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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.01.2019

Ernst Paul Dörfler: "Nestwärme"Ein Appell an unser Umweltgewissen

Von Susanne Billig

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"Nestwärme" von Ernst Paul Dörfler (Hanser Verlag/imago/Stephan Görlich)
Für sein Buch „Nestwärme" hat Ernst Paul Dörfler auch allerneueste Forschung mitberücksichtigt. (Hanser Verlag/imago/Stephan Görlich)

In "Nestwärme" schildert der Ökologe Ernst Paul Dörfler die verblüffenden Aspekte des Vogellebens und verweist auf das massive Artensterben. Zudem fließen auch seine Erlebnisse als Umweltaktivist zu DDR-Zeiten in das Buch mit ein.

Werdende Zebrafinken-Eltern unterhalten sich intensiv mit ihren ungeborenen Küken – durch die Eierschale. Thema der Kommunikation: die aktuelle Wetterlage. In seinem Buch "Nestwärme" erzählt der Ökologe und Pionier der einstigen DDR-Umweltbewegung Ernst Paul Dörfler von den erstaunlichen Lebenswelten der Vögel.

Die Zebrafinken sind nur eines von zahllosen Beispielen: Wenn es draußen wärmer wird als 26 Grad, senden Altvögel dieser Art fünf Tage vor dem Schlupftermin spezielle Rufe aus. Ihre Küken drosseln daraufhin das Wachstum und schlüpfen klein genug, um auch bei Hitze gut klarzukommen. Hausspatzen, weiß der Autor, legen gleich unterschiedlich große Eier – kleine Küken für warmes, große für kühles Wetter.

Zaunkönige ballen sich zu "Wärmekugeln" zusammen

"Intelligenz und Persönlichkeit", "Das Sozialleben der Vögel", "Fit, schön und gesund", "Ein Hoch auf den Rollentausch", "Fernweh", "Im Reich der Träume" heißen Kapitel in diesem Buch. Darin gelingt Ernst Paul Dörfler das Kunststück, Grundlagenwissen über die gefiederte Tierwelt klar und knapp einzuflechten, sein Hauptaugenmerk jedoch auf die wundersamen, verblüffenden und ungewöhnlichen Aspekte des Vogellebens zu legen:

Zaunkönige, die sich nachts zu "Wärmekugeln" zusammenballen. Gleichgeschlechtliche Liebesbeziehungen bei einer Reihe von Vogelarten. Schwäne, die unverbrüchlich an der Seite kranker Partner ausharren. Waldschnepfen, die nicht auf den Strich gehen, sondern ihn promiskuitiv entlang fliegen. Die atemberaubenden Durchhaltefähigkeiten der 500 Millionen Vögel, die jährlich mit kleinen und großen Schwingen riesige Distanzen zwischen Nord und Süd durchmessen.

Von der Stasi argwöhnisch überwacht

Allerneueste Forschung schüttelt dieser Autor nur so aus dem Ärmel. Gleichzeitig hat sein Buch einen wunderbar altmodischen Touch. Es gibt keine Spiegelstriche, keine Textkästen, weder bunte Bilder noch Tabellen noch fett gedruckte Merksätze. Stattdessen fortlaufender Text, zurückhaltend gesetzt wie ein Roman, aufgelockert mit einigen anrührenden Zeichnungen von Vögeln in Nestern und auf Wiesen, dazu die erzählende Stimme eines Mannes, der etwas zu erzählen hat. Über Vögel sowieso, aber auch aus dem eigenen Leben – immer wieder wandert er zurück in seine Kindheit, zu seiner Hühner- und Spatzenliebe schon als kleiner Junge.

Enttäuschung nach der Wende

Er schildert sein Umweltengagement in DDR-Zeiten, von der Stasi argwöhnisch überwacht, und die pfiffigen Tricks, mit denen er Verboten und Schikanen zu entgehen versuchte. Aber auch die Enttäuschung nach der Wende spart Ernst Paul Dörfler nicht aus, als er erkennen musste: Die Flüsse in den neuen Bundesländern werden zwar sauberer, aber die kapitalgetriebene Globalisierung exportiert die Umweltkosten des westlichen Lebensstils nur in arme Länder. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Und so ist dieses Buch immer wieder auch als Appell an das Umweltgewissen unserer Gesellschaft zu lesen: Vögel sterben massiv aus, weil es kaum noch Lebensräume und Insekten gibt. Der pragmatische Ernst Paul Dörfler nennt etliche konkrete Vorschläge für Notfallhilfen, aber er sagt auch: Die Zeit drängt.

Ernst Paul Dörfler: "Nestwärme. Was wir von Vögeln lernen können" 
Hanser Verlag, München 2019
288 Seiten, 20,00 Euro

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