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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.03.2010

Erschütternde Dimension

Tidiane N'Diaye: "Der verschleierte Völkermord – Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika", Rowohlt Verlag Reinbek 2010, 256 Seiten

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Bevor die Sklaven beim Käufer eintrafen, waren schon 75 Prozent gestorben. (Stock.XCHNG / Steve Gray)
Bevor die Sklaven beim Käufer eintrafen, waren schon 75 Prozent gestorben. (Stock.XCHNG / Steve Gray)

12 Millionen Schwarzafrikaner wurden als Arbeitssklaven nach Amerika verschleppt; den Opfergang afrikanischer Sklaven in der westlichen Hemisphäre kann man minutiös nachzeichnen. Den Weg jener Afrikaner aber, die von arabischen Händlern in Richtung Osten, nach Asien, verschleppt wurden, haben erst wenige Sachbücher nachgezeichnet, und wenn, dann nicht auf Deutsch. Diese Lücke schließt das Sachbuch des französischen Anthropologen und Wirtschaftswissenschaftlers Tidiane N´Diaye: "Der verschleierte Völkermord – Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika".

Der Zeitraum, über den N´Diaye berichtet, reicht über 1300 Jahre: vom 7. bis ins 20. Jahrhundert. Saudi-Arabien hat die Sklaverei erst 1962 abgeschafft. Die Opfer waren ausnahmslos Schwarzafrikaner. Die Täter waren Händler aus dem arabisch-islamischen Raum, in erster Linie aus den nordafrikanischen Staaten von Marokko bis Ägypten, oder sie waren Araber von der arabischen Halbinsel.

Die Dimension der Ausbeutung Afrikas durch die Versklavung ist schwindelerregend. Nach vorsichtigen Schätzungen liegt die Zahl versklavter Afrikaner in der arabisch-asiatischen Welt bei 20 Millionen; 40 oder 50 Millionen sind ebenfalls denkbar. Zu der Zahl der Sklaven kommt auf jeden Fall die der Todesopfer hinzu, die die Versklavung mit sich brachte und die nicht in die Statistiken eingegangen sind. Bevor die Sklaven beim Käufer eintrafen, waren schon 75 Prozent gestorben, also drei von vier: verletzt oder getötet bei der Gefangennahme oder aufgrund von Erschöpfung bei den Transporten, den Gewaltmärschen wie zum Beispiel durch die Sahara.

Des Weiteren starb ein großer Teil der männlichen Sklaven an den Folgen der Kastration, die an jedem durchgeführt wurde. Bekamen Sklavinnen Kinder, wurden diese getötet. Neben der Ausbeutung durch Sklaverei haben wir es also mit einem Völkermord zu tun. Das Schicksal der Arbeitssklaven bestand in "Vernichtung durch Arbeit". Sie arbeiteten bis sie tot umfielen und wurden durch neue ersetzt. Das Buch trägt zu Recht den Titel "Der verschleierte Völkermord": Denn nie zuvor ist so detailliert und wissenschaftlich präzise diese furchtbare Geschichte dargestellt worden, mit vielen Quellen und Detailstudien. Nimmt man die Zahl der Opfer, so kann man vom größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit sprechen.

Das große Verdienst des Autors ist es, das verstreute, verschiedensprachige Material zusammengetragen und aufgearbeitet zu haben. Mit seinem Buch formuliert er zugleich einen Auftrag an Wissenschaft und Forschung, speziell der muslimischen Welt: Denn es gilt, ein Bild von der eigenen Geschichte kritisch zu beleuchten und zu fragen, welche Politik, welcher Menschenhandel, welcher Missbrauch im Namen eines verfälschten Islam getrieben worden ist. Tidiane N´Diaye, selbst Muslim, ist ein Jahrhundertbuch gelungen.

Über den Autor: Der Franzose Tidiane N'Diaye stammt aus Senegal, er ist Anthropologe, Wirtschaftswissenschaftler und Autor mehrerer Bücher, insbesondere über die Kulturen und Geschichte Schwarzafrikas.

Besprochen von Lutz Bunk

Tidiane N´Diaye, Der verschleierte Völkermord – Die Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika,
aus dem Französischen übersetzt von Christine und Radouane Belakhdar,
Rowohlt Verlag Reinbek 2010, 256 Seiten, 19.95 Euro.

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