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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.04.2013

Erneuern oder bewahren?

Streit um die Zukunft von Roms schönster Straße, der Via Giulia

Von Thomas Migge

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Straßenschild Via Giulia in Rom (picture alliance / dpa / Lars Halbauer)
Straßenschild Via Giulia in Rom (picture alliance / dpa / Lars Halbauer)

In Rom herrscht Streit: Sollte die historische Fassade der Stadt bewahrt werden oder sollte man moderner Architektur eine Chance geben? Meist geschieht ersteres. Derzeit versuchen einige prominente Römer, ein Neubauprojekt in der schönen Via Giulia zu verhindern.

"Wenn das kein Grund ist, sich einmal grundsätzlich Gedanken darüber zu machen, wie man solche Kulturgüter schützt! Was hier geschieht ist nicht nur einfach unerhört, sondern das hat sich in den, sagen wir, letzten 30 Jahren niemand erlaubt!"

Der römische Historiker Piero Bevilacqua ist außer sich. Er wohnt in der Via Giulia in Rom - und damit in der vielleicht schönsten, sicherlich aber am besten erhaltenen historischen Straße der ewigen Stadt. Schnurgerade verbindet sie den Corso Vittorio Emanuele mit der Via dei Pettinari. Eine Straße mit Palästen und Kirchen und fast ohne Autoverkehr, rund einen Kilometer lang. Ein Straßenprojekt des bauwütigen Renaissancepapstes Julius II., der Rom von 1503 bis 1513 mit eiserner Hand regierte.

Er gefiel sich in der Rolle einer Art Kaiser einer Stadt, die architektonisch wieder an die glorreiche Vergangenheit der Antike anknüpfen sollte. Unter seinen verschiedenen Bauprojekten zur Erneuerung Roms befand sich auch die Via Giulia. Er verpflichtete den Adel seiner Stadt dazu, sich ihre Residenzen in dieser neuen Straße zu errichten. Das taten nicht alle Kardinäle und sein Tod machte dem ehrgeizigen Projekt einen Strich durch die Rechnung.

Kunsthistorischer Leckerbissen

Doch die Straße fasziniert mit hochherrschaftlichen Palastbauten wie dem Palazzo Sacchetti, dem Palazzo Farnese und dem Palazzo Ricci. Im Ganzen sind es zehn Paläste und neun Kirchen, die die Via Giulia zieren. Ein kunsthistorischer Leckerbissen, der sich aber in großer Gefahr befindet, befürchtet der populäre Schauspieler Carlo Verdone:

"Deshalb haben wir uns entschieden, einen Appell zu verfassen. Einen Appell zur Bewahrung und Rettung der Via Giulia, denn die ist bedroht. Von Bauspekulanten, die die Straße zerstören wollen. Zerstörungsversuche scheinen ein Zeichen dieser Zeit zu sein!"

Den Unterzeichnern des Appells - darunter Kunsthistoriker wie Claudio Strinati, Künstler wie Dario Fo, Schriftsteller wie Dacia Maraini und andere Intellektuelle – geht es darum, ein Bauprojekt zu verhindert.

In der Mitte der Straße will ein Bauunternehmen - die Genehmigung zu diesen Arbeiten durch die rechtsregierte und bauunternehmerfreundliche Stadtregierung liegt bereits vor - einen großen Hotel- und Wohnungskomplex errichten. Ein so genanntes "Urban Center". Auf einem Gelände, das seit dem letzten Weltkrieg unbebaut ist. 1939 ließ Duce Benito Mussolini eine Gruppe alter Häuser abreißen, um einen Neubau zu errichten. Doch dann kam der Krieg dazwischen und das Baugebiet blieb Brachland. Ein Baugebiet, das zwischen der Via Giulia und dem nahen Tiber liegt.

Geschmierter Bürgermeister

Das mit großer Vehemenz vom Bürgermeister vorangetriebene Projekt - vermutet wird, dass er mit einigen zehntausend Euro geschmiert wurde, um dem Bauunternehmen keine Steine in den Weg zu legen - droht die Gesamtansicht der historischen Straße zu beschädigen. Eine Straßenansicht, so die verärgerten Unterzeichner des Appells, die so gut wie intakt ist. Zu den Unterzeichnern des Appells gehört auch die Kunsthistorikerin Paola Cipriani:

"Seit der Renaissance ist diese Straße eine ausgewogene Mischung aus Geschäften, Handwerksläden, Palästen, Kirchen und Herbergen. Alle Gebäude sind in einem mehr oder weniger einheitlichen architektonischen Stil errichtet worden. Wenn man jetzt hier einen modernen Baublock hinknallen würde ist es mit dieser Integrität vorbei! Wenn wir nicht aufpassen, ist es bald aus mit dem Zauber dieser Straße"

Die römische Altertümerbehörde versucht jetzt, das Bauprojekt zu verhindern und hat deshalb erst einmal archäologische Grabungen in die Wege geleitet. Gefunden wurden im Erdreich Baureste aus Mittelalter und Barock. Doch solche Gebäudereste haben in der Vergangenheit die Stadtverwaltung nie daran gehindert Bauprojekte zu realisieren.

Das geplante "Urban Center" in der Straße von Papst Julius II. ist zum Synonym für den Versuch geworden, so die Bürgerinitiative zur Rettung der Via Giulia, Roms historisch gewachsenes Stadtbild zu verändern, zu zerstören.

Umstrittene Kuppel

Ein anderer Fall, der in diesen Wochen in Rom für Ärger und böse Diskussionen sorgt, betrifft eine nagelneue Kuppel von Roms Stararchitekt Massimiliano Fuskas. Sie wurde auf das Dach eines während des Faschismus errichteten Gebäudes in der zentralen Via Tomacelli gesetzt – eine Kuppel ganz aus Glas und Stahl und gut sichtbar. Sie wurde bei Fuskas von einem Modekonzern in Auftrag gegeben, der mit einem architektonischen Zeichen auf sich aufmerksam machen will.

Ganz in der Nähe dieses, so die römische Chefarchäologin Fedora Filippi, "üblen Architekturfrevels", erhebt sich das Museum für den Friedensaltar von Kaiser Augustus, ein blütenweißer minimalistischer Bau von Richard Meyer. Auch dieser rund zehn Jahre alte Neubau erregt immer noch römische Gemüter. Immer noch wird gefordert, den Museumsbau abzureißen. Mit dem Argument, dass er einfach nicht in das Stadtbild passe. Massimiliano Fuksas bezeichnet Einstellungen wie diese als dumm und anachronistisch:

"Weder das eine noch das andere wird bei uns gemacht. Wir haben keine Regierungen, die sich wirklich um den Erhalt unserer Kulturgüter kümmern, und wir haben keine Kulturpolitiker, die in neuer Architektur eine Bereicherung sehen. Viele unser alten Gebäude sind kunsthistorisch unbedeutend. Sie gammeln vor sich hin. Also könnte man sie doch mit hochwertiger zeitgenössischer Architektur ersetzen. Hier wird nie Großartiges realisiert"

Die Unterzeichner des Appells zur Bewahrung der Via Giulia sind sich einig: Ihnen geht es einzig und allein um die Bewahrung des historischen Aussehens ihrer Straße. Wahrscheinlich, so Massimiliano Fuksas, wird der Neubau nicht errichtet und das Baugebiet wird weitere Jahrzehnte vor sich hin gammeln, als Wohnort für Katzen und als illegaler Müllabladeplatz. Wäre es da nicht besser, fragt der Architekt, diese Baulücke der Straße mit einem hochwertigen Neubau zu füllen?

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