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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.01.2014

Erster WeltkriegKurz und kritisch

Nicolas Wolz: "'Und wir verrosten im Hafen'", Anton Holzer (Hrsg.): "Die letzten Tage der Menschheit", Wilhelm Krull (Hrsg.): "Krieg von allen Seiten"

Doppelsitziges Flugzeug der deutschen Luftwaffe im ersten Weltkrieg mit nach hinten gesetztem Motor und aufgesetztem Maschinengewehr. (Undatiertes Archivbild aufgenommen zwischen 1914 und 1918). (picture alliance / dpa)
Doppelsitziges Flugzeug der deutschen Luftwaffe im Ersten Weltkrieg (picture alliance / dpa)

Nicolas Wolz berichtet über frustrierte deutsche Marineoffiziere und der Wiener Fotohistoriker Anton Holzer verbindet in einem lesenswerten Band Texte des wortmächtigen Karl Krauss mit Bildern des Ersten Weltkriegs.

(dtv München)Cover: "Und wir verrosten im Hafen" (dtv München)Für die Briten mag Kaisers Wilhelms Hochseeflotte eine Provokation gewesen sein. Doch die britische Blockade des deutschen Seehandels vermochte sie im Ersten Weltkrieg nicht zu sprengen. Von der Skagerrakschlacht abgesehen, lagen die großen deutschen Kriegsschiffe vor allem im Hafen. Die zur Untätigkeit verdammten Offiziere kompensierten ihre Frustration mit Saufgelagen, und bei den schlecht versorgten und oft erniedrigend behandelten Mannschaften wuchs der Zorn – bis hin zur Matrosenrevolte von 1917.

Es ist erfreulich, dass Nicolas Wolz diese Geschichte anhand von aufschlussreichen Dokumenten und Tagebuchaufzeichnungen rekonstruiert hat. Doch es ist unverständlich, dass er zwei der gewichtigsten Quellen ignoriert. 1928 beschrieb Joachim Ringelnatz in seinem autobiographisch fundierten Buch "Als Mariner im Krieg" die brisante Stimmung an Bord. Und im Jahr darauf veröffentlichte der Ex-Matrose Theodor Plievier den Dokumentarroman "Des Kaisers Kulis". Das Buch von Wolz hätte anschaulicher können, wenn er die derzeit grassierende Reserve der Historiker gegenüber literarischen Quellen überwunden hätte. 

Nicolas Wolz: "'Und wir verrosten im Hafen'. – Deutschland, Großbritannien und der Krieg zur See 1914-1918"
dtv München
352 Seiten, 21,90 Euro, als Ebook 18,99 Euro

 

(Cover: "Die letzten Tage der Menschheit")Primus Verlag (Cover: "Die letzten Tage der Menschheit")Die Fotografie hat dem Krieg seine Farben genommen. Aus dem bunten Getümmel, das einst Kriegsmaler auf die Leinwände bannten, wurde ein Feldgrau, das die farblichen Nuancen zwischen Gefreiten und Marschällen ebenso verwischte wie die zwischen Zugochsen und kaiserlicher Galauniform. Das zeigt auch der Band über den Ersten Weltkrieg, den der Wiener Fotohistoriker Anton Holzer herausgegeben hat. Er gleicht dieses Manko durch einen genialen Kunstgriff aus, indem er mit Karl Kraus einen seiner wortmächtigsten Landsleute zum Co-Autor macht.

Dessen Drama "Die letzten Tage der Menschheit" hat die Sprache des Krieges geradezu gespenstisch genau überliefert. Von der dröhnenden Propaganda bis zum Klagelied, vom Grölen der Kommiss-Köppe bis zum behaglichen Schmatzen der Etappensäue bleibt hier keine Klangfarbe, bleibt kein Tonfall ausgespart. Und wenn Kraus einen zerschossenen Wald klagen lässt: "Durch eure Macht, durch euer Mühn / bin ich ergraut. / Einst war ich grün", dann folgt dem allgemeinen Grauen auch hier ein Ergrauen.

Ein lesenswertes Buch und umso bemerkenswerter, weil die meisten von Holzers Kollegen derzeit wenig Sinn für die Literatur als Quelle zeigen.

"Die letzten Tage der Menschheit. Der Erste Weltkrieg in Bildern. Mit Texten von Karl Kraus"
herausgegeben von Anton Holzer
Primus Verlag
140 Seiten, 29,90 Euro

 

(Wallstein Verlag Göttingen)Cover: "Krieg von allen Seiten" (Wallstein Verlag Göttingen)Literarische Texte als Quelle? Gerne! Warum aber hat der Kultur- und Wissenschaftsfunktionär Wilhelm Krull diese Sammlung herausgegeben!? Achtzehn Erzählungen, mehr als die Hälfte völlig belanglos. Manche sind nicht einmal von Autoren selbst geschrieben, sondern Soldatentagebüchern entnommen. Sie sind bestenfalls Dokumente – keine literarische Texte. Nur vier davon sind lesenswert.

Das Ziel des Herausgebers war es, Kriegsverherrlichungen ebenso zu dokumentieren wie Antikriegshaltungen. Man liest vollbackig aufbrausende Selbstverherrlichungen vom Schlachtfeld, dann unerträglich dumpf stolze Abschusslisten von Kriegspiloten, und dann natürlich Texte gegen den Krieg. Doch die sind so parolenhaft und moralbeflissen, dass sie nahezu ohne Handlung oder erkennbare Charaktere daherkommen. Am Schluss des Buches sollen Egon Erwin Kisch und Ernst Jünger wohl retten, was nicht mehr zu retten ist.

"Ich riß einem Unteroffizier, der dieses Schauspiel mit offenem Munde beglotzte, das Gewehr aus der Hand. Mein erstes Opfer war ein Engländer, den ich auf 150 Meter zwischen zwei Deutschen herausschoß. Er klappte wie ein Messer zusammen und blieb liegen."

Drei Sätze von Ernst Jünger, dem Vielgeschmähten. Andere hätten weit mehr Schmähung verdient, denn sie schrieben auch noch schlechte Prosa.

"Krieg von allen Seiten. Prosa aus der Zeit des Ersten Weltkrieges"
herausgegeben von Wilhelm Krull
Wallstein Verlag Göttingen
222 Seiten, 19,90 Euro

 

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