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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.02.2007

Erschütterndes Zeugnis menschlicher Gefühle

Ingmar Bergman, Ingrid Bergman, Maria von Rosen: "Der weiße Schmerz. Drei Tagebücher", Carl Hanser Verlag, München 2007, 259 Seiten

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Ingmar Bergman, schwedischer Filmregisseur (AP Archiv)
Ingmar Bergman, schwedischer Filmregisseur (AP Archiv)

Die Bergmans – Ingmar, der berühmte Filmregisseur, seine Frau Ingrid und die gemeinsame Tochter Maria von Rosen - haben viel geschrieben. In "Der weiße Schmerz" ist besonders vom Hoffen die Rede und von Verzweiflung, denn im Oktober 1994 wird bei Ingrid Bergman ein Magenkarzinom diagnostiziert, im Mai 1995 stirbt sie. Mit unvorstellbarer Wucht bricht die Katastrophe in den Alltag der Familie ein.

"Drei Tagebücher" heißt das 2004 in Schweden erschienene und von Maria von Rosen und Ingmar Bergman zusammengestellte Buch, das jetzt in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Der weiße Schmerz" vorliegt. Zu Recht erscheint in der deutschen Ausgabe auch der Name von Ingrid Bergman als Mitautorin. 1957 lernte sie den berühmten Filmregisseur kennen und zwei Jahre später wurde ihre gemeinsame Tochter Maria von Rosen geboren. Zu diesem Zeitpunkt waren Ingrid und Ingmar noch mit anderen Partnern verheiratet. Maria von Rosen musste zweiundzwanzig Jahre alt werden, um zu erfahren, dass Ingmar Bergman ihr Vater ist.

Die Bergmans haben viel geschrieben. Auch Maria. Sie begann im Alter von elf Jahren mit Tagebuchaufzeichnungen. Ingrid führte Tagebuch "solange sie zurückdenken konnte" und Ingmar vertraute sich während der letzten dreißig Jahre täglich einem Tagebuch an. "Wäre besser, wenn wir reden könnten", schreibt er am 11. März 1995. Denn die drei fanden nicht immer im Gespräch zueinander, auch davon ist in den Tagebüchern die Rede, aus denen Ingmar Bergman und Maria von Rosen eine Chronik gemacht haben.

Das Tagebuch setzt mit drei Eintragungen am 10. Oktober 1994 ein. Bis auf wenige Ausnahmen wird festgehalten, was Ingrid, Ingmar und Maria erlebt, gedacht, gefühlt und gehofft haben. Besonders vom Hoffen ist in diesem Buch die Rede und von Verzweiflung, denn am 11. Oktober wird bei Ingrid Bergman ein Magenkarzinom diagnostiziert. Ihre Aufzeichnungen brechen am 6. Mai 1995 ab. Vierzehn Tage später, in der Nacht zum 20. Mai stirbt sie im Alter von fünfundsechzig Jahren allein in einer Stockholmer Klinik.

Ingmar Bergmann wartet auf dem Korridor des Krankenhauses bis der Tod seine Frau, die er seit 37 Jahren kennt, erlöst. Kennt er sie wirklich? Maria schreibt einen Tag zuvor, dass ihre Mutter "bestimmt nur Ruhe und Frieden" braucht und "vielleicht gar keinen Besuch haben" will. Weiß sie wirklich, was ihre Mutter will?

Mit unvorstellbarer Wucht bricht die Katastrophe in den Alltag der Bergmans und ihrer Tochter ein – sie wird zum dauernden Ausnahmezustand, der ihnen neue Lebensformen aufzwingt. Aber wie geht man mit einer Krankheit um, die zum Tode führt? Wie mit einer Kranken, die keine Chance hat im Kampf gegen den Tod? Wie begegnet man Krankheit und Tod?

Viel ist in diesem Buch von Mut und von Feigheit die Rede. Auch von Angst, die Ingmar immer wieder befällt, sodass er sich weigert, seine vom Tod gezeichnete Frau zu sich zu nehmen. "Wäre ich nicht so verdammt feige, würde ich sie nach Hause holen und sie pflegen und ihr Sicherheit geben", notiert er am 6. April 1995. Aber das kann er ebenso wenig wie einen Scheck einlösen, einkaufen oder kochen. Er weiß, dass er keine Stütze ist, weiß, dass das "sechsundsiebzigjährige Kind" aus einem von Ingrid besorgten sicheren Heim "hinausgetrieben wird" - und wehrt sich.

Selbstbetrug, Selbstmitleid und Jämmerlichkeit auf Ingmars Seite zerren an einer Liebe, die er nicht aufgeben will. Am 6. Dezember schreibt er: "Im übrigen bin ich ein uralter, gesprungener Nachttopf, bis zum Rand gefüllt mit Selbstmitleid." Er fasst gute Vorsätze, will das eigene Ich hinten anstellen, aber scheitert oft genug bei der Umsetzung. Die Linderung eigenen und des Leids anderer, eine immer wiederkehrende Grundsituation in Bergmans Filmen, sie lässt sich für ihn einfacher in beeindruckende Bilder fassen als leben.

Das Buch, von dem Ingmar Bergman im Vorwort sagt, dass es sich um ein "Dokument" handelt, konfrontiert den Leser mit der ganzen Palette menschlicher Gefühlsregungen. Es ist ein intimes "Zeugnis", in das wir Einblick erhalten. Und es ist ein erschütterndes Dokument, das man freiwillig nicht ein zweites Mal liest, aber einmal unbedingt gelesen haben sollte.


Rezensiert von Michael Opitz


Ingmar Bergman, Ingrid Bergman, Maria von Rosen: Der weiße Schmerz. Drei Tagebücher
Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Mit einem Nachwort von Henning Mankell.
Carl Hanser Verlag. München 2007, 259 Seiten. 21,50 Euro

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