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Tonart | Beitrag vom 06.06.2016

Ernest: "Les contes défaits"Pop-Chansons als romantisches Gesamtkunstwerk

Von Karoline Knappe

Ein Schwan spiegelt sich am 05.04.2016 auf dem Wasser des Weißensees bei Füssen (Bayern). (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Die französische Band "Ernest" lässt sich auch von den Werken Hans Christian Andersens inspirieren, etwa vom Märchen "Die wilden Schwäne" (dpa / picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)

Julien Grayer ist der Kopf der neuen französischen Band "Ernest". Deren Musik ist von ganz besonderer, verspielter Art: Die Märchenwelt Hans-Christian Andersens geht in der Gegenwart auf, französisches Chanson trifft auf Rock - zu hören auf ihrer ersten CD.

Ernest ist ein Gesamtkunstwerk. Eine Märchenwelt, die sich die fünf Jungs aus Straßburg geschaffen haben. Und das nicht nur mit ihrer Musik – denn die Konzerte von Ernest sind vielmehr eine Performance, erzählt Sänger Julien Grayer.

"Man sieht fünf Leute – Ernest, den ich spiele, der von vier Musikern umgeben ist: vom Docteur Wetterer, der hinter einem Klavier sitzt, das aussieht, als wäre es einem Roman von Jules Vernes entsprungen. Vom Barbier Bernhardt hinter dem Schlagzeug, dann Monsieur de la Transat, der ein Reisender ist – jedenfalls weiß man nicht so genau, ob er aus einem Flugzeug oder einem U-Boot gestiegen ist, aber er hat jedenfalls mit alten Fahrzeugen zu tun, und dann gibt es den Matrosen Mary – mit einer extravaganten Frisur.

Und mit den Kostümen, dem Dekor und dem Licht entsteht ein, wenn man so will, zeitloser Raum, ein Raum außerhalb der Zeit, den man eher dem 19. als dem 21. Jahrhundert zuordnen würde."

Auch die Instrumente sind mit überdimensionierten Zahnrädern und anderen futuristisch anmutenden Teilen verkleidet, sie wirken so wie seltsame Zukunftsmaschinen. Wie Instrumente, mit denen man durch die Zeit reisen kann.

Ernest als wilder, schwarzer Schwan

Dazu die Musiker mit Zylinder und Spazierstock und im Frack – oder aber verspielt, verkleidet, geschminkt, einmal mit großen schwarzen Pappschnäbeln im Gesicht, die im Takt nicken, während Ernest als wilder schwarzer Schwan die Flügel ausbreitet.

Das Chansonprojekt "Ernest" ist Ende 2011 entstanden. Zusammen mit dem Komponisten und Arrangeur Patrick Wetterer wollte Julien Grayer ganz eigenwillige, bisweilen skurrile Chansons auf die Bühne bringen. Bemerkenswert ist dabei, dass Julien Grayer vom Hard Rock über Funk, Grunge und Reggae zum französischen Chanson kam. Nicht zuletzt, weil sein Englisch so schlecht war, dass sich damit nur schwer die Inhalte vermitteln ließen, die ihm wichtig waren. Das ging nur in seiner Muttersprache und nur mit einer Kunstfigur wie Ernest.

"Ernest ist eine romantische Figur, gleichzeitig eine zynische, die enttäuscht ist, weil die Märchenliteratur sie vergessen hat – und die sich nun rächt."

Ernest rächt sich vor allem an seinem Erfinder und Alter Ego Julien Grayer, indem er ihn verfolgt. Ernests Ideen seien wie Krebsgeschwüre, alle seine Lieder hätten Tumore, singt Julien Grayer. Er versuche, ihn loszuwerden, ihn zu überwinden wie die Ostdeutschen einst die Berliner Mauer:

Ernest als Alter Ego von Julian Grayers

Wie ernst es Julien Grayer meint mit seinem Ernest, bleibt rätselhaft. Mit Batman-T-Shirt, langen Haaren, Drei-Tage-Bart und einer verkehrt herum aufgesetzten, ansonsten aber eher altmodisch wirkenden Schirmmütze ist Julien Grayer seinem Alter Ego / Kunstfigur  Ernest gar nicht so unähnlich.

