er laut schreiend in wilder Fahrt an der Eskadron vorbei. Etwa hundert Meter vor dieser versuchte er, mit der letzten ihm zur Verfügung stehenden Kraft sein Pferd rechts in den Wald hinein zu reißen. Es gelang ihm, aber die Lanzenenden verfingen sich im Gestrüpp, er glitt nach hinten vom Pferde hinab, sein Rücken wurde buchstäblich von den Lanzen aufgebrochen. Ein Unteroffizier gab ihm mit der Pistole den Fangschuss."

Wie sehr die Kavalleristen noch an ihre Überlegenheit glaubten, wird auch in Bürkners Memoiren deutlich, wenn er schreibt:

"Die ‚ultima ratio regis’-" -also "das letzte Mittel des Königs"- "-war immer das Pferd."

Der ritterliche Angriffsgeist, den die Kavallerie bis dahin verkörpert hatte, verlagerte sich auf andere Bereiche – zum Beispiel auf den Luftkampf, wo das Duell Mann gegen Mann noch möglich war. Im April 1915 entwickelte die Fokker Aeroplan GmbH einen Mechanismus, der es mittels Synchronisation zwischen Motor und Maschinengewehr dem Piloten ermöglichte, durch die Propellerblätter zu schießen. Flieger wie Manfred von Richthofen – der 1914 als Kavallerist in Belgien einfiel und sich im anschließenden Stellungskrieg langweilte – wurden zu neuen, ritterähnlichen Helden. Richthofen tauschte Pferd gegen Flugzeug und Säbel gegen MG.

Pferd und Reiter war nicht nur für die Artillerie, sondern bald auch für die Flieger mit ihren MGs ein leichtes Ziel geworden: Im Tiefflug schossen sie auf Mensch und Tier. In Memoiren von Kavalleristen wird immer wieder geschildert, wie die Reiter unter ihren erschossenen Pferden quasi "begraben" werden.

Entwicklung und Einsatz neuer Waffen ging unter dem Druck, den Stellungskrieg aufzubrechen, rasend schnell voran. 1914: Der Flammenwerfer. 1915: Das Giftgas. 1916: Der Panzer. An der Westfront machten diese neuen Waffen den Kampf zu Pferd obsolet, nicht aber das Pferd als Transportmittel, wie der Militärhistoriker Gerhard Bauer erklärt:

Gerhard Bauer: "Mit Heeresfeldwägen wurde der Nachschub von den Bahnhöfen in der Etappe unmittelbar hinter die Frontlinie gebracht, ganz egal ob es sich jetzt um Lebensmittel oder Munition handelte. Viele Filme aus der Zeit zeigen endlose Kolonnen solcher Heereswägen, die sich über sehr enge Straßen bewegen, auch sehr langsam, und aus diesem Grunde auch immer ein sehr leicht zu treffendes Ziel für gegnerische Flieger und Artillerie waren. Und gerade unter den Zugpferden, die in Millionen eingesetzt wurden, im Westen an allen Fronten des Ersten Weltkriegs, hat’s gerade in Folge solcher Feuerüberfälle oder durch Bombenabwürfe unglaubliche Verluste gegeben."

Es gab noch eine weitere, perfide Methode, Menschen, vor allem aber Pferde aus der Luft anzugreifen, erläutert Sven Lüken.

"Das geht schon los, 1914, auch im Westen, als die Flugzeuge anfangen, etwas abzuwerfen, um die Bodentruppen zu bekämpfen, Bomben noch nicht, die hatte man noch nicht, sondern die sogenannten 'Fliegerpfeile', so was wie Dartpfeile heute, die man auf Scheiben wirft – so was warf man dann über Kolonnen ab. Das war für Menschen auch ein Problem, wenn man davon getroffen war, war man getötet oder schwer verwundet, aber man konnte relativ leicht in Deckung gehen – es reicht, wenn man in ein Haus geht, da war man geschützt vor den Fliegerpfeilen. Pferde konnten das nicht, die mussten stehenbleiben und waren dann das Opfer von solchen Fliegerpfeilen. Das betraf aber hauptsächlich Pferde, die als Zugtiere Verwendung fanden, nicht unbedingt die Kavallerieeinheiten."

"Der schlimmste Todesritt unseres Lebens"

Tiere und Technik in diesem ersten industriellen Krieg. Pferde waren nach wie vor wichtig – nicht nur, weil sie Artilleriegeschütze oder Verpflegung durch die verwüsteten Landstriche ziehen konnten, wo LKW versagten. Gelegentlich sorgten Pferde auch noch für Aufklärung – vor allem, wenn die Telefonleitungen zwischen den einzelnen Heeresabschnitten unterbrochen waren. Rittmeister Felix Bürkner beschreibt einen Einsatz in der Nähe des nordfranzösischen Arras 1918:

"Wir saßen auf zu diesem allerdings schlimmsten Todesritt unseres Lebens. Ab ging‘s in gestrecktem Galopp. Da das Kampfgelände durch Schützengräben und Trichter völlig unpassierbar war, erklommen wir einen Bahndamm und jagten auf diesem über teils aufgerissenen Schwellen zwischen den Gleisen im flankierenden Maschinengewehrhagel und dem unablässig rollenden Trommelfeuer der feindlichen Artillerie, einem Inferno der Hölle, dahin, als ob der Teufel hinter uns säße."

