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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.08.2016

Ernst Wilhelm Händler: "München"Die skurrilen Probleme der besseren Kreise

Von Wolfgang Schneider

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Ein Mädchen macht Seifenblasen in der Nobeldiscothek P1 in München beim Sommerfest. Aufgenommen 2010. (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)
Sommerfest im P1 - hier trifft sich die Münchner Schickeria. (picture alliance / dpa / Felix Hörhager)

Ein schräger Gesellschaftsroman ist Ernst Wilhelm Händler mit "München" gelungen - und hat es damit auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Mit Scharfblick nimmt der Autor seine befremdlichen Figuren unter die Lupe: angeschlagene Coaching-Kunden, Besucher spektakulärer Kunstevents oder Gäste exklusiver Spociety-Partys.

Der Titel "München", das Genre "Gesellschaftsroman" – da denkt man gleich an "Schickeria" und Komödien aus den besseren Kreisen.

Ganz falsch liegt man mit solchen Assoziationen im Fall von Ernst-Wilhelm Händlers neuem Roman nicht. Er ist vergleichsweise locker und vergnügt geraten, verglichen jedenfalls mit der Ambitioniertheit, der systemtheoretischen Unterfütterung und dem knirschenden Ernst, den man aus früheren Werken dieses Autors kennt.

Bessere Kreise – das sowieso. Geld ist kein Problem für die hier auftretenden Figuren. "Sein Vater war einer der größten Immobilienunternehmer in München", heißt es zum Beispiel. Oder: "Schau mal, der Baselitz da, der hing schon mal bei mir zu Hause."

Die reiche Erbin Thaddea Klock, Hauptfigur des Romans, besitzt zwei edle Häuser in Schwabing und Grünwald, die in Designzeitschriften abgebildet sein könnten. In einem lebt sie ihre minimalistische Single-Existenz, im anderen startet sie gerade ihre Praxis als freie Therapeutin und Coach für Businessmenschen mit schwer definierbaren Problemlagen.

Coach Thaddea mangelt es an Empathie

Thaddea steckt allerdings selbst tief in der Krise, seit ihr Freund Ben-Luca, ein Galerist, sie mit ihrer besten Freundin Kata, einer Architektin, betrogen hat. Mit beiden bricht sie den Kontakt ab. Ihr Verhältnis zur Welt ist merkwürdig detachiert, sie kann kaum zuhören und Empathie aufbringen, und sie glaubt nicht an Ursachen.

Eine schlechte Voraussetzung für die Therapie-Arbeit, die üblicherweise in traumatisierten Seelen, stagnierten Biografien und verschütteten Erinnerungslandschaften nach "Ursachen" und Motiven sucht. Entsprechend skurril gestalten sich Thaddeas Klienten-Gespräche, etwa mit einer Managerin, die im Rainald-Goetz-Stil die Meetings ihrer Geschäftsführung als Machtskulpturen schildert. 

Zum schrägen Gesellschaftsroman wird "München" durch die Wahrnehmungsexerzitien. Menschen werden hier wie unter der Lupe beobachtet – seien es die angeschlagenen Klienten in Thaddeas Praxis, seien es die Leute, denen sie in Galerien, bei spektakulären Konzeptkunst-Events (bei einem ist die nachgebaute DDR-Grenze mitsamt Selbstschussanlagen zu überwinden) oder auf exklusiven Society-Partys begegnet.

Händler scannt Gebärden und Ausstattungsdetails 

Der Erzähler liefert Porträts, die in ihrem Willen zur physiognomischen Bedeutsamkeit an Thomas Manns Gesichtsbeschreibungen erinnern; er scannt die Gebärden und Ausstattungsdetails (Frisuren, Kleidung, Schuhe) und buchstabiert die Sprache der Mode nach wie ein kurioses Idiom. Thaddea und ihre Kreise sind Fashion-Victims, und es wird auch teuer eingekauft in diesem Roman.

Zwar verfügt Händler, der sich hier in der Gestalt des Schriftstellers Franz Rumpold auf witzige Weise selbst porträtiert, über psychologischen Scharfblick und liefert viele bemerkenswerte Aperçus, allerdings verweigert er eine psychologische Gestaltung der Figuren im herkömmlichen Sinn. Wie Thaddea misstraut er "Ursachen" und "Erklärungen".

Klug, geistreich, komisch, cool – man kann der Prosa dieses Romans einiges nachrühmen. Eine plausible, gar spannende Handlung hat "München" allerdings nicht zu bieten. Deshalb wird die Lektüre auf 350 Seiten öfter mal langatmig und anstrengend.

Aber immer wieder gibt es Momente gleichsam schreiender Wahrnehmung, etwa gleich zu Beginn, wenn Thaddeas erster Klient mit einem klaffenden Loch in der Wange auftritt, einer verstörenden Fleischwunde, womöglich die Folge eines Blitzeinschlags. Und so merkwürdig-befremdlich wie vieles in diesem Roman.     

Ernst Wilhelm Händler: München. Gesellschaftsroman
S. Fischer 2016, Frankfurt/Main 2016
351 Seiten, 23,00 Euro

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