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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 07.02.2014

Erster WeltkriegAkt der Aussöhnung, Stein des Anstoßes

Streit um Gedenktafel für deutschen Soldaten in Verdun

Von Ursula Welter

Die Gedenkstätte in Verdun-Douaumont (dpa / pa / Fellens)
Die Gedenkstätte in Verdun-Douaumont (dpa / pa / Fellens)

Im Beinhaus von Douaumont bei Verdun soll an diesem Wochenende erstmals eine Gedenktafel für einen deutschen Soldaten angebracht werden. Diese Geste gefällt nicht allen Franzosen, manche sprechen von Verrat an den eigenen Gefallenen.

Dieser Februar ist auch in Verdun mild, die untergehende Wintersonne wirft ein helles Licht auf die weißen Kreuze vor dem Beinhaus von Douaumont. 15.000 Gräber. Eine Bronzeplatte erinnert an den Händedruck von 1984: "Wir haben uns versöhnt, verständigt, sind Freunde geworden", ließen Francois Mitterrand und Helmut Kohl dort für die Nachwelt eingravieren.

Die französische Flagge weht im Wind. Kein Tourist. Am 15. Februar, ruft der Arbeiter, wird das Beinhaus offiziell wieder geöffnet. Während auf der Höhe des Thiaumont-Rückens, hier in Lothringen, die Arbeiter letzte Hand anlegen, erscheint in den Dörfern rundherum die Lokalzeitung "Est-Républicain" mit einer pikanten Geschichte.

"Stein des Anstoßes" schreibt das Blatt und berichtet über den wütenden Brief des ehemaligen Bürgermeisters von Haudainville, einer Nachbargemeinde Verduns. Yves Jadot zeigt sich schockiert, dass unter dem Tonnengewölbe des Beinhauses an diesem Sonntag die Gedenkplatte mit dem Namen eines deutschen Soldaten angebracht werden soll. Zum ersten Mal. 

"Genug der Reue"

Diese Geste, so zitiert die Zeitung aus dem Brief, sei Verrat am Gedenken für die "Poilus", die französischen Soldaten des Ersten Weltkrieges. "Genug der Reue", ruft der wütende Politiker demnach aus, "sollen wir uns am Ende beim Angreifer noch entschuldigen?"

Monsieur Jadot verwechsle "Reue" mit "Aussöhnung", zitiert das Blatt Bernard Boissé, den Präsidenten der für das Beinhaus zuständigen Gremien. Die Entscheidung des Verwaltungsrates, auch Namen von deutschen Soldaten dort anzubringen, sei mit großer Mehrheit und nach reiflicher Überlegung getroffen worden.

"Die Sache ist einfach", erklärt Colonel Henri Schwindt, Präsident der Föderation Maginot, die Schüler bei der Erinnerungsarbeit unterstützt. "Es wurde vorgeschlagen, auf den Steinen im Inneren des Beinhauses die Namen deutscher Soldaten anzubringen."

Der erste Name, der dort ab Sonntag zu lesen sein wird, ist der von Peter Frundl.

"Es gibt zwei gegensätzliche Parteien. Die einen sind dafür, die anderen sind es nicht", fasst Henri Schwindt den schwelenden Streit zusammen. "Es geht nicht um die Verdienste und die Erinnerung des deutschen Soldaten, der es wie der französische Soldat verdient hat, gewürdigt zu werden."

Aber: "Es geht darum, dass die Plakette im Innern des Beinhauses angebracht werden soll, einem Gebäude, das für die französischen Soldaten geschaffen wurde."

Valerie Giscard d’Estaing: "Eine Geste der Freundschaft"

Colonel Schwindt ist ein Mann der Aussöhnung. Seine Familie hat deutsche Wurzeln. Aber auch er hätte es besser gefunden, wenn außerhalb des Beinhauses, auf dem Schlachtfeld, ein gesonderter Ort für die Erinnerung an die deutschen Soldaten gefunden worden wäre.

Die sterblichen Überreste im Beinhaus von Douaumont gehören rund 130.000 nicht identifizierten französischen und deutschen Soldaten und doch gilt dieser Ort als der zentrale Erinnerungsort für die französischen Gefallenen und Vermissten:

"Die Anerkennung des deutschen Soldaten steht außer Frage. Es geht darum, dass dies an einem Gedenkort für Franzosen geschehen soll."

Am Sonntag wird die Plakette mit dem Namen des deutschen Soldaten angebracht, zuvor wird in der Kapelle des Beinhauses eine Messe zelebriert. Der frühere Staatspräsident Valerie Giscard d’Estaing, der eine Teilnahme an der Zeremonie mit Bedauern absagen musste, nannte das Vorhaben eine "Geste der Freundschaft".

Daran will auch Henri Schwindt keinen Zweifel aufkommen lassen. Aber die Zeit sei auch nach einhundert Jahren für viele französische Familien noch nicht reif, meint er, man dürfe die Dinge nicht überstürzen.

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