Aufklärungsreitpferde in den Linien hinter der Front mussten große Distanzen zurücklegen, oft 60 bis 120 Kilometer am Tag, wurden oft tagelang nicht abgesattelt oder abgeschirrt, litten unter Satteldruck, Geschwüren und Räude. Aber, so Sybill Ebers vom Westfälischen Pferdemuseum in Münster:

"Die veterinärmedizinische Versorgung im Ersten Weltkrieg war erstaunlich und komplex organisiert, man kann sagen, dass sie zum Ersten Weltkrieg erstmalig professionalisiert wurde. Es gab veterinärmedizinische Einheiten, also Tierärzte-Offiziere, es gab eine hochorganisierte Logistik, um verletzte Pferde von der Front in Pferde-Lazarette, also in Feld-Lazarette, in Stallungen zu bringen, um sie dort tierärztlich zu versorgen – bis hin auch, dass sie dann hinterher in die Heimat-Lazarette kamen."

Nach dem erstmaligen Einsatz von Giftgas wurden auch Schutzbrillen, Schutzgamaschen und Gasmasken für Pferde bereitgestellt. Es gab sogar mobile Operationstische. Die Technisierung des Krieges ging einher mit der unzeitgemäß anmutenden Fixierung auf die Kavallerie. Zur Ironie der Kriegsgeschichte 1914-18 gehört indes, dass die Kavallerie doch noch eine wichtige, wenn nicht gar beinahe kriegsentscheidende Bedeutung bekam. Sven Lüken vom Deutschen Historischen Museum:

"Beispielsweise ist die letzte deutsche Offensive im Frühjahr 1918 unter anderem deshalb gescheitert, weil man nicht genug Kavallerie hatte, um diese Räume, die man jetzt gerade aufgemacht hatte, auch zu besetzen. Wenn man die Kavalleriedivisionen, die man 1914 hatte, 1918 gehabt hätte, wäre – möglicherweise – der Krieg anders ausgegangen."

Und dann war er zu Ende, der "große Krieg", wie Engländer, Franzosen und Belgier ihn nannten. Zehn Millionen Soldaten hatten ihr Leben gelassen, dazu sechs Millionen Zivilisten. Und schätzungsweise acht Millionen Pferde.

"Es sind in einzelnen Schlachten, Verdun und an der Somme unglaublich viele, vor allem Zugtiere vor allem durch das Artilleriefeuer ums Leben gekommen, in manchen Fällen ging das in die Tausende pro Tag. Wenn man sich überlegt, wo Pferde eingesetzt waren, nicht nur an der Westfront, sondern in noch größerem Maße an der Ostfront und im Nahen Osten, dann kann es sogar sein, dass die Zahl von 8 Millionen noch untertrieben ist."

Nach dem Krieg kamen viele Pferde zum Metzger

Für die Pferde, die das Kriegsende erlebten, war die Beendigung der Kämpfe oftmals jedoch keine Erlösung. Waren sie abgemagert, erschöpft, krank, wurden sie sofort erschossen. Die Briten, so Eric Baratay, verkauften viele ihrer Pferde an französische Metzger.

"In England sorgte das für einen großen Skandal: Tierschutzvereine haben eingegriffen. Das verpflichtete die englische Armee dann, ungefähr 60.000 Pferde nach England zurückzuschicken. Die Tierschutzvereine haben eine Art Altersheim für die Pferde gegründet, in Frankreich, am Ärmelkanal für die englischen Pferde. Aber ein Teil kam dennoch ins Schlachthaus, und das ist nicht gerade ruhmreich für die Menschen."

Einige  Pferde wurden auch geehrt. Zum Beispiel Ragtime, ein englisches Pferd,  das den ganzen Krieg mitgemacht hatte. 1924 kehrte es in seine britische Heimat zurück. Dort nahm es, hochdekoriert, regelmäßig an Veteranendefilés teil. Ragtime war kein Einzelfall. Nach dem Krieg wurde das Pferd oft zum treuen Freund des Soldaten stilisiert – was vielleicht mit einer Verherrlichung einer nun endgültig untergegangenen Zeit der stolzen Kavallerie zusammenhing.

