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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.08.2008

Erotisches Dreieck

Martin Amis: "Haus der Begegnungen", Hanser, 240 Seiten

In dem Roman geht es um eine Dreiecksbeziehung (AP)
In dem Roman geht es um eine Dreiecksbeziehung (AP)

Die Konstellation ist das altbekannte und vielbenutzte erotische Dreieck: eine Frau zwischen zwei Männern, zwei Brüdern. Der Ältere begehrt sie, der Jüngere liebt sie. Sie entscheidet sich für den Jüngeren.

Die Konstellation wird der Abgedroschenheit enthoben durch Zeit und Ort des Romans: Der englische Autor Martin Amis versetzt das Brüderpaar, den namenlosen Erzähler und seinen Bruder Lev, in den sibirischen Gulag, in die Welt der stalinistischen Arbeitslager jenseits des Polarkreises. Dort waren, im sogenannten "Haus der Begegnungen", hin und wieder eheliche Besuche erlaubt, wenn mutige Frauen die transkontinentale Reise auf sich nahmen, um eine Nacht mit ihrem speziellen Volksfeind zu verbringen.

Am 31. Juli 1956, im neunten Jahr seiner Haft, darf Lev einen Tag und eine Nacht mit seiner Frau Zoya verbringen - eine Nacht, die für alle drei alles verändert. Martin Amis, seit Jahren geradezu obsessiv auf die Menschheitsverbrechen in der Sowjetunion unter Stalin fixiert, legt hier eine Gulag-Erzählung vor, wie wir sie bisher nur von Augenzeugen kannten, die aus eigenem Erleben von ihrem legitimen Erfahrungseigentum berichteten, von dieser polaren Schreckenswelt aus Hunger, Kälte, brutaler Gewalt und Sklavenarbeit: Alexander Solschenizyn, Wassilij Grossman, Warlam Schalamow.

Martin Amis hat sich alles darüber angelesen und sein Wissen durchtränkt mit moralischer Empörung, einem verbissenen Hass auf Stalin und einer schrecklichen Faszination für das sowjetische Sozialexperiment des gewaltsamen Menschenumbaus, als dessen unmenschlichstes Labor der Gulag gelten kann. Amis’ Roman ist imprägniert von dieser Faszination, einer Mischung aus Abscheu, moralischer Verurteilung und der unstillbaren Neugierde des Schriftstellers, der erkennen und beschreiben will, wie weit sich Menschen unter solchen Extrembedingungen einer verbrecherischen Diktatur deformieren und brechen lassen - oder widerstehen.

Martin Amis beschreibt Jahre einer phantastischen Degradierung in der arktischen Eiswüste. Die Lagerwelt ruht auf zwei Pfeilern – Angst und Langeweile –, praktiziert die Erkenntnis von Thomas Hobbes ("Der Mensch ist des Menschen Wolf") und funktioniert nach dem Prinzip: Für dich - nichts; von dir - alles.

Der ältere Bruder versucht zwar, den jüngeren zu schützen, lässt sich aber auf die Lager-Spielregeln ein, beteiligt sich am Norilsker Häftlingsaufstand 1953 und wird zum mehrfachen Mörder. Lev, ein Poet und Pazifist, versucht hingegen, seine Menschlichkeit zu bewahren und ohne Bestialisierung durchzukommen. Beide kommen erst 1956 wieder frei, als Chrutschtschow die Lagerwelt auflösen lässt.

«Haus der Begegnungen» ist ein Roman über die Prüfung der Menschlichkeit unter den Extrembedingungen von Sklavenarbeit in der sibirischen Polarzone. Er erzählt eine deformierte Liebesgeschichte, handelt aber auch vom Neid und Hass unter Brüdern, von den Folgen staatlicher Gewalt, von Freiheit und Versklavung, von den Möglichkeiten des Widerstands, aber auch vom Altern, vom Verfall und von der Vernichtung der Lebenswelt. Im Besonderen handelt das Buch aber vom Niedergang und langsamen Aussterben Russlands, wo die Sterblichkeitsrate seit langem die Geburtenziffern übersteigt. «Russland stirbt. Und ich bin froh» – so lautet der frohlockende letzte Satz des sterbenden Erzählers.

Rezensiert von Sigrid Löffler

Martin Amis: Haus der Begegnungen,
Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Hanser, München 2008. 240 Seiten, 19,90 €

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