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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.09.2016

Ersan Mondtags "Iphigenie" am Schauspiel FrankfurtAls hätte Pegida das "Vaterunser" neu geschrieben

Von Christoph Leibold

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Der Regisseur Ersan Mondtag spricht 2016 in Berlin während der Pressekonferenz zum 53. Berliner Theatertreffen. (picture alliance / dpa / Soeren Stache)
Der Regisseur Ersan Mondtag (picture alliance / dpa / Soeren Stache)

Der erfolgreiche Nachwuchsregisseur Ersan Mondtag hat die blutrünstige Familiengeschichte der "Iphigenie" für das Schauspiel Frankfurt bearbeitet. Er braucht kaum Worte für sein Bildtheater, das zwar unterhaltsam, aber wenig nachdenklich ist.

Goethe fand seine Iphigenie geradezu "verteufelt human". Ersan Mondtags Iphigenie-Bearbeitung am Schauspiel Frankfurt wirkt dazu wie der Gegenentwurf für eine Zeit, in der viele das Humanitätsdenken verteufeln. Mondtag braucht kaum Worte für sein Bildertheater. Dem wenigen, was gesagt wird, verleiht das Ensemble jedoch chorischen Nachdruck.

Am stärksten wirkt das Finale: eine mit finsterer Entschlossenheit skandierte Litanei gegen die Furcht vor dem Fremden, Anrufung zugleich der Artemis-Priesterin Iphigenie, die Skandierenden von dieser Angst zu befreien. Als hätte Pegida das "Vaterunser" neu geschrieben.

Hören Sie hier auch ein Porträt von Ersan Mondtag, der auf dem diesjährigen Berliner Theatertreffen zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt wurde.

Kurz darauf sieht man dieselben Schauspieler kniend, die Arme hinter dem Rücken verschränkt: Delinquenten vor dem Genickschuss. So schnell können sich die Rollen von Opfern und Tätern verkehren. Auch Iphigenie ist erst Opfer und wird dann Priesterin im Tempel, wo sie über die Opferung anderer Menschen wacht. Zugleich ist sie auf Tauris einen Geflüchtete, Fremde.

Inszenierung verliert sich in Bildern

Statt eines Tempels zeigt die Bühne (Stefan Britze) ein blutrotes Becken, knöcheltief mit Wasser gefüllt. Anfangs scheint es, als wolle Ersan Mondtag die Geschichte Iphigenies hier linear nacherzählen. Eine halbnackte junge Frau windet sich im Wasser, bäumt sich schreiend auf und wird schließlich auf eine Art Opferblock gelegt.

Doch dann franst der Erzählfaden aus. Immer wieder verliert sich die Inszenierung in Bildern, die eher den Spielmöglichkeiten des Raums geschuldet sind, als einem Nachdenken über den Mythos. Da hocken die Schauspieler schon Mal wie greinende Kleinkinder im Wasser, als säßen sie im Babybecken eines Hallenbads. Oder sie schliddern übermütig über den glitschigen Boden wie Teenies auf der Schaumparty. Sehr zwanglos wirkt das alles plötzlich. Zu selten: zwingend.

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