"... trauerndes Pferd am toten Soldaten, trauerndes Pferd am Pferdegrab…Pferd, treuer Freund, besucht schwerverletzten Soldaten im Krankenhaus…"

Sybill Ebers zeigt eine Sammlung zeitgenössischer Postkarten.

"…da wird auch nicht immer die Zeit zu gewesen sein: Soldat hält sterbendes Pferd in den Armen (blättert um, immer wieder) und das sind die Auszeichnungen für Pferde: ‚Kriegskamerad Pferd’."

Vielleicht ist es auch ein schlechtes Gewissen, das aus diesen Karten spricht. Vielleicht wollte man etwas ganz anderes verdrängen, wie Sven Lütken andeutet:

"Überhaupt: Ein Krieg der Perversionen ist der Erste Weltkrieg ja auch – zivilisatorische Schranken fallen, eine nach der anderen. Da setzen sich Wissenschaftler hin, die vorher dem Menschen wohlgedient haben, und entwickeln Giftgas. Sie entwickeln das nicht nur, sie schlagen das den Militärs vor und sagen: Setzt das doch ein! Dann machen die das natürlich auch, wenn man ihnen das zur Verfügung stellt. Es werden Flammenwerfer entwickelt, mit Treibstoffen, die man vorher zum Autofahren verwendet hat, um Menschen anzuzünden beispielsweise, es werden Hunde mit Minen ausgestattet, die dann auf das Schlachtfeld laufen und dann gezündet werden beispielsweise, es werden auch Tiere eingesetzt in Schützengräben, um den Menschen zu zeigen, wenn Giftgas kommt – die Engländer hatten Kanarienvögel in ihren Schützengräben, die dann von der Stange fielen, wenn Giftgas kam oder Schnecken beispielsweise, die dann auch verendeten, wenn die Erde kontaminiert war. Das alles sind Dinge, die es in keinem Krieg zuvor gegeben hat, das war auch eine Entfesselung der Zivilisation, die da passiert ist."

Am Rande des Londoner Hyde Park steht ein Denkmal für die im Krieg umgekommenen Tiere, das "Animals in War Memorial". Prinzessin Anne hat es 2004 eingeweiht. Es trägt die lapidare Inschrift: "They had no choice", "Sie hatten keine Wahl". Es soll an die Millionen Tiere erinnern, die in den Kriegen und Konflikten des 20. Jahrhunderts den britischen und alliierten Streitkräften dienten, für sie litten und starben. Domestizierte Tiere, die oft nicht anders konnten, als ihren Menschen zu folgen.

Kaiser Wilhelm: "Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, das unsere Väter neu sich gründeten."

Wilhelm II., der deutsche Kaiser mit britischen Vorfahren, hätte, bevor er die Kriegserklärung unterzeichnete, besser Shakespeare gelesen…

"Wo ist von unsern Toten das Verzeichnis? Eduard, Herzog von York, der Graf von Suffolk, Sir Richard Ketly, David Gam Esquire…"

Heinrich V., vierter Akt, achte Szene: Nach der Schlacht von Azincourt 1415.

"Von Namen keine sonst, und von den andern… [mit großer Verwunderung] nur fünfundzwanzig. (…) Wann sah man, ohne Kriegslist, im offnen Stoß und gleichem Spiel der Schlacht, wohl je sowenig und soviel Verlust auf ein und andrer Seite?"

Auch wenn sich Shakespeare die Freiheit nahm, die Zahl der britischen Verluste herunterzuspielen – sie ist dennoch bemerkenswert. Denn vermutlich kämpften 1415 um die 6000 Briten – durch Überfahrt und langen Marsch geschwächt – gegen zwischen 10.000 bis 50.000 Mann auf französischer Seite. Der französische Hochadel bestand – siegesgewiss – auf den prestigeträchtigen Ritt in vorderster Front. Und wurde vernichtend geschlagen. Denn die Briten hatten Langbogenschützen im Heer, die ein Minimum von zehn Pfeilen pro Minute abschossen. Die Maschinengewehre des Mittelalters. Und so ritten die französischen Adligen mit ihren Pferden in den tausendfachen Tod.

Ein Jahrhundert nach dem Ausbruch jenes Krieges, der mit Pferden begann und mit Panzern endete, beherrscht moderne Transport- und Waffentechnik die Schlachtfelder. Aber – das Pferd hat auch für den Soldaten noch nicht ganz ausgedient…

Sybill Ebers: "Das Interessante ist, dass die heutigen Soldaten ihre Kriegserlebnisse ja auch sehr schwer verarbeiten können, und 'posttraumatische Belastungsstörungen', so das korrekte Wort, haben. Und diese Störungen werden in der Tat mit Pferden therapiert, mit Hippotherapie. Was ich sehr interessant finde, ist, dass die Pferde dann wieder helfen, den Soldaten auf den richtigen gesundheitlichen Weg zu helfen."

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