"Das ist ein Typ von der Sorte Kurt Cobain, der Tango tanzen würde zu einer Melodie von Brahms, während er Baudelaire rezitiert –  und das alles ein bisschen schräg."

"Die Figur Ernest kommt eigentlich aus der Märchenwelt, weil ich sehr von Märchen inspiriert war. Vor allem die Märchen von Hans-Christian Andersen waren wichtig für mich, als ich klein war, und Ernest ist mein dritter Vorname, naja, und als wir dieses Projekt auf die Beine gestellt haben, da fühlten wir uns sehr angezogen von der Musik des 19. Jahrhunderts, so, wie wir sie uns vorstellten, und da fanden wir, dass Ernest ganz gut dazu passte, weil es ein bisschen "old school" ist."

So entsteht eine sehr eigene Mischung: Die Märchenwelt Hans-Christian Andersens geht im Heute auf, französisches Chanson trifft auf Rock. Dazu ein leicht verstimmtes Banjo, ein bisschen Gypsi, ein bisschen Jazz. Bezüge zu Serge Gainsbourg und Andersen sind  ganz bewusst gesetzt:

"Deshalb spielt auch eine weibliche Figur in den Chansons von Ernest eine so wichtige Rolle: Élisa. Élisa ist die Prinzessin in Andersens Märchen 'Die wilden Schwäne'. Und sie ist auch ein Verweis auf das berühmte Chanson von Serge Gainsbourg."

Old School, Retro oder Vintage? 

Die Märchen, die für Julien Grayer als Kind besonders wichtig waren, tauchen so in den Chansons wieder auf. Er transformiert sie, baut sie um – und gibt ihnen eine neue Form, einen neuen Zeitbezug.

"Wir machen daraus eine Mischung. Daher auch die Nähe zum Steam Punk, einer Strömung, die den Blick auf die Zukunft richtet, aber auf eine Zukunft, die aus dem Vergangenen gemacht ist. Da liegt etwas Dekadentes drin, es ist das Bild einer Zukunft, die sich selbst zerstört. Und das sich mit der schönen und edlen Vision der Romantik von früher mischt und ihr gegenüber gestellt wird."

Auf den Punkt zu bringen, was "Ernest" eigentlich ausmacht, ist schwierig. Zwar trifft es "old school", "retro" oder "vintage" recht gut, doch gleichzeitig unterwandert die Band alle Versuche, auf einen bestimmten Stil festgelegt zu werden. Sie nutzt  die verschiedenen Elemente ihrer Musik und deren Präsentation vor allem dazu, mit ihnen zu spielen.

"Oft ist es einfach eine Konstruktion: Es ist eine sehr plastische Form von Musik. Wir versuchen weder besonders zynisch zu sein, noch ironisch, noch geht es uns darum zu schockieren oder das Publikum zum Weinen zu bringen, sondern wir setzen einfach etwas zusammen, ausgehend von verschiedenen, einander entgegen gesetzten Ideen und gucken, was draus wird."

Swing mit enormer Wucht

Doch genau diese Art der Konstruktion schafft natürlich auch etwas Künstliches. Dabei werden vereinzelt vielleicht auch zu viele Elemente kombiniert, ohne dass sich dann eine innere Stringenz auf Anhieb erschließen würde. Auch sind die Texte, in denen eigene Erlebnisse Julien Grayers in die Märchenmotive einfließen - gewollt oder ungewollt - nicht immer frei von schiefen Bildern, was allerdings nur Französischkennern auffallen dürfte

Im Zweifelsfall versteckt sich Grayer einfach hinter dem berühmten französischen second degré – der Ironie -  und Ernest ist mit sich und der Welt wieder  im reinen. Wie schrieb doch die Zeitung "Le Figaro":

"Mit Ernest tauchen wir in eine wunderliche und theatralische Welt ein, durch einen Swing mit enormer Wucht und Wirksamkeit.”

Nicht mehr und nicht weniger.

 

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